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Olaf Kistenmacher und Patricia Zhubi: Der Stummfilm »Die Stadt ohne Juden« comics

Schön gesagt?

Nachdem lange verloren geglaubte Teile des österreichischen Stummfilms »Die Stadt ohne Juden« von 1924 auf einem Pariser Flohmarkt entdeckt wurden, wird der Film nun in seiner Langfassung rekonstruiert. Die Romanvorlage von Hugo Bettauer war einer der Versuche, mit künstlerischen Mitteln gegen Judenfeindschaft zu kämpfen.

von Olaf Kistenmacher und Patricia Zhubi

Am 10. März 1925 schoss der Rechtsextremist Otto Rothstock in Wien Hugo Bettauer nieder. Der Schriftsteller erlag 16 Tage später den schweren Verletzungen. Das Gericht erklärte den Täter, der von Anwälten der österreichischen Nationalsozialisten verteidigt wurde, für geisteskrank und verurteilte ihn zum Aufenthalt in ­einer Psychiatrie – aus der Rothstock schon nach eineinhalb Jahren entlassen wurde. Aus mehreren Gründen war Bettauer, der eine Zeitschrift »für Lebenskultur und Erotik« herausgab, Anfang der zwanziger Jahre zur Hassfigur der Nazis geworden. Er kam aus einer jüdischen Familie, war aber 1890 zum Protestantismus konvertiert.

1922 hatte er den Roman »Die Stadt ohne Juden. Ein Roman von übermorgen« veröffentlicht, in dem er hellsichtig die ersten Maßnahmen beschrieb, die die Nationalsozialisten nach einer Machtübernahme durchsetzen würden. In seiner Erzählung sind es mit den Christlichsozialen allerdings nicht die bekennenden Antisemiten, die diese Politik durchsetzen, es ist ein Kanzler, der seine Rede vor dem ­Parlament mit den Worten beginnt: »Ja, meine Damen und Herren, ich bin ein Schätzer der Juden … «. Als »Juden« gelten nach den neuen gesetzlichen Bestimmungen auch die Kinder eines jüdisch-christlichen Paares; erst die Enkel solcher »Mischehen« werden »nicht mehr als Judenstämmlinge, sondern als Arier« von der Ausweisung ausgenommen, wie der Kanzler weiter ausführt.

Anders als 15 Jahre später in Nazi-Deutschland werden in »Die Stadt ohne Juden« die betroffenen Menschen vor ihrer Ausweisung finanziell entschädigt und entsprechend der vornehmlich religiösen Motivation erfolgt die Ausweisung an Weihnachten. Die nichtjüdische Gesellschaft ist größtenteils begeistert, auch das Proletariat. »Selbst die Arbeitermassen wählten unter der Parole ›Hinaus mit den Juden!‹«, schildert ein Journalist einem ausländischen Kollegen die herrschende Stimmung. Doch es stellen sich – an diesem Punkt wird Bettauers Roman problematisch – schon bald wirtschaftliche Schwierigkeiten ein. Die Kleiderhäuser verkaufen nicht mehr die neueste Mode, in den Kneipen halten sich die Gäste stundenlang an einem Bier fest. Allmählich setzt sich in der Bevölkerung die Einsicht durch, dass »es christliche Wucherer und Ausbeuter genauso gibt wie jüdische«.

Das ist der Moment für Leo Strakosch, einen exilierten Juden, der in den höchsten Kreisen verkehrt hatte und der nun seine Verlobte vermisst. Mit angeklebtem Bart und einer falschen Identität kehrt er als junger Kunstmaler Henry Dufresne, katholisch, ledig, aus Paris, zurück. So entwickelt sich Bettauers Roman, trotz des Potentials, das der Plot bietet, zu einer hastig ausgeführten Groteske, und was unheimlich beginnt, kommt zu einem guten Ende. Im verarmten Wien wird Strakosch / Dufresne wie ein König empfangen. Bald schon agitiert er des Nachts und plakatiert Flugblätter im Namen eines Bunds wahrhaftiger Christen: »Wiener, Österreicher! Rafft Euch auf, bevor ihr alle zugrunde gegangen seid! Mit den Juden habt ihr den Wohlstand, die Hoffnung, die Zukunftsmöglichkeit ausgewiesen! Fluch den Volksverführern, die euch irrege­leitet haben!« Schließlich wird das judenfeindliche Gesetz in einer possenhaften Abstimmung zurückgenommen.

Eines zeigt der Roman »Die Stadt ohne Juden« deutlich: Die Gefahr, die vom Judenhass ausging, war schon vor dem Aufstieg der Nationalsozialisten in Deutschland Ende der zwanziger Jahre erkennbar. Dafür hatte Bettauer, wie er 1922 in einer Zeitschrift erläuterte, keine prophe­tischen Fähigkeiten gebraucht: Er habe für seinen Roman lediglich die gängigen antisemitischen Parolen wie »Hinaus mit den Juden« zu Ende gedacht: »Dieser Sehnsuchtsschrei eines sicher sonst ganz braven Mannes, den man ja auch in den Plakaten unter dem lieblichen Hakenkreuz findet und auf der Elektrischen oft genug hört … , regte meine Phantasie zu dem spielerischen Gedanken darüber an, wie dieses Wien sich wohl entwickeln würde, wenn die Juden tatsächlich einmal der höflichen Aufforderung folgten und die Stadt verließen.« Wie das Zitat deutlich macht, begegnete Bettauer der Bedrohung zu dieser Zeit noch mit Ironie.

Um die antisemitischen Vorstellungen vorzuführen, überzeichnete er sie in seinem Roman – doch das bedeutete zugleich, dass er sie zum Teil reproduzierte. Der dicke, kleine Verleger »mit den krummen Beinen und dem prononciert jüdischen ­Gesicht« wird von seinen Kollegen gefragt, wohin er nach der Ausweisung seinen Geschäftssitz verlegen werde, woraufhin er ihnen erklärt, dass er nach dem neuen Gesetz ein »Christ in dritter Generation« sei und nicht ausgewiesen werde, »obwohl ich in Art und Äußerem ganz entschieden ein Duplikat meines Großvaters bin«.

1924 kam »Die Stadt ohne Juden« als Stummfilm in die Kinos. Hans Moser spielte darin als antisemitischer Rat Bernart eine seiner ersten Hauptrollen. 15 Jahre später, 1939, musste Moser nach Ungarn fliehen, weil er sich nicht von seiner jüdischen Frau Blanka Hirschler scheiden lassen wollte. Der Film feierte Premieren in Wien, Berlin und New York, blieb jedoch weniger erfolgreich als die Romanvorlage. Während diese ihre Leserinnen und Leser raten ließ, welche Stadt gemeint war, spielte der Film eindeutig in Wien. Insbesondere die rechte Presse Österreichs fühlte sich provoziert. Der Film verhöhne »noch weit mehr als in einem gleichnamigen Roman alles arische Empfinden«, schrieb die Deutsche Arbeiter-Presse. Es folgte eine Hetzkampagne, die sich gegen den Film, aber auch gegen die Person Bettauer und sein als pornographisch empfundenes Gesamtwerk richtete. Was die rechte Tagespresse forderte, erfüllte das nationalsozialistische Fußvolk und störte gezielt Aufführungen. Im August 1924 wurde in Linz die Vorführung des Films vermutlich aus Angst vor Nazi-Demonstrationen untersagt.

Auch von Seiten der Arbeiterschaft kam scharfe Kritik – doch zielte sie in die entgegengesetzte Richtung. In der Arbeiter-Zeitung kritisierte Fritz Rosenfeld das gefährliche Spiel mit judenfeindlichen Stereotypen. Er schrieb 1924: »Der antisemitelnde, gegen den Antisemitismus gerichtete Film ist auch rein filmmäßig miserabel. Die abgedroschenste Karikiererei wird herangezogen, die geschmacklosesten Mätzchen sind gut genug, um Lachen zu erzeugen. Die Regie des Films kann nur als dilettantisch bezeichnet werden.« Der Film »Die Stadt ohne Juden« ist seit einigen Jahren auf DVD erhältlich. Allerdings existierten seit den zwanziger Jahren verschiedene Kopien unterschiedlicher Länge. 2015 wurden auf einem Pariser Flohmarkt zufällig Filmstreifen entdeckt, die verloren geglaubte Teile des Films enthielten. Ein Crowdfunding-Projekt sammelte Spenden, um das Material restaurieren zu können. Seit dem 10. Dezember 2016 ist die Rekonstruktion der Langfassung finanziell gesichert.

Artur Landsbergers »Idioten heraus!«

Bettauers Novelle war nicht die erste dieser Art. Heinrich Mann hatte 1918 in »Der Untertan« die rechtsextremen Umtriebe im Deutschen Reich beschrieben. Gleichwohl sticht Bettauers Roman hervor, zum einen weil er bereits 1922 detailliert die ­antisemitischen Maßnahmen nach 1933 vorhersah, zum anderen weil er in seinem Roman gerade den latenten, verleugneten Antisemitismus als gesellschaftlich dominant erkannte. Umso erstaunlicher, dass »Die Stadt ohne Juden« heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist, obwohl der Roman bis in die Gegenwart regelmäßig neu aufgelegt wird.

Bettauers Roman war aber auch nicht der letzte zu dem Thema. 1925 erschien Artur Landsbergers Adap­tion unter dem Titel »Berlin ohne Juden«. Im Vorwort erklärt Landsberger, mit Ausnahme von »Die Stadt ohne Juden« kein einziges Buch Bettauers gelesen zu haben. Sein Roman sei keine Hommage – er fühle sich lediglich von der Dystopie inspiriert. Landsberger, ebenfalls heute weitgehend vergessen, war in den zwanziger Jahren einer der meistgelesenen deutschen Autoren. Das Interesse seiner Leserschaft weckte er vor allem mit skandalösen Romanen über Sekten und schwarze Messen. Sein Steckenpferd war jedoch der satirisch zugespitzte Gesellschafts­roman. Obwohl also die Provokation Landsbergers Markenzeichen war, erschien es selbst seinem Hausverlag als zu gewagt, einen Roman mit dem Titel »Berlin ohne Juden« herauszugeben. Man warnte ihn, er würde es sich mit seinen Lesern verscherzen und lehnte ab. Landsberger ließ sich nicht abhalten. Das Buch erschien bei zwei anderen Verlagen – und floppte trotz der Popularität des Autors. Im Vorwort forderte Landsberger seine Kritiker auf, den Roman zu verreißen: »Noch einmal, ein letztes Mal, hast du die Gelegenheit, den Mund aufreißen, du und deine Nachbeter! Also: Idioten heraus!«

Landsbergers und Bettauers Erzählungen folgen zwar demselben Plot und kommen beide zu einem versöhnlichen Ende – aber sie unterscheiden sich in einem zentralen Aspekt. Während in »Die Stadt ohne Juden« der jüdische Held sich als Christ ausgibt, um die Rückkehr der jüdischen Minderheit nach Wien zu ermöglichen, ist in »Berlin ohne Juden« die zentrale Figur, Boris Pinski, ein russischer Agent, der vortäuscht, Jude zu sein, und mit den Nationalisten kooperiert. Beide Bücher enthalten damit das Element der Maskerade. Doch der Umstand, dass sich in Bettauers Roman ein Jude als Christ ausgibt, trägt wesentlich zu dessen antisemitischem Unterton bei. Er bedient den Topos des geheimen Strippenziehers und Kryptojuden. Entsprechend wirkt der jüdische Held am Ende gar nicht so heldenhaft, sondern eher wie jemand, der mit gezinkten Karten gespielt hat.

Landsberger stellt dieses Klischee auf den Kopf, indem sein Antagonist die unliebsame Rolle des »Juden« freiwillig annimmt. Derjenige, der hinter allem steckt, die Fäden in der Hand hält, ist gar kein Jude, sondern macht sich lediglich die Wahnvorstellung jüdischer Macht zunutze. Auch an anderen Stellen beeindruckt Landsbergers Roman durch Komplexität, wo Bettauer Pappkameraden aufstellt. So stellt einer der Protagonisten in »Berlin ohne Juden« nüchtern fest, dass jeder Versuch, »diese Art Antisemitismus mit geistigen Mitteln zu bekämpfen, von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist«. Landsberger erfasst die irrationale Seite des Antisemitismus: »Heute handelt es sich um eine Massenpsychose, hervorgerufen durch eine unerhört geschickte und rücksichtslose Propaganda, die von irgendeinem überragendem Kopf ausgehen muss«, erklärt eine seiner ­Figuren. Unter den wenigen, die sich, wie Arnold Zweig 1926 in seinem Buch »Caliban oder Politik und Leidenschaft: Versuch über die menschlichen Gruppenleidenschaften dargetan am Antisemitismus«, zu dieser Zeit öffentlich kritisch mit den Ursachen des Antisemitismus in Deutschland auseinandersetzten, war es ­üblich, Judenhass als eine massenpsychologische Erscheinung zu ­begreifen.

Durch die literarische Form gelingt es Landsberger, in possenhaften Szenen die Absurdität der wahnhaften Judenfeindschaft sichtbar zu machen. So zeigt sich die Bevölkerungsmehrheit kurz nach Inkrafttreten des Judengesetzes darüber empört, dass mit Juden geschlossene Ver­träge nach deren Ausweisung aus Berlin nicht mehr gültig sind. »A. sagte zu B.: ›Wer hat den Vorteil aus dem Gesetz gegen die Juden?‹ und B. erwiderte ›Die Juden. Man kann sie hinstoßen, wohin man will. Sie fliegen immer auf die Seite, die gewinnt.‹« Es ist grotesk, dass den beiden Herren zufolge ein Gesetz, das sich gerade gegen die Juden richtet, diesen plötzlich zum Vorteil gereichen soll. Und doch ist jenes groteske Element genau dasjenige, was die Vorstellungswelt der Antisemiten auszeichnet. Sie sehen in »den Juden«, selbst wenn diese am Boden liegen, noch einen gefährlichen Feind. Hier offenbart sich ein besonders gefährliches Element des Antisemitismus, sein Potential, sich ohne Grundlage, unabhängig von der sozialen Stellung der realen Jüdinnen und Juden, neu zu entfachen – wie ein Feuer, das auf längst verkohlter Erde weiterbrennt.

Schon Bettauer stellte in »Die Stadt ohne Juden« Antisemiten dar, die öffentlich keine sein wollten. Bei Landsberger geht es zudem um einen unbewussten Antisemitismus. Zur gleichen Zeit verwendete der Philosoph Constantin Brunner, der in den zwanziger Jahren mehrere Bücher über den deutschen Judenhass veröffentlichte, den Begriff des »latenten Antisemitismus« (Jungle World 24/2015). Obwohl Landsberger in seinem Roman den Begriff selbst nicht benutzte, beschrieb er das Phänomen einer weitverbreiteten, nichtbewussten Abneigung sehr treffend: »Irgendein unbehagliches Gefühl löst der Begriff ›Jude‹ selbst bei denen aus, die den Antisemitismus als das Reservat geistiger Armut ablehnen.«

Auf dieser Basis gelang es Landsberger, die Aktivierung latenter Einstellungen in der Bevölkerung durch die Propaganda der völkischen Nationalisten treffend zu beschreiben. In seinem Roman widmen sich die an die Macht gekommenen Nationalisten bald der Komposition von Liedern und sogar der Produktion von Filmen für ihre Propaganda. Doch wozu der ganze mediale Aufwand? »Der Jude als Ventil gegen die Unzufriedenheit ist bereits eine historische Figur geworden«, schreibt Landsbergers Antagonist Boris Pinski in einem Brief. Um »den Missmut weiter Volksschichten regelmäßig in die Richtung der Juden abzuleiten«, genüge – dank des latenten Charakters des ­Antisemitismus – »geschickte Propaganda«. Als es schließlich zur Aus­weisung kommt, besorgt es den Reichsminister, wer nach dem Auszug der Jüdinnen und Juden deren Rolle übernehmen könnte. Pinski tröstet ihn mit den Worten: »Der nächste Prügelknabe steht schon bereit!«

Die »Rischeßmacher«: Kritik am Judentumy

Obwohl Landsbergers »Berlin ohne Juden« somit Bettauers »Die Stadt ohne Juden« in der Analyse der Judenfeindschaft überlegen scheint, kann auch er sich nicht vollständig aus dem gesamtgesellschaftlichem Zusammenhang lösen. So enthält »­Berlin ohne Juden« ebenfalls Stereotype. Besonders ins Auge fällt die Kritik an den »Rischeßmachern«, einer Minderheit von Jüdinnen und Juden, die in Prunk und Pomp leben und angeblich zu einem falschen Bild der jüdischen Bevölkerung in der Öffentlichkeit beitragen. Ihnen gibt der Roman eine Mitschuld an antisemitischen Vorurteilen. Sie stünden denjenigen Juden gegenüber, die »redlich arbeiten« und die »Gastfreundschaft« ihres Landes achten. Landsberger und Bettauer vor ein historisches Gericht stellen zu wollen, weil sie sich in ihren Büchern über Antisemitismus auch zu innerjüdischen Konflikten äußerten und dabei Ansichten vertraten, die nach der Shoah anders bewertet werden, ist ein sinnloses Unterfangen. Niemand weiß, was sie mit dem heutigen Wissen über die Ausmaße des Judenhasses geschrieben hätten.

Bei Landsberger überrascht, dass trotz der negativen Darstellung der »Rischeßmacher« die Erkenntnis, Antisemitismus habe nichts mit seinem Objekt – dem Judentum – zu tun, bereits angedeutet wird. Zu Beginn des Romans fordert der scheinbar jüdische Antagonist Pinski in einem offenen Brief die Jüdinnen und Juden Berlins auf, den Deutschen eine Entschädigung für den verlorenen Krieg zu zahlen, um so guten Willen zu zeigen und den Antisemitismus einzudämmen. Der jüdische Protagonist, der Geheimrat Oppenheim, erkennt richtig, dass es sich hierbei um ein Dilemma handelt. Ginge die jüdische Bevölkerung auf diese Forderung ein, würde ihnen das als Schuldeingeständnis ausgelegt. Da durch den offenen Brief ­allerdings bereits die Hoffnung auf eine solche Entschädigung evoziert wurde, würde auch eine Ablehnung jener Forderung der übrigen Bevölkerung bitter aufstoßen. Egal wie sich die jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner entscheiden – es ­würde den Antisemitismus weiter befeuern, und so kommt es denn auch.

Dass Landsberger am Ende des Buches jene Ohnmacht, die er an diesem Beispiel ebenso wie am Dialog zwischen den Herren A. und B. so einprägsam beschrieben hat, rückgängig zu machen sucht und durch die Kritik am »Rischeßmacher« Veränderungspotential auf Seiten der Angefeindeten imaginiert, mag dem Wunsch nach Handlungsmöglichkeiten oder sogar Versöhnung entspringen.

Dieses Bedürfnis nach Optionen zeigt sich bei Bettauer noch deutlicher, der im Grunde gängige Stereotype bejaht, sie aber anders bewertet haben will: Die als unangenehm empfundenen Eigenschaften des Judentums seien schließlich unentbehrlich. Sein als Christ verkleideter jüdischer Held erklärt, die Juden seien wie Sauerteig, »an sich wenig erfreulich und in zu großen Quan­titäten schädlich, aber in der richtigen Mischung unentbehrlich für das tägliche Brot«. Eine Argumentation, die an heutige essentialisierende Fürsprachen für die Multikulti-Gesellschaft erinnert.

Die Lösungen, die Bettauer und Landsberger ihrer Leserschaft präsentieren, wirken aus heutiger Perspek­tive naiv. Doch dieses Urteil tut den Autoren ebenso unrecht, wie ihnen prophetische Fähigkeiten zu attestieren. Beide ahnten, dass eine unmittelbare Gefahr vom Antisemitismus ausging – dennoch war für sie noch nicht absehbar, welches Ausmaß diese annehmen würde. Bettauer glaubte, die Ausweisung des Judentums aus Wien würde die österreichische Wirtschaft durch die Intervention mächtiger Juden im Ausland lahmlegen – hier reproduzierte er ein weiteres antisemitisches Stereotyp. Auch in Landsbergers Roman ist die Katastrophe undenkbar. So fragt eine Figur den Protagonisten Oppenheim ungläubig: »Glaubst du, dass die ­Regierung den Wahnsinn begeht und sechshunderttausend Menschen an die Wand stellt?« Worauf dieser antwortet: »Das darf nicht sein und wird nicht sein.« Landsberger vertraute auf die internationale Gemeinschaft und ließ in seinem Buch Deutschland am Boykott der USA, Frankreichs und Großbritanniens zugrunde gehen.

Die Realität übertraf bald die dystopischen Vorstellungen, die Landsberger in »Berlin ohne Juden« entworfen hatte. Am 4. Oktober 1933 beendete der Schriftsteller an seinem Schreibtisch sein Leben. Jenes Jahr markiert auch eine erste Zäsur im Umgang mit dem Antisemitismus. Nach dem Aufstieg der Nationalsozialisten und der Vernichtung der ­europäischen Jüdinnen und Juden während des Zweiten Weltkriegs musste sich die wissenschaftliche und literarische Auseinandersetzung mit Antisemitismus grundlegend verändern. Seit 1945 geht es nicht mehr darum, eine drohende Katastrophe zu verhindern, sondern nach der tatsächlich erfolgten die Gründe aufzuarbeiten, warum sie nicht verhindert wurde, und gegen eine Wiederholung zu kämpfen.

Romane als Teil der Antisemitismusforschung?

Dass es in der Belletristik vor 1933 eine solch kritische Auseinandersetzung mit der Judenfeindschaft gab, passt nicht ganz zum gängigen Bild der Antisemitismusforschung. Demnach habe eine ernstzunehmende Auseinandersetzung, auch in der Wissenschaft, erst gegen Ende des Zweiten Weltkriegs begonnen. Den Auftakt der modernen Antisemitismusforschung markierten Jean-Paul Sartres 1946 verfasster Text »Réflexions sur la question juive« (»Überlegungen zur Judenfrage«) und Max Horkheimers und Theodor W. Adornos 1944/47 veröffentlichte »Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente«. Der bedeutende Perspektivwechsel, den Sartre und Horkheimer / Adorno vornahmen, bestand darin, die Gründe für die Judenfeindschaft ausschließlich in der Konstitution der Antisemiten zu verorten. Sartre gebrauchte dafür die mittlerweile berühmte Formulierung, »existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden«. So essentiell die Etablierung des Paradigmas war – völlig neu war es nicht. Der Theaterdramaturg und Publizist Hermann Bahr hatte mehr als 50 Jahre zuvor den Band »Der Antisemitismus. Ein internationales ­Interview« veröffentlicht, in dem er Gespräche mit August Bebel, Lord Balfour und anderen wiedergab. In seiner knappen Einleitung erklärte Bahr 1894, warum er jegliche Diskussion mit Antisemiten für sinnlos hielt: Fakten seien diesen letztlich egal. Bahr schrieb: »Wenn es keine ­Juden gäbe, müssten die Antisemiten sie erfinden.«

In der Belletristik, in Romanen und Theaterstücken wurde Judenfeindschaft schon früh thematisiert. Der Klassiker ist William Shake­speares »Der Kaufmann von Venedig«, in dem der Jude Shylock die Worte spricht, die seit 200 Jahren wiederholt als Anklage gegen Rassismus und Antisemitismus zitiert wurden: »Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Glied­maßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? … Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?« 1942 wurden diese Worte in Ernst Lubitschs Anti-Nazi-Komödie »Sein oder Nichtsein« zitiert, für die »Der Kaufmann von Venedig« wie auch »Hamlet« als ­Folie diente.

Bei Shakespeare ist Shylock allerdings keine durchweg sympathische Figur. Vielmehr verkörpert er das Klischee des jüdischen Wucherers. Er besteht darauf, für das Geld, das er einem venezianischen Kaufmann geliehen hat, wie vereinbart dem Schuldner ein Pfund Fleisch herausschneiden zu dürfen. Und so sahen sich auch die Nationalsozialisten durch Shakespeares Darstellung »des Juden« bestätigt. Der »Reichsdramaturg« der Nazis, Rainer Schlösser, befand 1939, Shakespeare in deutscher Übersetzung habe als »deutscher Klassiker« zu gelten.

Seit dem 19. Jahrhundert erschienen zahlreiche literarische Werke, die sich dezidiert gegen die moderne Judenfeindschaft richteten. Fritz Mauthner schrieb 1882 im Vorwort seines Romans »Der ewige Ahasver. Roman aus Jung-Berlin«, er habe diesen verfasst, um dem »Pöbel höherer und niederer Stände, der sein Gift gegen den jüdischen Stamm verschwendet«, etwas entgegenzusetzen. Auch in Klassikern des 20. Jahrhunderts ist der Antisemitismus Thema. In Marcel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« diskutieren so gut wie alle Figuren die Dreyfus-Affäre in Frankreich (Jungle World 28/2016). In James Joyces »Ulysses« ist die Hauptfigur Leopold Bloom ein irischer Jude, im ersten Teil versucht zudem ein Lehrer, einen Kol­legen mit judenfeindlichen Witzen einzunehmen. Der Antisemit wird deutlich unsympathisch geschildert: »Ein Hustenanfall Gelächter sprang aus seiner Kehle, eine rasselnde Kette Schleim hinter sich herzerrend.«

Nicht alle deutschsprachigen Schriftstellerinnen und Schriftsteller nahmen die herrschende Stimmung gleich wahr. Für Stefan Zweig, so Saul Friedländer in seiner Studie »Das Dritte Reich und die Juden«, war der Antisemitismus »praktisch nicht existent«. In Arthur Schnitzlers Roman »Der Weg ins Freie« hingegen stand er »im Mittelpunkt des Bewusstseins und der Existenz« seiner Figuren.

Viele Werke changieren allerdings zwischen Kritik des Antisemitismus einerseits und der Reproduktion judenfeindlicher Vorstellungen andererseits. Woher diese Uneindeutigkeit? Aufgrund ihres fiktionalen Charakters lassen sich in der Literatur Thesen erproben, die noch kein Konsens sind. Gesellschaftliche Veränderungen, die sich angekündigt, aber noch nicht manifestiert haben, nehmen in der literarischen Fiktion Gestalt an. Dies galt in besonderer Weise für die Schwelle zum 20. Jahrhundert, eine Zeit rapider gesellschaftlicher Veränderung, in der sich die Bedeutung der Judenfeindschaft ständig wandelte. Ihre vielfältigen Gesichter konnten im Roman als von­einander unabhängige Charaktere aufeinandertreffen, ohne dass sich die literarischen Werke, im Gegensatz zu wissenschaftlichen Texten, den Vorwurf interner Widersprüche gefallen lassen mussten. Doch ebenjene Aspekte, die den Roman zu einer geeigneten Bühne machen, erschweren es zugleich, aus ihm gesellschaftskritische Thesen abzuleiten. Das ­Geflecht aus Fakt und Fiktion, Figuren, Erzähler und Autor macht es ­nahezu unmöglich, dem Roman eindeutige Aussagen zu entnehmen. Im Rahmen eines wissenschaftlichen Textes wäre die Autorin oder der ­Autor für jede darin getätigte Aussage verantwortlich. Doch niemand würde in dem Antisemiten in »Ulysses« James Joyce sehen.

Ein weiteres Problem für die schöne Literatur ist das Publikum: Es will unterhalten werden. Von wissenschaftlichen Texten erwartet das niemand. Sie sind nur auf eine kleine Gruppe von Adressatinnen und Adressaten zugeschnitten. Ein Roman erreicht im Idealfall ein viel größeres Publikum – weil er unterhält. Darin liegt das Potential, Menschen zu erreichen, denen der Zugang zum wissenschaftlichen Diskurs verschlossen ist. Andererseits besteht aber auch die Gefahr, dass das Thema mundgerecht zugeschnitten und somit unterkomplex dargestellt wird. Bettauer scheint mit seinem so seicht daherkommenden Roman ­genau diesem Unterhaltungsimperativ auf den Leim gegangen zu sein. In der Verfilmung wird das Problem noch deutlicher. Auch wenn der Schluss nahelegt, dass die ganze Handlung die Rauschphantasie eines betrunkenen Antisemiten war – muss der Film die »Juden« als Juden erkennbar machen. »Der Endeffekt ist das genaue Gegenteil von dem, was man beabsichtigt«, hieß es 1926 in der Zeitschrift Lichtbild-Bühne. »Die Juden bleiben hässliche Karikaturen, und ihren Gegnern geht es ­genau so.« Dazu passt, dass in dem Film zwar mehrere jüdische Schauspielerinnen und Schauspieler mitwirkten, aber im Abspann und auf Plakaten ungenannt blieben. Später arrangierte sich der Regisseur Breslauer in Österreich mit den neuen Machthabern und trat 1940 sogar der NSDAP bei.

Bettauers und Landsbergers Blick auf die Linke

Hugo Bettauer stand der Sozialdemokratie nahe. Es verwundert daher nicht, dass in »Die Stadt ohne Juden« der Antisemitismus vornehmlich als ein Problem der Rechten ­daherkommt, auch wenn das Proletariat mitläuft. Bei Landsberger ist die politische Konstellation eine völlig andere. Ihn politisch zu verorten, gestaltet sich schwieriger, bewegte er sich doch zeitlebens in unterschied­lichen Kreisen. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs hatte er sich mit Romanen wie »Hass« in die Reihe kriegsbegeisterter Patrioten eingereiht. ­Patriotismus prägte auch Landsbergers Auseinandersetzung mit der immer wieder aufflammenden Feindschaft seiner »Landsleute« gegenüber dem Judentum.

Die Lektüre von Werner Sombarts 1911 veröffentlichter Schrift »Die Juden und das Wirtschaftsleben«, die die herrschende Ökonomie mit dem Einfluss der »Juden« erklärt, führte bei Landsberger zu einer Auseinandersetzung mit der Judenfeindschaft. Über Sombart schrieb er, er könne dessen »Haltung verstehen, ohne nicht gleichzeitig den dringenden Wunsch zu haben, er möge sie ändern«. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs vertrat Landsberger eine Position, die sich auch bei Bettauer findet. Landsberger affirmierte Sombarts These, Jüdinnen und Juden seien die treibende Kraft der kapitalistischen Wirtschaft. Doch müsse ihre besondere Rolle und Andersartigkeit akzeptiert werden, anstatt sie durch vollständige Assimilation oder Ausschluss zu beseitigen. Die wirtschaftlichen Tätigkeiten seien »ein Dienst am Vaterland«, so Landsberger.

Nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich seine Haltung allmählich. Zwar gab er die Überzeugung nicht auf, dass »Juden« eine dominante Stellung in der Volkswirtschaft einnähmen. Aber er sah in der Identifikation von »Juden« mit dem Kapital auch eine Gefahr. In »Berlin ohne Juden« wird Sombarts Schrift explizit als eine Schnittstelle linker und rechter Interessen angeführt. Sie biete beiden Lagern einen gemeinsamen Feind. Anders als Bettauer erkannte Landsberger also im Antisemitismus ein Problem nicht nur der Rechten, sondern auch der Linken. Zwar sind in »Berlin ohne Juden« ebenfalls die Nationalisten das Gesicht der antisemitischen Bewegung, in Gang ­gesetzt wird diese jedoch von dem russischen Bolschewisten Pinski.

Wie kommt Landsberger darauf, ein solches Komplott zu inszenieren? 1923 hatte die KPD für wenige Monate offiziell mit ihren politischen Todfeinden verhandelt. Um einen möglichst großen Teil der Be­völkerung für die geplante Revolution zu mobilisieren, diskutierten führende Kommunistinnen und Kommunisten über einen Schulterschluss zwischen Nationalisten und Sozialisten. In der Tagespresse der KPD war zu dieser Zeit von »jüdischem Kapital« die Rede. Neu war im Krisenjahr 1923, dass die KPD offen im rechten Milieu agitierte. Einer der prominentesten Fürsprecher dieses Kurses war Karl Radek – Russlands Sekretär für Deutschland im Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale. Er sah 1923 in der nationalis­tischen und faschistischen Stimmung (die Clara Zetkin zur gleichen Zeit beunruhigte) eine Chance für einen Gesellschaftsumsturz. In der Zeitung Die Rote Fahne versprach er »ein Ende der Herrschaft der beschnittenen und unbeschnittenen Kapitalisten« (Jungle World 28/2011). Radek weist auffallende Ähnlichkeit mit Landsbergers Antagonisten Pinski auf, der ebenfalls aus Russland nach Deutschland kommt, um Sozialisten und Nationalisten für die Revolution zu vereinen. Doch während Radek atheistischer Jude war, gibt Pinski sich lediglich als Jude aus.

Einem Parlamentarier legt Landsberger folgende Worte in den Mund: »Nun sind erwiesenermaßen die ­Juden die Väter des Kapitalismus. Ich habe nicht nötig, Ihnen zu sagen, welches Unglück sie damit über die Welt gebracht haben.« Auf Grund­lage dieser Argumentation soll der Schulterschluss zwischen nationaler und kommunistischer Bewegung gelingen, an dem die KPD 1923 real gescheitert war. Das Argument lautet:

»Sagen wir also den Arbeitern: Wer gegen den Kapitalismus ist, der muss auch gegen den Internationalismus sein. Der Gegensatz von international ist national! Sofern ihr denkende Menschen und keine ­Idioten seid, müsst ihr Nationalkommunisten werden. Nationalsozia­lismus und Nationalkommunismus sind leicht auf einen Nenner zu bringen.«

In Landsbergers Roman sind es nicht die Kommunistinnen und Kommunisten, die mit antisemitischen Parolen in den Gewässern der Nationalisten fischen, sondern umgekehrt die Nationalsozialisten, denen es vermittels des Antisemitismus gelingt, Arbeiter und Bauern zu mobilisieren. Die jüdische Minderheit als international agierendes Sinnbild abstrakten Kapitals wird zum gemeinsamen Todfeind – aber die Rollen sind vertauscht. Lands­berger sollte recht behalten. Die Vertreter der völkischen Bewegung erteilten den Bündnisbemühungen der KPD eine Absage, der Schlageter-Kurs ebbte ab. Der latente Antise­mitismus blieb bestehen.

Problematisch an Landsbergers Darstellung ist, dass der Antisemitismus in »Berlin ohne Juden« von ­außen, durch einen nichtjüdischen russischen Agenten, an die Deutschen herangetragen wird. Die politischen Akteure in der Weimarer ­Republik waren jedoch nicht so leicht in Freund und Feind zu unterteilen. KPD-Mitglieder wie Radek oder Ruth Fischer, die selbst vom Judenhass betroffen waren, trugen den Schlageter-Kurs, und Judenfeindschaft war in Deutschland auch ohne Nachhilfe aus Russland ein großes Problem. An diesem Punkt ist die literarische Darstellung unterkomplex – Landsbergers Blick war von seinem Patriotismus getrübt. Der Antisemitismus verschwindet mit der Erschießung des russischen Agenten. Das Happy End schwächt seine ansonsten vielschichtige Darstellung.

Arme Deutsche. Literatur

nach 1933

Für Schriftsteller wie Günter Grass oder Martin Walser scheint es nicht die Aufgabe deutscher Literatur nach 1945 zu sein, Judenfeindschaft zu ­kritisieren. An »kritischen Stellungnahmen« hingegen mangelt es nicht. Der Literaturnobelpreisträger Grass, während des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS, sorgte 2010 für einen Skandal, als er in einem Gedicht halluzinierte, ein Militärschlag Israels gegen im Bau befindliche Nuklearanlagen im Iran würde »das iranische Volk auslöschen«. Martin Walser ist seit den neunziger Jahren wiederholt durch antisemitische Bemerkungen auf­gefallen. 2002 weigerte sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Walsers Roman »Tod eines Kritikers« ­abzudrucken, weil er ein »Spiel mit antisemitischen Klischees« treibe. Selbst die Schriftsteller, die im Deutschunterricht zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gelesen werden, fallen an anderer Stelle durch judenfeindliche ­Darstellungen auf. Paula Wojcik zeigt das in ihrer anregenden Studie »Das Stereotyp als Metapher. Zur Demontage des Antisemitismus in der Gegenwartsliteratur« am Beispiel von Bernhard Schlink, dessen Roman »Der Vorleser« mit Kate Winslet verfilmt wurde. In Schlinks Erzählung »Die Beschneidung« wird der nichtjüdische Protagonist Andi von seiner jüdischen Freundin und ihrer Familie »für etwas angegriffen, für das er nichts kann: für seine Herkunft«. Ein nichtjüdischer Deutscher als Opfer der Juden.

Wojciks Thema ist allerdings ein anderes. Sie untersucht an Gegenwartsromanen wie Jonathan Safran Foers »Alles ist erleuchtet«, mit welchen literarischen Mitteln eine Demontage antisemitischer Vorstellungen in der Literatur gelingen kann, und analysiert dafür das Spiel mit grundlegenden Metaphern. Wie in Europa wurde auch in den USA das Thema Judenfeindschaft schon vor 1945 verhandelt. 1930 veröffentlichte Michael Gold den Roman »Jews without Money«, der ein Jahr später auf Deutsch erschien. Er sei »stolz« gewesen, dass sein Buch vor 1933 übersetzt wurde, denn so konnte es als »Propagandamittel gegen die nazistischen antisemitischen Lügen« ­dienen, so Gold.

Unter dem Eindruck der Shoah schrieb Arthur Miller den Roman »Fokus«, der wie Golds Buch in New York spielt. Miller schrieb: »Nie und nirgends habe ich solchen Antisemitismus gesehen wie hier. Ganz New York ist davon überschwemmt.« Was den Roman besonders macht, ist nicht nur die Problematisierung des vermeintlich »jüdischen Aussehens«, sondern auch, dass er Judenfeindschaft in einer liberalen, bür­gerlichen Gesellschaft verhandelt. In den dreißiger Jahren, in denen der Roman spielt, wurde der Antisemitismus noch offener geäußert als nach 1945. Gleichwohl ist die Judenfeindschaft schwer greifbar.

Der Plot von »Fokus« liest sich wie ein Wunschtraum antirassistischer Pädagogik: Nachdem sich der kurzsichtige Protagonist Lawrence Newman dazu durchringt, eine Brille zu tragen, sieht er nicht nur seine Umwelt mit neuen Augen. Auch die Umwelt sieht in ihm plötzlich etwas anderes, nämlich einen Juden. Erneut begegnen wir dem Moment der Maskerade, doch diesmal gänzlich unfreiwillig. Newmans Mutter ist die Erste, die es ausspricht, aber sie ist sich sicher, dass es außer ihr niemand bemerken wird. Doch Newman verliert seinen Job und damit seinen gesellschaftlichen Status. Der Grund wird nicht offen genannt. Sein Vorgesetzter lässt ihn nur wissen, dass er »auf Leute, die zum ersten Mal herkommen, keinen guten Eindruck mache«. An Hotels dient der Hinweis »Auserlesene Gäste« als Warnung, dass Menschen, die für Juden gehalten werden, ebenso abgewiesen werden wie Afroamerikaner.

So erfährt Newman, ein nicht­jüdischer Amerikaner, wie sich Diskriminierung anfühlt. Zuvor hatte er selbst zu denen gehört, für die »der Begriff ›Jude‹ immer Schwindler ­bedeutet. (…) In Newmans Augen war alles, was sie Positives taten, nur die Sucht, sich beliebt zu machen.« Seine spätere Frau Gertrud teilt das gleiche Los. Newman hatte sie – noch in ­seiner Funktion als Personalchef – abgewiesen, weil er sie irrtümlich für eine Jüdin hielt. Anders als Gertrud nimmt Newman, der neue Mann, schließlich sein Schicksal an. Während sie lediglich klarstellen möchte, dass sie keine Jüdin ist, verbündet sich Newman mit dem jüdischen Zeitungshändler Finkelstein und verteidigt sich gegen antise­mitische Schlägerbanden.

2004 erschien mit »Die Verschwörung gegen Amerika« einer der gelungensten Romane über das Erfolgspotential antisemitischer Politik in einer liberalen, demokratischen Gesellschaft. Philip Roth inszeniert ­darin eine faschistische Machtübernahme in den USA als literarische Fiktion gefüllt mit historischen Fakten. Der Präsidentschaftskandidat Charles Lindbergh sympathisiert mit den deutschen Nazis, verkauft seine Politik aber als Isolationismus und verspricht, die USA aus dem Zweiten Weltkrieg herauszuhalten. Entsprechend lautet sein Wahlspruch: »Wählt Lindbergh oder wählt den Krieg.« Diese Mischung aus Isolationismus und Faschismus kommt einem seit Donald Trump sehr bekannt vor. Im Anhang des Romans wird eine Rede Charles Lindberghs dokumentiert, der in Roths Roman Präsident der USA wird und der im wirklichen Leben tatsächlich Antisemit war. Landsberger und Bettauer porträtierten in den zwanziger Jahren ebenfalls ihre Zeit, indem sie real existierende Personen in ihre Handlung integrierten. Durch die Anbindung an tatsächliche Ereignisse und Personen wird die Dringlichkeit der Thematik unterstrichen und die Grenze zwischen Realität und Fiktion brüchig. Jeden Moment könnte die erdachte Katastrophe als Wirklichkeit über uns hereinbrechen.

In der neuen deutschen Literatur dient dieses Mittel ganz anderen Zielen: Martin Walser lässt in seinem antisemitelnden Roman »Tod eines Kritikers« eine Figur mit auffälligen Ähnlichkeiten zum jüdischen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki auftreten. Anders als Bettauer und Landsberger verwendet er jedoch nicht den tatsächlichen Namen oder fügt gar, wie Roth, einen Anhang mit der Biographie seines unfreiwilligen Protagonisten hinzu. Wie schön wäre es, heute einen Roman zu lesen, in dem die Protagonisten so schillernde Namen wie Günther Krass und Martin Balzer trügen.

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