Jungle World abonnieren
Jungle World - shop
Paulette Gensler: »Feiert nicht!« - Zur Symbolik der Anschläge in Berlin und Istanbul

Ho, Ho, Ho … Ho-Chi-Minh-Stadt zur Weihnachtszeit

Fernab von Deutschland auf den Terror schauen.

von Paulette Gensler

Dass Reisen den Horizont erweitert, ist ein Gemeinplatz. Der Satz ist dermaßen abstrakt formuliert, dass man gar nicht widersprechen kann. Jedenfalls nicht, solange damit nicht irgendwelche Selbstfindungsphantasien verbunden sind: Etwa in der Art, dass man sich unterwegs vor allem selbst begegnet. Albert Camus war beispielsweise davon überzeugt: »Das Reisen führt uns zu uns zurück.« Erst einmal führt uns das Reisen natürlich in andere Länder, Kulturen und so weiter. Nicht das wahre Ich hält sich in der fernen Welt versteckt, sondern schlichtweg die Ferne, das Unbekannte beziehungsweise Noch-nicht-Erfahrene. Neben Folklore, exotischen Inszenierungen und angeblich authentischer Umwelt wird man, sofern man noch nicht völlig abgestumpft ist, mit einem ganzen Batzen Elend und Gewalt konfrontiert. Dazu gehört mittlerweile an fast allen Orten der Welt der drohende oder längst manifeste islamistische Terror.

Silvester in Istanbul

Nur wenige Kilometer von dem Ort, an dem dieser Artikel begonnen wurde, mordet gerade einer der Exekutoren der islamistischen Ideologie feiernde Menschen im Club Reina, die sich von den zahlreichen Drohungen der lokalen islamischen Prominenz gegen Silvesterfeiern nicht hatten abschrecken lassen oder – wie viele Touristen – einfach nichts davon wussten. Der Täter ist derzeit weiterhin auf der Flucht. In den sozialen Medien wird bereits vorsorglich darauf hingewiesen, dass der Attentäter keineswegs Muslim gewesen sein muss.

Reisen, so ließe sich sagen, bringt dem Reisenden den islamistischen Terror näher. In meinem Fall waren das unter anderem die Attentate 1997 und 2005 in Ägypten, 2002 auf Bali, 2005 in Jordanien, 2000 in Malaysia, Marokko im Jahre 2003, 2010 in Russland sowie mehrere Male in Israel oder der Türkei. Nur wenige hundert Meter von Orten entfernt, die man besucht hat, detonierte eine Bombe, fielen Schüsse und wurden Menschen ermordet. Oder dass nur wenig später das Café, in dem man aus- und ein ging, oder das Hotel, in dem man übernachtete, wurde wenig später in die Luft gejagt. Das bedeutet, dass neben zahllosen autochthonen wie ausländischen Gästen auch die Angestellten, mit denen man sich eben noch ganz banal über das Wetter oder über die politische Situation im Lande ausgetauscht hatte, in Stücke gerissen wurden.

Anders als einen »verpassten« Tsunami, der vor nunmehr zwölf Jahren unzählige Menschen tötete und selbstverständlich ebenfalls eine »Katastrophe« darstellte, erscheint der islamistische Terror manchen als Naturgewalt, die blind agiert. Der gern bemühte Vergleich zwischen Terror und Straßenverkehr mit Verkehrstoten oder ähnliche statistische Taschenspielertricks verbieten sich. Der Terror ist kein »menschliches Versagen«, das bei Unglücken im Personenverkehr zur Erklärung herangezogen wird, um die Ursache vom technischen Defekt oder von unerwarteten Außenwirkungen abzugrenzen. Spätestens die räumliche oder zeitliche Nähe macht den islamistischen Terror zu eben jener »persönlichen« Angelegenheit, als die er allen gelten müsste, für die nicht im Stile des Vorzeige-Racketeers aus der Feder Mario Puzos (»Der Pate«) alles sich immer nur ums Geschäft – im Falle der aktivistischen Pendants um die Politik – drehe und nie persönlich genommen werden soll. Persönlich gemeint ist man selbstverständlich spätestens dann, wenn die mehr oder weniger bestimmten Lokalitäten, die man im Ausland meist nicht ganz zufällig, sondern aus einem bestimmten Anlass – und sei es nur der Alkoholausschank oder das Dasein als Frau, die auszugehen gedenkt – besuchte, als keineswegs zufällige Ziele dienen. Der Grund des Reisens oder Auslandsaufenthaltes spielt hierbei eine eher untergeordnete Rolle; sei es der weithin verdammte Pauschalurlaub, das politisch und ökologisch korrekte Auslandsjahr oder ein Forschungsstipendium.

Daneben existieren selbstverständlich auch »unsittlichere« Formen des Urlaubs, wie sie der nicht trotz, sondern wegen seiner Beschreibung des Sextourismus grandiose Roman »Plattform« von Michel Houellebecq schildert. Erschaffen wird dort ein groteskes Paradies, das letztlich von genderjihadistischen Aktivisten zerbombt wird, wobei neben unzähligen Menschen auch die Geliebte des Protagonisten sowie jede projektive Illusion und die damit verbundene individuelle Hoffnung ermordet werden. Auch hier ist es die grausam-intime Nähe zum Terror, die der Verstärkung des schon in der früheren Reiseerzählung des Autors namens »Lanzarote« aufscheinenden Unbehagens dient: »Ich mag die islamischen Länder nicht.«

Eine permanente Bedrohung des eigenen Lebens ist der Terror für unzählige Menschen weltweit längst. Als persönliche Bedrohung sollte er aber natürlich auch jenen gelten, die »nur« von einem Anschlag lesen oder hören. Das Motiv wäre in erster Linie eine ganz subjektive Angst, die nicht mit Panik gleichzusetzen ist und der sich niemand auch nur im Geringsten zu schämen hat. Sie angesichts der Allgegenwart der islamistischen Gewalt nicht zu verspüren, gleicht einem aktiven Unterdrücken des eigenen Selbsterhaltungstriebs. Solch stumpfer Mut verlangt nach einer Dummheit, die als aktive und permanente Tätigkeit die sehr wohl geahnte Bedrohung bis zur Unkenntlichkeit übertüncht und in einer rationalisierten, abgespaltenen Feigheit endet, die in ihrer abstrakten Ziellosigkeit sich selbst nicht mehr begreift.

Weihnachtsmann statt Jungfrauenwahn

Ich halte Deutschland gegen Ende des Jahres, also zur Weihnachtszeit, überhaupt nicht aus und ziehe mich gern in wärmere Gefilde zurück, was jedoch streng individuell, um nicht zu sagen: intim motiviert ist und sich nicht verallgemeinern lässt. Mit den vielen Weihnachtsmärkten und Lichterketten zu dieser Jahreszeit hat meine Flucht gen Süden nichts zu tun. Während des Reisens ist es nun oftmals sowohl Vor- als auch Nachteil, dass man von den kleinen und großen Übeln des Weltgeschehens selbst in Zeiten der digitalisierten Welt meist verzögert erfährt. Denn keineswegs musste man dieses Jahr weit reisen, um den Terror in der eigenen Herkunftsstadt, nur wenige Kilometer von der eigenen Wohnung, »knapp zu verpassen«. Als wäre dieses »knapp« auch nur im Entferntesten etwas Erstrebenswertes. Plötzlich denkt man aus der mit Internet oder Handynetz latent unterversorgten Ferne an Freunde, die auf Weihnachtsmärkten arbeiten, und bereut, sich nicht genau gemerkt zu haben, auf welchem eigentlich. Man fragt sich, ob es nicht vielleicht doch jener am Breitscheidplatz gewesen sein könnte, und überlegt, ob irgendjemand aus dem eigenen Umfeld wohl auf genau diesen Markt gegangen sein könnte, um sich zu amüsieren. Die Erleichterung, dass dies alles doch nicht zutraf, ist angesichts der vielen Toten und Verletzten persönlich zwar trotzdem enorm, bietet aber doch nur einen schwachen Trost.

Schon zum Jahreswechsel 2015/2016 hatte Magnus Klaue den von der Linken zur Schau getragenen Weihnachtshass und die aggressive Verachtung des Weihnachtsmarkts als Ort, an dem sich der christliche »Rummel« symbolhaft verdichtet, einer ausführlichen Betrachtung unterzogen (Jungle World 49/2015). Auch wenn es sich oberflächig betrachtet um ein Konkurrenzunternehmen handelt, haben sich die vor rund elf Jahren in einem Artikel für die Taz von Wiglaf Droste ausgestoßenen Verwünschungen gegen den Budenzauber auf grausame Weise erfüllt. Droste hatte sich in seinem satirischen Text über den Weihnachtsmarkt zu der Aussage verstiegen: »Das Architekturbüro Bin Laden & Partner könnte hier viel Gutes tun, gerade in Deutschland, dem Weihnachtsmarkt, abgekürzt WM.«

Der Autor solcher Zeilen könnte nun in Scham versinken. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass es den professionellen Satiriker nicht die Bohne juckt, da er sowieso schon jeden Zugang zum Leid verloren hat, es für ihn nur eine möglichst makabere Geschäftsgelegenheit ist.

Wiederum in der Taz heißt es anlässlich des Anschlags im Teaser für einen auch ironisch gemeinten Text von Georg Seeßlen, in dem drei fiktive Figuren sich über das Weihnachtsfest austauschen: »Der Weihnachtsmarkt ist ein Bollwerk deutscher Leitkultur.« Dieser Satz ist ein unerhörtes Nachtreten gegen die Todesopfer, deren vielfältige Herkunft in aller Deutlichkeit beweist, dass der Weihnachtsmarkt eines mit Sicherheit nicht war: eine völkische Zusammenrottung. Auch die Bezeichnung als Bollwerk ist angesichts des Fehlens gerade eines solchen Schutzes von erstaunlicher Perfidie. »Auf dem Weihnachtsmarkt möchte das deutsche Volk unter sich sein, und das ist es immer am liebsten, wenn es jemanden hat, dem man unterstellen kann, dass er es einem missgönne«, erklären Seeßlens Figuren weiter. Selbst wenn jemand mit einem Laster in eine Menschenmenge rast, sei der Hass also immer noch eine Unterstellung. Die Auslassung über »Merkels Asylanten, die Weihnachten abschaffen und die Engel mit Kopftüchern versehen wollen«, die Seeßlens Protagonisten absondern, verleugnet, dass eine Vielzahl besorgter Pädagogen in Kitas und Schulen aus vorauseilendem Gehorsam längst begonnen hat, statt der Weihnachtsfeier ein Winterfest zu veranstalten. Dass solcherart Rücksichtnahme und die Zurücknahme eher angeblich christlicher Rituale völlig unberechtigt sind, darauf hat Magnus Klaue hingewiesen. Er betonte, dass das heutige Weihnachtsfest zwar durchaus dem Christentum entsprungen sei, dass dies aber eben auch bedeutet, dass es dem Christentum entsprungen sei.

Trotzdem wird gegenwärtig die größte Kampagne gegen das Weihnachtsfest seit dem Nationalsozialismus betrieben, da man sich, wie die Nazis auch, vor dem christlichen Restgehalt des Festes fürchtet. Bei gleichzeitiger Verpflichtung auf eine nationale Winterhilfekultur übte man sich damals schon im Backen von »Sinngebäck«, Umdichten von Liedern und der Umbenennung des Festes – damals in das ebenfalls saisonal gedachte Wintersonnenwendenfest –, sowie des Adventskranzes zum neutralen Lichterkranz.

Gegen die Versuche, die meist im Spätmittelalter in ihren rudimentären Formen entstandenen Weihnachtsmärkte als urdeutsches und urchristliches Phänomen zu verdammen, wäre noch denen recht zu geben, die meinen, der Weihnachtsmann sei eine Erfindung von Coca-Cola. In der Tat war es vor allem dieser Konzern, der den reitenden Napoleon als Weltgeist diesmal in Flaschenform ablöste und mit seiner eben nicht nur farbprägenden Werbung maßgeblich dazu beigetragen hat, »dass in der Trivialisierung, die sich an alle richtet und das besondere Dogma ignoriert, etwas vom Christentum selbst fortlebt« (Klaue). So wäre auch jene gut gemeinte, aber äußerst ungeschickte Formulierung »Fanta statt Fatwa«, die versucht, ausgerechnet die geschmacklich wie moralisch einzige ernsthafte Sünde des Konzerns gegen den Islam in Stellung zu bringen, trotz des unsauberen Reimes einfach zu ersetzen durch den ebenfalls etwas holprigen Spruch »Weihnachtsmann statt Jungfrauenwahn«.

Heiligabend, Vietnam

»Reisen ist fatal für Vorurteile, Bigotterie und Engstirnigkeit«, meinte seinerzeit Mark Twain, was sich vor allem gegen westlichen Chauvinismus richtete. Gleichzeitig scheint das Reisen heute mehr denn je zu zeigen, dass man in der Ferne und Fremde doch das Nahe und Eigene kennenlernt – und zwar ganz ohne Esoterik, dafür mit sehr viel Kitsch. Mich verschlug es dieses Jahr wieder in eines der vermutlich schizophrensten Länder: Vietnam – ein Land im Turbokapitalismus mit streng atheistisch-sozialistischem Über- und (oftmals synkretistisch) buddhistischem Unterbau.

Diese Verrücktheit hat durchaus Vorteile. Selbst die wenigen Muslime in Vietnam ticken anders als im Rest der Welt. Ihre Isolation und die verbreitete Tendenz zum Synkretismus brachten einen Alltagsislam hervor, für den der Alkoholkonsum oftmals kein Problem darstellt und Verschleierung beziehungsweise das Kopftuch eher unnötig erscheint. Auch der Prophetenschwiegersohn Ali wurde weithin zum Sohn Gottes erklärt, was einen offensichtlichen Rückgriff auf jenen christlichen Glaubensinhalt darstellt, der im Islam ansonsten abgelehnt wird. Die vietnamesischen Muslime ähneln in gewissen Zügen – also in dem eher entspannten Zugriff auf die religiösen Dogmen – durchaus Strömungen der Aleviten, die ebenfalls im empathischen und solidarischen Sinne als Ketzer zu bezeichnen wären.

Kein Wunder, dass viele Israelis ihren Urlaub am liebsten in Südostasien verbringen, Malaysia und gewisse Teile Indonesiens einmal ausgeklammert. Vietnam gehört zu den beliebtesten Regionen nicht nur für Juden, sondern beispielsweise auch für Schwule, Lesben oder alleinreisende Frauen. Politisch gilt das Land als streng palästinasolidarisch – wobei in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine langsame Umorientierung stattgefunden hat. Die anekdotische Begründung dazu: In einem Pariser Hotel bekam Ben Gurion von Onkel Ho Asyl angeboten. Gurion lehnte ab und versicherte, dass er lieber einen jüdischen Staat im Nahen Osten zu schaffen gedenke.

Verbringt man die Festtage in brütender Hitze unter Palmen, zeigt sich, dass sich Weihnachten nicht in der Kälte eines Winterfestes erschöpft. Keineswegs soll geleugnet werden, dass die Jahreszeit eine Bedeutung hat. Zumal es in der Nähe des Äquators selten wirklich sonnig, sondern vielmehr permanent diesig ist und es spätestens gegen 18 Uhr zappenduster wird. Die Autochthonen ziehen dann langsam ihre Daunenjacken an, während sich die Fremdlinge mit einem dünnen Jäckchen begnügen. Tageszeitenklima heißt das Phänomen und hat durchaus seinen Reiz, da es in abgeschwächter Form tagtäglich das Jahr vorbeiziehen lässt. Die Absurdität der Umbenennungen nach rein saisonalen Merkmalen zeigt sich gerade in den Tropen, da die kindliche Neugier und das infantile Staunen, die dem Reisenden oft eigen sind, hier von Einheimischen mit den Weihnachtsritualen in ungewohnter Umgebung zurückgespiegelt wird. Als restlos profanes und durchkommerzialisiertes kommt das Fest im besten Sinne zu sich.

Das ursprünglich mit Sicherheit nur für westliche Touristen arrangierte und zelebrierte Fest hat sich in Vietnam gründlich verselbstständigt. Man könnte fast sagen, dass durch die Tourismusbranche ein guter Teil des Landes dem Zauber der Weihnacht völlig erlegen ist, die zudem ohne alle Miesepetrigkeit auszukommen vermag. Der Reiz von Schnee ist gerade für Menschen, die ihn nie erlebt haben und oft auch nie erleben werden, untrennbar mit dem Weihnachtsfest verbunden. Wie auch ich nicht vor dem weihnachtlichen Schnee, sondern dem schneelosen Winter fliehe. Umso erfreulicher ist der Anblick der Versuche, auf jede nur erdenkliche Weise Schnee darzustellen – oft in Form der tanzenden Flocken und mit Watte modellierter Schneedecke.

Die Künstlichkeit des tropischen Winters spiegelt die Künstlichkeit des dortigen Weihnachtsfestes, die um jeden Preis etwas von dem geahnten Heiligen abzugreifen versucht und dabei eine Phantasie an den Tag legt, die dem Anlass schlichtweg gemäß ist. Gerade hier, wo es kein gesetzlicher Feiertag ist, der als bloße Arbeitsbefreiung betrachtet wird, kommt zur Geltung, dass das weltweit wohl beliebteste Fest, das in mehrheitlich muslimischen Ländern oftmals nur der »große Tag« genannt wird, eine der schönsten Formen des Kulturimperialismus darstellt. In jedem ernsthaften und mit freudiger Aufregung vorgetragenen Weihnachtswunsch, den man dort dem Gegenüber nicht aus Gewohnheit und Geschäftsvorgaben mit dem Wechselgeld hinwirft, in jedem errichteten Substitut eines Weihnachtsbaums und im Zweifelsfall auch in jeder bei 40 Grad Celsius getragenen Weihnachtsmütze steckt etwas von der Schönheit von Weihnachten, die man eben nur von jenen lernen kann, die noch nicht vergessen haben, dass sie einmal Kind waren. Reisen kann unter Umständen dazu beitragen, sich daran zu erinnern.

Anzeige Transformellae Ikeae

Werden Sie ein Fan!

Jungle World
auf Facebook

Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …