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Ivo Bozic: Kolumne "Bitte nicht füttern"
Jungle World Nr. 2, 12. Januar 2017inland

Nafris, PoC und Co.

Kolumne "Bitte nicht füttern" von Ivo Bozic

Das Tier des Jahres 2017 ist die Haselmaus, ein süßer Fratz, aber: keine Maus. In Wirklichkeit ist die Haselmaus ein Bilch, wie der Siebenschläfer. Heikel. Denn die Haselmaus heißt nicht nur wie eine Maus, sie sieht auch so aus. Und damit wären wir also wieder auf der Kölner Dom­platte und beim ersten Aufreger des neuen Jahres: racial profiling. Dazu muss man wissen: Critical Blackness, das ist, wenn deutsche Kartoffeln auf dem Kölner Domplatz einen safe space für sich haben wollen. Da braucht es eine strenge Türpolitik. Doch Segregation ist schwieriger, als man denkt. Es gibt zum Beispiel Persons of Colour, die nicht genug Colour haben, um als solche erkannt zu werden. Einige dieser Persons of less Colour fühlen sich deswegen unter Persons of rischtisch Colour sogar diskriminiert. Sie möchten auch gerne als Opfer des Rassismus ­anerkannt werden, gehen jedoch als Weiße durch. Dieses Schicksal nennt sich in der Critical-Whiteness-Blase »white passing«. Hengameh Yaghoobifarah aus Kiel etwa: »Meine Haut ist hell, das stimmt. Trotzdem bin ich vom Weißsein weit entfernt.« Denn sie werde wegen ihres Namens rassistisch diskriminiert. Und recht hat sie! Ich auch. Hengameh und ich hätten ohne weiteres zusammen Silvester auf der Dom­platte feiern können, aber racial profiling erfolgt auch auf dem Wohnungsmarkt oder bei der Bewerbung.

Wie soll man nun Terroristen, also Nichtdeutsche, erkennen? An der Farbe der Haare oder der Haut? Am Namen? Am Pass? Und wie soll das »Feministische Archiv« an der Universität Marburg kontrollieren, dass sich zu den »Black_P.o.C. Öffnungszeiten« nicht Weiße einschleichen, die nur vorgeben, PoC zu sein? Am Ende stellt sich die Frage, ob nicht diese ganzen Klassifizierungen mehr über die Klassifizierer aussagen, als über die Klassifizierten. Und somit wären wir wieder bei der Haselmaus, dem kleinen Nager, Familie: Bilche, Unterordnung: Hörnchenverwandte, Klasse: Säugetiere, Opfer des mouse passing. Michel Foucault ­zitiert in der »Ordnung der Dinge« Jorge Luis Borges, der wiederum »eine ­gewisse chinesische Enzyklopädie« zitiert, in der es, ganz anders als in der heute üblichen Taxanomie, heiße, dass »die Tiere sich wie folgt gruppieren: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabel­tiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen«.

Ich weiß nicht, wer Katja Voigt ist, aber sie hat einmal gesagt: »Bei so vielen Schubladen, wie wir Menschen sie unterhalten, sind Socken garantiert nicht das Einzige, was verloren geht.« Spätestens dieser Satz, den man auf der Webseite aphorismen.de findet, sollte uns 2017 zu denken geben.