Jungle World abonnieren
Jungle World - shop
Heike Karen Runge: »Feiert nicht!« - Zur Symbolik der Anschläge in Berlin und Istanbul

Warum Silvester?

von Heike Karen Runge

Es gilt als das Fest, auf das sich alle einigen können: Anders als Weihnachten werden Silvester und Neujahr nicht als christlich wahrgenommen. Der Jahreswechsel wird als Fest weltlichen Ursprungs gefeiert. Wegen seiner in der Öffentlichkeit stattfindenden hedonistischen Festkultur gilt es als Gegenstück zu dem in der Familie begangenen Weihnachtsfest. Ein kirchlicher Feiertag ist Silvester in der Tat nicht, dennoch ist das Datum zu unterschiedlichen Zeiten und je nach Land und Region immer mit einer Reihe christlicher Traditionen verbunden worden, die neben einer Vielzahl nichtreligiöser Praktiken existieren oder mit ihnen konkurrieren. Von den christlichen Kirchen wurden die Silvesterbräuche stets mit Argwohn betrachtet. Schon die katholische Kirche in Rom versuchte gegen den Alkoholkonsum in der Silvesternacht vorzugehen, in dem sie den Neujahrstag zum Buß- und Fastentag erklärte und den Kirchenbesuch anmahnte. Erhalten ist das kirchliche Misstrauen gegen die ausgelassene Feierkultur zum Jahreswechsel beispielsweise noch in der in Deutschland populären Spendenaktion »Brot statt Böller«, die auf eine Initiative der evangelischen Kirche Anfang der achtziger Jahre zurückgeht und den christlichen Moralappell mit entwicklungspolitischen Zielen verbindet: Verzicht üben, um seinen Beitrag für die Gemeinschaft leisten zu können. Ähnlich argumentiert auch die Kampagne der islamischen Ahmadiyya-Gemeinde, die ihre Mitglieder seit einigen Jahren aufruft, die Straßen am Neujahrsmorgen von den Überresten des Silvesterfests zu reinigen. Der Beifall der Lokalpresse für so viel Gemeinschaftssinn ist den Straßenkehrern gewiss. Um Nachbarschaftshilfe geht es dabei aber nur am Rande. Die Putzaktion der Religionsgemeinschaft ist die freundliche Variante einer islamisch begründeten Ablehnung des Silvesterfests, die von konservativen Organisationen umso entschiedener propagiert wird, als immer mehr muslimische Migranten die Feier als Teil ihrer Alltagskultur begreifen. Die Einflussnahme zeigt bereits Wirkung: Ob Silvester haram ist, ist mittlerweile eine auf deutschsprachigen Internetseiten vieldiskutierte Frage.

Eindeutig ja, urteilt die Online-Enzyklopädie »Islampedia«. Begründet wird das islamische Verbot, als Muslim an den Silvesterfeierlichkeiten teilzunehmen, mit dem christlichen Bezug auf den Todestag des Papstes Silvester, der alleinigen Gültigkeit der muslimischen Feste für die Gläubigen und der Verschwendung von Geld. Gleichzeitig wird der Respekt vor den Traditionen anderer Religionsgemeinschaften angemahnt.

In fundamentalistischen Foren bei Facebook, Youtube oder Twitter, die sich mit der Teilnahme von Muslimen am Silvester- oder Weihnachtsfest aus islamischer Sicht beschäftigen, weicht das Toleranzgebot blankem Hass gegenüber westlichen Kulturtraditionen und christlichen Festen. Mit Facebook-Seiten wie »Muslimstern« oder dem wahhabitischen Forum »Der wahre Islam« soll der Weihnachts- und Silvesterhass mit propagandistischen Videos, Karikaturen, Fotos und fake news in die muslimische Community in Europa und Deutschland exportiert werden. Nicht immer sind die Beiträge in den Foren so plump wie beispielsweise ein Video, das angeblich die Silvesternacht in Riad zeigt und die Skyline einer friedlich schlafenden Stadt im Morgengrauen akustisch mit dem Zirpen von Grillen und dem Miauen von Katzen unterlegt. Derart korrekte Feiern wollen die wenigsten. Eher dürfte die Propaganda verfangen, die Weihnachten und Silvester als dekadente, heuchlerische Feste diffamiert und sie mit dem militärischen Eingreifen im Syrienkrieg kurzschließt. Es sind zigfach geteilte Fotocollagen, die Bilder von Silvesterraketen neben Aufnahmen von Bombenangriffen auf Aleppo zeigen und die Heuchelei der christlichen Kultur entlarven sollen. »Gestern haben sie um Aleppo geweint, heute werfen sie Bomben.« Das ist die politisch brisante Variante des Silvesterhasses.

Heike Karen Runge

Anzeige Transformellae Ikeae

Werden Sie ein Fan!

Jungle World
auf Facebook

Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …