Jungle World abonnieren
Jungle World - shop
von Sabine Küper-Büsch: »Feiert nicht!« - Zur Symbolik der Anschläge in Berlin und Istanbul

Vereint im Hass

Nach dem Anschlag auf einen Club in Istanbul: In seinem Bekennerschreiben verteufelt der »Islamische Staat« die Feiern zum Jahresende mit einer Rhetorik, die der islamisch-konservativen Propaganda in der Türkei auf unheimliche Art ähnelt.

von von Sabine Küper-Büsch

Vor dem Anschlag auf den Istanbuler Club Reina wirkte die antiweihnachtliche Hetzkampagne in der Türkei auf viele eher lächerlich. Die regierungsnahe Satirezeitschrift Misvak veröffentlichte ein Titelblatt, auf dem Santa Claus auf seinem Schlitten durch den Himmel eilt und einen türkischen Kampfjet kreuzt. Der Pilot entgegnet: »Ich kenne keinen Weihnachtsmann. Sobald du den türkischen Luftraum erreichst, wirst du abgeschossen.« Es ist der dumpfe Witz einer Propagandazeichnung, die ohne Ironie und Esprit auskommt. Misvak bedient vor allem die Ultrakonservativen, die sich von der oppositionellen Satireszene provoziert fühlen.

Die Beiträge, die einen Kulturkampf propagierten, wurden in den Tagen und Wochen vor dem Jahreswechsel vor allem auf Blogs und Internetplattformen immer schriller. So konnte sich – wohl auch begünstigt durch die Regierungskontrolle über die Medien – ein hochaggressives Milieu herausbilden, ohne dass die Öffentlichkeit daran Anstoß nahm. Am 28. Dezember versammelte sich im mediterranen Aydın eine Gruppe der ultranationalistischen Jugendvereinigung Alperen Ocağı zu einer Straßentheateraufführung, in der ein als Weihnachtsmann verkleideter Mann symbolisch exekutiert wurde. Die Männer des Erschießungskommandos trugen Folklorekostüme und führten um den mit einer offenbar echten Pistole bedrohten Weihnachtsmann herum traditionelle Volkstänze auf. Passanten in dem für seine Liberalität bekannten Aydın beobachteten das Spektakel verständnislos. Erst in den sozialen Medien entfaltete die Aktion ihre politische Botschaft. Unter Hashtags wie »Nein zu Weihnachten«, »Nein zu Neujahr«, »Wir halten zusammen« und »Die Türkei ist groß« bildete sich ein Lynch- und Hooligan-Milieu, das unzählige Nachahmer anzog.

In Kayseri versammelte sich Mitglieder islamisch-konservativer Jugendvereinigungen zu einer Anti-Weihnachts-Demonstration. Der Koordinator des Protestzugs trug ein Weihnachtsmannkostüm und rief die Bevölkerung dazu auf, »den Teufel nicht mit Neujahrsfeiern zu erfreuen«: Dort werde Alkohol getrunken und Gewalt ausgeübt. Plakate mit blutrünstigen Weihnachtsmännern suggerierten, dass die westliche Welt an Weihnachten ihren Nachwuchs mit Geschenken überschütte, während man die Kinder der Muslime im Bombenhagel sterben lasse. Dieses Motiv fand unzählige Varianten in den sozialen Medien. Karikaturen mit Bomben bringenden Weihnachtsmännern wurden massenhaft geteilt und geliket. Mit einer Vielzahl von Parolen und Bildern wurde gegen den Westen polemisiert, der als antimuslimischer Kriegstreiber dargestellt wurde. Man stilisierte sich zum Opfer, das auf Rache und Vergeltung drängen muss. Es ist dies eine typische Propagandastrategie faschistoider Bewegungen.

Die nächste Stufe der Eskalation waren denn auch Drohgebärden, die sich kurz vor Neujahr in der Öffentlichkeit artikulierten. An zentralen Orten wie dem Taksim-Platz im liberalen Viertel Beyoğlu oder dem Beyazit-Platz vor der Istanbul-Universität posierten meist junge Männer mit Schildern wie »Das Neujahrsfest naht, spielt nicht mit dem Feuer« oder »Wir werden euch schon zeigen, wie die Muslime auf Provokationen reagieren«. Auf einem Plakat, das kurz vor Neujahr zu einer Demonstration in der Altstadt von Istanbul aufrief, schlägt ein junger, kräftiger Mann mit Bart und weißer Kopfbedeckung einen alten zotteligen Weihnachtsmann nieder. Überschrift: »Nein zu Weihnachts- und Neujahrsfeiern«.

Die Symbolsprache ähnelt der antisemitischer Propagandabilder, die zur Bekämpfung des »bolschewistischen Judentums« durch die einheimische wehrhafte Jugend aufriefen. Es handelt sich um eine fiktionalisierte Verdichtung diffuser Bedrohungen, die aber im Bewusstsein der eigenen Anhänger immer realer werden. Die Propagandaflut wurde von der türkischen Regierung nicht nur toleriert, sondern durch eine Erklärung des Amtes für religiöse Angelegenheiten ausdrücklich unterstützt. Dessen Oberhaupt, der Theologe Mehmet Görmez, erklärte am 27. Dezember, dass die Mischung aus kapitalistischer Konsumkultur und Formen des Polytheismus in der dominant-aggressiven Weihnachtstradition einen unislamischen schädlichen Einfluss auf die Gesellschaft ausübte. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hatte bereits in seiner anspielungsreichen Weihnachtsbotschaft den »verschiedenen Sekten des Christentums« ein gesegnetes Fest gewünscht. Damit sprach er dem Christentum nicht nur den Rang einer Weltreligion ab, sondern brachte auch unmissverständlich zum Ausdruck, dass das Weihnachtsfest ausschließlich von den Mitgliedern der zu einer Sekte herabgewürdigten Religion begangen werden sollte. Die Aggression der Antiweihnachts-Hetzkampagne zielt ausdrücklich gegen die lokale Feierkultur, die als fremd, dekadent und verwestlicht diffamiert wurde.

Weihnachtsbäume, Lichterketten, Glühwein, Santa Claus und Truthähne sind nicht nur in Istanbul, sondern in der gesamten Türkei seit Jahren populäre Motive in der städtischen Alltagskultur im Winter. Der Weihnachtsmann heißt Noel Baba, und der gesamte kommerzielle Weihnachtskitsch wird mittlerweile als türkische Art verstanden, Silvester und Neujahr zu feiern. Nur wenige sahen darin bislang die Übernahme eines spezifisch christlichen Brauchs. In ehemals christlichen Städten wie Mardin nahe der syrischen Grenze, wo die Armenier fast völlig vertrieben wurden und die Aramäer, eine urchristliche Gemeinschaft, mittlerweile in der Minderheit sind, werden christliche Flüchtlinge aus Syrien damit beaufragt, Inlandstouristen in den aramäischen Kirchen zu erklären, welche Frau mit Kind die Bilder zeigen. Auch wenn weihnachtliche Folklore populär geworden ist, weiß der Durchschnittsbürger der Türkei genauso wenig von Weihnachten wie der Nichtmuslim im christlich geprägten Kulturkreis vom muslimischen Zuckerfest.

Die antiweihnachtliche Hetze schaukelte sich vor Neujahr vor allem im islamisch-konservativen Milieu hoch. Auf dem Titelblatt der reaktionären Zeitung Millî Gazete prangte am 30. Dezember die Schlagzeile: »Letzte Warnung. Feiert nicht Neujahr!« Die internationalen Gäste des Reina dürften von dieser Moralpredigt nichts mitbekommen haben. Zwar war bekannt, dass die Gefährdung in Istanbul in der Silvesternacht hoch sein würde, im Club hatten sich die Feiernden jedoch sicher gefühlt, denn Anschläge waren vor allem für das Innenstadtviertel Beyoğlu rund um den Taksim-Platz befürchtet worden. Die Sicherheitsbehörden stellten bei ihren Ermittlungen nach dem Anschlag fest, dass der Täter sehr gute Ortskenntnisse gehabt haben musste. Der 25jährige stammt aus dem Umfeld einer türkischen Zelle des »Islamischen Staats«. In seinem Bekennerschreiben nach dem Anschlag verteufelt die Terrororganisation das Weihnachts- und Neujahrsfest mit einer Rhetorik, die auf beängstigende Art und Weise der islamisch-konservativen Propaganda in der Türkei ähnelt. Auf Twitter bejubelten dann auch Einzelne den Anschlag und bekräftigten, dass die »Säufer« doch verrecken sollten.

Bezeichnenderweise hielt sich nach dem Anschlag zwei Tage lang das Gerücht, der Attentäter sei in einem Weihnachtsmannkostüm in den Club gelangt und habe das Lokal deshalb nach dem Anschlag unerkannt verlassen können. Tatsächlich fuhr der Täter mit einem Taxi zum Reina, in einer Tasche hatte er seine Schusswaffen versteckt. Nach der Tat fuhr er ebenfalls mit einem Taxi quer durch das von Polizei und Soldaten kontrollierte Istanbul bis nach Zeytinburnu zurück. Ein Nikolauskostüm trug er nicht. Dass das Attentat auf die Feiernden in der Silvesternacht von der Propaganda gegen das Fest inspiriert wurde, ist jedoch anzunehmen.

Inzwischen fährt die türkische Regierung, flankiert von ihren Propagandamedien, fort, Verschwörungstheorien in die Welt zu setzten. Unterstützt werden sie von einzelnen Akteuren des ehemals kemalistischen Geheimdienstes. Mehmet Eymür, ein in den Neunzigern aktiver Führungsoffizier der Kontraguerrilla, verkündete eine Woche nach dem Anschlag, der Putsch im Sommer und auch viele der Anschläge seien nicht allein das Werk der Fethullah-Gülen-Terrororganisation; dahinter müsse auch der US-amerikanische Geheimdienst vermutet werden. Der stellvertretende Ministerpräsident Numan Kurtulmuş bekräftigte am 4. Januar, ausländische Drahtzieher steckten hinter dem Reina-Attentat.

Reaktionen aus dem Ausland blieben bislang aus. Gerade in Deutschland sollte aber die spalterische Propaganda der Türkei kritisiert werden. Auf der Facebook-Seite der Ditib Bad Waldsee im Landkreis Ravensburg in Baden-Württemberg etwa ist ein Bild von einem Weihnachtsmann und einem Schaf zu sehen. Auch hier wird Weihnachtenfeiern missbilligt. Der Kommentar: »Oder haben Sie schon einmal einen Christen gesehen, der Ihnen zum Opferfest einen Hammel gebracht hätte?« Eine vergleichsweise milde Form des schlechten Witzes: Der Weihnachtsmann ist inzwischen Schlimmeres gewöhnt.

Anzeige Transformellae Ikeae

Werden Sie ein Fan!

Jungle World
auf Facebook

Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …