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Stefan Laurin: Fleischessen ist eine Klassenfrage

Der freie Mensch ist das Problem

Fleischkonsum mache das Klima kaputt, behaupten die Verzichtsprediger. In Wirklichkeit sind sie die Zukunfts­verweigerer.

Kommentar von Stefan Laurin

Süßigkeiten, Alkohol, Zigaretten, Drogen, Sex, Autos, Glücksspiel und selbstverständlich auch Fleisch: Alles, was Spaß macht und dem Bild des selbstdiziplinierten, ökologisch bewussten und allen anderen überlegenen Menschen widerspricht, wird seit einigen Jahren mit Tugendfuror angegriffen. Was früher eine Frage des Lebensstils, des Einkommens und der eigenen Vorlieben war, wird zu einer Frage von Leben und Tod stilisiert. Da mag die Luft in den Großstädten seit Jahrzehnten immer sauberer werden und die Lebenserwartung weltweit beständig steigen, irgendwo steht immer ein schnöseliger Grüner oder ein aufgeregter, Socken zu Sandalen tragender Protestant und wedelt wichtigtuerisch mit einem Schild, auf dem »Das Ende ist nah« steht, vor anderer Leute Nase herum. Das ist besonders lästig, wenn man gerade versucht, die Reste eines Döners aus den Zahnzwischenräumen zu pulen oder sich eine Zigarette anzuzünden. Immer geht es um das große Ganze, um den Tod, das Schmelzen der Polkappen und den Untergang der Welt.

Auch wenn sich fast jede alarmistische These bestens mit Statistiken belegen lässt, stört die Penetranz der Verhaltenskritik, die fast eine religiöse Dimension hat. Der sündige Mensch hat nicht die geringste Chance, ein reines Leben zu führen. Isst er kein Fleisch und keinen Zucker mehr, muss er sich fragen lassen, ob sein Kalorienverbrauch an sich nicht ein Problem für die Geschöpfe auf diesem Planeten darstellt. Belästigt er seinen Nachbarn nicht mehr mit Zigarettenrauch, ist es der Lärm, den er verursacht, der den sensiblen Mitmenschen Stress und damit üble Herz-Kreislauf-Probleme beschert. Gibt er sich nicht dem Glücksspiel und dem hemmungslosen Geschlechtsverkehr hin, ist es der Müßiggang, in dem nach Erwerbsmöglichkeiten suchende Psychologen ein Suchtpotential erkennen, denn wie alle anderen kritisierten Verhaltensweisen auch, zählt auch die acedia, die Faulheit, zu den sieben Todsünden. Der freie Mensch an sich ist das Problem. Eine Vorstellung, die man nicht teilen sollte.

Die sockentragenden Sandalenfreunde verlängern gerne die Gegenwart in die Zukunft, ohne zu berücksichtigen, dass es Fortschritte geben wird. Sie ahnen vielleicht, dass eine optimistische Sicht auf die Zukunft die Bedeutung ihrer Kritik schmälern würde. Einem israelischen Unternehmen sind unlängst erhebliche Fortschritte bei der Herstellung von Fleisch in Bioreaktoren gelungen (siehe Seite 4). Die durchaus kritikwürdige Viehzucht könnte irgendwann überflüssig werden. Auch wenn die Marktreife noch in weiter Ferne liegt: Solche Vorhaben machen eine bessere Welt denkbar, im Gegensatz zu den moralisierenden Versuchen, menschliches Verhalten zu reglementieren.

Vor allem werden solche Verhaltensweisen zu Problemen erklärt, die der »Unterschicht« zugeschrieben werden. Es ist eine hässliche Vorstellung, dass ein veganer SUV-Fahrer mit großer Altbauwohnung in München-Schwabing sich einer Putzfrau mit einer kleinen Sozialwohnung in Köln-Chorweiler überlegen fühlt, nur weil er in ein Hirseschnitzel beißt, während sie die Billigmortadella aus dem Discounter auf ihr Brötchen legt. Die Armen schädigen, über alles gerechnet, am wenigsten die Umwelt. Sie haben es nicht nötig, sich von den Reichen vorführen zu lassen.