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Moritz Rudolph: »Feiert nicht!« - Zur Symbolik der Anschläge in Berlin und Istanbul

Behemoth stürmt den Weihnachtsmarkt

Zur Symbolik des Anschlags von Berlin.

von Moritz Rudolph

Ein Selbstmordattentäter mag ein grober Barbar sein, aber für Symbolik hat er ein Gespür. Er weiß, was er tut und wo er es tut. Nichts daran ist Zufall.

Auf der Hand liegt, warum sich Anis Amri ausgerechnet einen Weihnachtsmarkt ausgesucht hat, um eine Menschenmenge zu durchpflügen. Auf ihm gehen Christentum, Kommerz und Volkstümelei eine Verbindung ein, die für jenes schlechthin Abendländische steht, auf das der Attentäter einen tiefen Hass hat: Riesenrad, Breakdance und andere Fahrgeschäfte, Schießbuden und Hochglanzramsch. Aufgeführt wird eine grelle Lichtershow ohne tiefen Anspruch – eine spätokzidentale Schrumpfform, über die Kulturkonservative, Menschen mit Stil, bloß die Nase rümpfen. Der Jihadist aber baut sich eine Bombe – oder er klaut sich eben einen Lastwagen für seinen Feldzug gegen das Leben.

Aber der Wind trägt nicht bloß Bratwurstduft über den Markt, sondern immer auch aus irgendeinem dröhnenden Lautsprecher ein ernstlich anrührendes »In den Herzen ist’s warm/Still schweigt Kummer und Harm/Sorge des Lebens verhallt« in die Menge hinein. Darin scheint ein Glücksversprechen auf, von dem jene Hoffnung aufs ganz andere zehrt, die kühl-souveräne Weihnachtsverächter schon längst nicht mehr spüren. Jihadisten aber erkennen sie sehr genau und wollen sie sich vom Halse halten. Denn dass irgendetwas besser sein könnte auf Erden, dieser Gedanke ist ihnen unerträglich. Bekenntnisschreiben der Mörder von Madrid 2004: »Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.« So spricht der Feind.

Bei allem Kitsch auf dem Weihnachtsmarkt sind die Relikte der Hoffnung auf ein gelungenes Leben, die unter der Glitzeroberfläche tief und ernst sich darbieten, noch immer erkennbar. Der Massenmörder sieht das und hat einen Anschlag verübt aufs bessere Leben; seine Todessehnsucht richtet sich gegen den Lebenshunger – der freilich auch mal etwas Ungenießbares vertilgt. Das eisenharte Unterdrückungskollektiv, das er will, ist der barbarische Gegenentwurf zu jenem zarten Versprechen auf Gemeinschaftlichkeit, das zu Weihnachten häufiger gegeben wird als sonst, etwa wenn die Menschen Lieder singen gegen den Gram und die Schwere des Daseins und »Wenn wir im Traume eines ewigen Traumes/Alle unfeindlich sind – einmal im Jahr!« (Joachim Ringelnatz) Der blutrünstige Weihnachtsjihadismus hat es gerade auf diese raren Inseln der Harmlosigkeit abgesehen, er überspült sie mit seinem Terror.

Das Bild nach dem Anschlag: Die Leuchtgirlanden hängen noch über den zerdrückten Markthütten. Ein Weihnachtsbaum ist umgekippt, Kugeln am Boden. Dazwischen bergen die Rettungskräfte die Opfer. Jeder wohlfeile Witz über den bräsigen Kleinbürger, der sich mit Zuckerwatte und Fettwürstenvollstopft, bleibt im Halse stecken. Den Jihadisten aber freut’s. Sein Krieg ist total und darum erkennt er noch im trägsten Weihnachtsmarktschlurfer, den es in seiner wohligen Gedankenlosigkeit nicht kümmert, dass ihm der Bratwurstsenf vom Kinn tropft, einen Feind im Kulturkrieg.

So viel zum Weihnachtsmarkt. Dass der Attentäter sich gerade Berlin, den Kurfürstendamm und den Breitscheidplatz ausgesucht hat, ist ebenso wenig ein Zufall. Auch daraus spricht sein Hass aufs Leben: Viele Terrorziele der letzten Monate – etwa Paris, Brüssel, Nizza, Orlando, Berlin und immer wieder Istanbul – sind Städte, vor deren Gewitztheit und Lebenssucht der Islamismus sich ekelt.

Und überhaupt, der Kurfürstendamm! Von Bismarck als Gegenstück zu den Champs Elysée geplant, kam er freilich nie an ans Original heran. Aber wenn es einmal in Deutschland einen Ort gegeben hat, von dem ein wenig mondäner Glanz auf dieses graue Land fiel, dann hier am Ku’damm: Das KaDeWe, die Revuen der zwanziger Jahre, das Café des Westens (später: Café Kranzler), in dem die Boheme sich herumtrieb, das blühende jüdische Leben – die Zwanziger wurden erst hier vergoldet. Selbst nach dem Krieg ist noch etwas davon übriggeblieben, etwa in Rolf Edens brennendem Streben nach Glück, den er in seinen Vergnügungsetablissements auf dem Ku’damm zu stillen suchte. Die erste deutsche Parade zum Christopher Street Day zog über den Damm, später die erste Love Parade. Kurzum: Hier ist ein allzu zügelloser, allzu westlicher Sündenpfuhl entstanden, ein Sodom und Gomorrha, das bestraft werden muss. Der Ku’damm ist die Lebensader des alten Westberlin, immer auf der Suche nach dem irdischen Glück – freilich ohne es je ganz zu finden, aber schon die Sehnsucht und Frage danach ist dem Lebensfeind verdächtig, erst recht der Versuch, es zu greifen. Harald Juhnke, der Dandy von Westberlin, hatte ein Rezept gefunden fürs gelungene Leben im Weltfalschen: »Meine Definition von Glück? Keine Termine und leicht einen sitzen.« Nicht auszuhalten für Islamisten, dass einer Gefallen finden kann am Leben und auch noch trinkt. Deshalb haben sie das alte Westberlin totgefahren.

Und was hat es mit dem Breitscheidplatz auf sich? Schauen wir uns auch den an: Der Killer kommt herangerollt über die Kant- und Hardenbergstraße. Er lässt also zunächst die nach dem Aufklärer benannte Straße und die an deren zaghafte Implementierung im preußischen Staat erinnert jene hinter sich, um dann ein Stahlbad zu verpassen – am Platz Rudolf Breitscheids, der als außenpolitischer Befürworter der Westbindung, Zionist und kurzzeitiger Innenminister jene Restvernunft verkörperte, die der Weimarer Staat gegen rechte Banden aufbrachte, wofür er in Buchenwald sterben musste. Überhaupt, die Nazis: Breitscheid führte seinen Kampf gegen nationalsozialistische Mordbrenner, die in ihrem kollektiven Vernichtungswahn die Ahnen des eliminatorischen Islamismus sind. Beide teilen den Hass auf Juden, Amerikaner, Linke, Liberale, Klein- und Großbürger, Raffzähne, Aufklärung, plumpe Verzweckung, glitzernd-glanzlose Entweihung des ehedem Heiligen, kurzum: auf die Kulturmoderne und jenes »Minimum an Freiheit und Gleichheit« (Franz Neumann), das der bürgerliche Staat allen gewährt. Zwar haben die IS-Anhänger noch keinen eigenen (Un-)Staat, zumindest in Europa, aber ihre Mordbrüder bereiten ihn vor. Sie sind das Scheusal Behemoth – der Anti-Leviathan, der den Bürgerkrieg will; viel übler als der Grinch.

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