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Guido Sprügel: Ein Besuch des gigantischen Parlamentspalastes in Bukarest

Mahnmal der Gigantomanie

Der rumänische Diktator Nicolae Ceaușescu ließ in den achtziger Jahren einen gigantischen Palast in Bukarest errichten. Dessen Fertigstellung hat er nicht mehr erlebt, doch der Protzbau thront auch ein Vierteljahrhundert nach dem Umbruch in Rumänien über der Hauptstadt.

von Guido Sprügel

Die Fernsehbilder aus dem Rumänien des Jahres 1989 haben sich tief ins Gedächtnis gegraben. Ein verwirrter alter Nicolae Ceaușescu, der auf dem Balkon in Bukarest zum Volk spricht, bis es auf einmal zu Sprechchören und Tumulten kommt, die den Diktator überfordern. Dem Stottern folgt ein totaler Bildausfall im rumänischen Staatsfernsehen. Zu sehen ist lange Zeit ein Standbild, untermalt von schöner Musik. Es sind die letzten Tage des rumänischen Präsidenten, kurze Zeit später gehen die Bilder seiner Exekution um die Welt. Zusammen mit seiner Frau Elena liegt Nicolae Ceaușescu, von Kugeln getroffen, vor einer Mauer. Ein weiteres Bild ließ damals Verwirrung zurück: Revolutionäre schwenken die rumänische Flagge ohne sozialistische Symbole auf einem gigantischen Gebäude – oder vielmehr auf einer riesigen Baustelle. Der Fernsehkommentator sprach vom »Haus des Volkes«, die Kamerafahrt am Gebäude vorbei dauerte eine halbe Ewigkeit. Die Bezeichnung »Haus« sorgte schon damals für Irritationen, denn was auf den Bildern zu sehen war, glich eher einem überdimensionierten Palast, größer als der in Versailles. Und das in einem angeblich sozialistischen Staat.

Über ein Vierteljahrhundert nach den Umbrüchen in Rumänien ahnt man beim Bummel durch die Altstadt Bukarests lange Zeit nichts von dem Ungetüm mitten in der Hauptstadt. Doch wenn man aus der Altstadt tritt und einige kleine Sträßchen weiter Richtung Palatul Parlamentului (Parlamentspalast, so der heutige Name des Prunkbaus) geht, ragen auf einmal die ersten neoklassizistischen Fassaden auf. Anders als 1989, als der Palast einer riesigen Bauruine glich, ist er nun wirklich fertiggestellt. Die rumänische Regierung nach 1989 entschied sich nach vielen Diskussionen, den Bau nicht abzureißen, sondern das Prestigeobjekt zu vollenden. Heute ist der Palast einer der Touristenmagnete in Bukarest. In diversen Führungen kann man sich das Innere von Ceaușescus Traum zeigen und erklären lassen. Die Führungen gibt es in verschiedenen Varianten und Preisklassen. Die klassische Führung für 35 Lei (7,80 Euro), die mit Panoramaterrasse für 45 Lei, die mit Terrasse und Kellergewölben für 55 Lei. Legt man noch einmal 30 Lei drauf, darf man während der Tour auch Fotos machen.

Mutter überwachte den Bau

Der Eingang für Touristen ist nicht der prachtvolle am Bulevardul Libertatii, sondern an der nördlichen Seite gelegen. Dort wartet man auf ungemütlichen Plastikstühlen auf den Beginn der Führung. So einfach das Sitzmöbel, so mondän die Umgebung. Boden und Wände erstrahlen in marmorweiß, der Gang zur Besuchertoilette führt vorbei an ersten Säulen und aufwendigen Bodenmosaiken. Man ahnt bereits, was einen bei der Führung erwarten wird. Doch wer die Hoffnung hat, alle 5 100 Räume und Hallen des Palastes zu Gesicht zu bekommen, wird schnell enttäuscht. Nach der obligatorischen Leibesvisitation samt Scan des Rucksacks erklärt die Führerin schnell, dass das eine Tagestour wäre. »Sie werden heute nur rund fünf bis zehn Prozent des Palastes besuchen«, stellt Elena in gutem Englisch fest. Die 25jährige ist Studentin und sagt mit einem ironischen Lächeln, dass ihr Vorname gut zu dem Palast passe, wegen der Frau des Diktators. Elena Ceaușescu war maßgeblich in den Bau involviert, besuchte zusammen mit ihrem Mann wöchentlich die Baustelle, um neue Anweisungen zu erteilen oder sich über den Baufortschritt informieren zu lassen. Sie war nicht minder despotisch als ihr Mann. Als »Wissenschaftlerin von Weltrang« ließ sie sich titulieren, ohne in ihrem angeblichen Fachgebiet Chemie jemals selbst promoviert zu haben. Die leidige Arbeit erledigte ein Professor für sie. Die »liebende Mutter der Nation« trug schließlich über 70 Ehrendoktortitel, besaß Schuhe mit Diamantbesatz, Unmengen an Pelzen und viele andere Luxusobjekte, die Diktatorengattinnen gerne anhäufen. In Rumänien ist sie bis heute, ebenso wie ihr Mann, verhasst.

Die junge Elena wirkt gar nicht despotisch. Sie scheint ihren Job zu lieben, nicht ohne ein Quentchen Ironie einfließen zu lassen. Anders erträgt man die Ausmaße des Palastes wohl auch nicht. Die Idee für den Bau kam Nicolae Ceaușescu auf einer Reise nach Nordkorea in den siebziger Jahren. Er war beeindruckt von den Prestigebauten in Pjöngjang und dem unglaublichen Personenkult der Kim-Dynastie. Zurück in Rumänien, so erzählt es die Führerin, habe er dann den Auftrag für den Palastbau erteilt. Doch um Platz zu schaffen, musste zunächst ein ganzes historisches Stadtviertel weichen. Über 40 000 Wohnungen wurden geräumt und abgerissen, viele Synagogen und Kirchen fielen ebenfalls der Abrissbirne zum Opfer. Baubeginn war im Jahr 1984. Im Lauf der Zeit arbeiteten rund 20 000 Arbeiter an dem Bauwerk, darunter viele Militärangehörige, aber wohl auch Zwangsarbeiter.

Hungern für die Marmorsäle

Vorbei an unendlich viel Marmor geht es durch bombastische Flure mit wenigen Wandgemälden. Da der Palast 1989 noch ein Rohbau war, fehlen sozialistische Insignien. Sie waren selbstverständlich geplant: Jeder Saal sollte einen sozialistischen Titel tragen. Trotzdem hängen vereinzelt Bilder an den Wänden, die aus der Zeit der Ceaușescus stammen. Mal sind dort Elena und Nicolae künstlerisch verfremdet mit einer Taube zu sehen, wie sie gen Himmel streben. Dann wieder sieht man uniforme Menschen mit gleichen Gesichtern durch eine Art Paradies tanzen. »Der Maler hat in allen Gesichtszügen die Ceaușescus angedeutet«, erzählt Elena. Der Saal der Presse, der an die Galerie angrenzt, ist ungenutzt. Genauso wie weite Teile des Ungetüms. Es ist bis heute eines der größten Gebäude und nach dem Pentagon das zweitgrößte Verwaltungsgebäude weltweit. Der Palast bietet mit über 360 000 Quadratmetern eine riesige Fläche. So richtig klar war den Ceaușescus die Nutzung im Einzelnen nicht. Hatte man im Palast der Republik in Berlin an Konzertsäle, Kegelbahnen und Cafés gedacht, fehlten in Bukarest genaue Ideen für das »Haus des Volkes«. Was soll man auch in Dutzenden riesigen Marmorsälen unternehmen? Es ging anscheinend nur um Protz. Aber allzu leichtfertig sollte man den Irrsinn nicht als Gespenst der Vergangenheit abtun – schließlich hat Recep Tayyip Erdoğan erst jüngst einen überdimensionierten Palast einweihen lassen.

Verglichen mit dem unendlich großen Galerien in Bukarest kommt einem Versailles wie eine Miniaturausgabe vor: Überall marmorne Treppen und Säulen, kostbare tonnenschwere Teppiche, gigantische Kristalllüster, atemberaubend geschmückte Säle, Brokat- und Samtvorhänge mit Gold und Silber bestickt. In einem Theatersaal wiegt der Kristalllüster fünf Tonnen. Ceaușescu hatte damals die Parole ausgegeben, dass alles im und am Palast aus Rumänien stammen sollte. »In Klöstern wurden die gigantischen Teppiche gewebt, in den Marmorwerken nur für den Palast in Sonderschichten gearbeitet«, erzählt Elena nicht ohne einen Hauch von Schaudern. Sie ergänzt, dass aus Asien eigens Seidenraupen importiert worden seien, damit der Brokat auch aus Rumänien kam. Die ganze Geschichte spielte nur leider nicht in einem reichen Staat. Rumänien versank in den achtziger Jahren in Armut. Wetterberichte wurden verfälscht, damit es den Menschen in ihren kaum beheizten Plattenbauten nicht ganz so kalt vorkam, Strom gab es nur noch stundenweise, das Essen wurde in manchen Familien knapp und im Kinderheim Cighid verhungerten behinderte Kinder. Rund 40 Prozent des rumänischen Bruttosozialprodukts gingen in den Bau des Palasts. Wenn man in dem Saal von Elena Ceaușescu steht, ahnt man von dieser Armut nichts. Er wurde nach den Wünschen der Despotin mit rosafarbenem Marmor ausgekleidet.

Bröckeln für die Ewigkeit

Im ganzen Palast fehlt eine elektrische Klimaanlage. Wie bei Diktatoren üblich, hatte Nicolae Ceaușescu unglaubliche Angst vor Anschlägen oder Vergiftung. Es sei eine natürliche Belüftung eingebaut worden, die wirklich kompliziert sei, erklärt Elena. Augenzwinkernd fügt sie hinzu, dass man für Details bitte einen der beteiligten Architekten fragen möge. Anca Petrescu, die Architektin, die den Wettbewerb für den Palastbau gewann, lebt zwar seit einigen Jahren nicht mehr. Da jedoch insgesamt 700 Architekten beteiligt waren, kann man mit Sicherheit noch einen lebenden finden. Draußen erhascht man einen Blick auf den riesigen Balkon, von dem aus sich Ceaușescu an »sein Volk« wenden wollte, das ihm brav aufgereiht auf dem Bulevardul Unirii, damals noch »Boulevard des Sieges des Sozialismus«, zujubeln sollte.

Nach Elenas Saal kommt man so langsam in das Herz des Prunks. Als hätte sich der deutsche Modedesigner Harald Glööckler hier als Innenarchitekt ausgetobt. Der Haupteingang besteht aus gigantischen Türen. Dort sollten Staatsgäste eintreten. Tritt man ein, fallen sofort von rechts und links kommende Marmortreppen ins Auge. Wer sollte dort herunterkommen? Natürlich von links Elena und von rechts Nicolae. Elenas Treppe wurde sieben Mal abgerissen, weil sie nicht zur Schrittlänge der Präsidentengattin passte. Die junge Elena lächelt bei diesem Teil der Führung häufiger verschmitzt. Man kommt sich aber auch wirklich vor wie in einem Irrenhaus. Einem unglaublich prunkvollen allerdings.

Vom »Windfang« gelangt man in den nächsten Saal, ausgestattet mit Marmor, der akustisch so gestaltet ist, dass Nicolae ohne Mikrophon zu seinen Staatsgästen hätte sprechen können. Wieder werden fünf Meter hohe Türen geöffnet und man steht im größten Saal des Palastes, 16 Meter hoch, über 2 000 Quadratmeter groß. Dort sollte das Bankett stattfinden, links und rechts sollten große Gemälde der Ceaușescus hängen. Der »Titan der Karpaten« wollte in jedem Saal verewigt sein. Das Dach dieses Riesensaales besteht komplett aus Glas. Rund um die Uhr sollten Spezialeinsatzkräfte präsent sein, die bei Gefahr eines Anschlages das Dach in wenigen Minuten hätten öffnen können. Dann wäre ein Hubschrauber gekommen und hätte das Präsidentenpaar gerettet – so der Plan. Doch auch in diesem Saal fand niemals ein Bankett statt. Die Geschichte hat die Ceaușescus vorher hinweggespült, ihr Erbe blieb bestehen. 1991 einigte man sich darauf, den Bau doch noch zu beenden. Seit 1997 tagt die rumänische Abgeordnetenkammer im Palast des Parlaments, seit 2005 auch der Senat. Weite Teile stehen jedoch nach wie vor leer. Einige Säle sind für private Feiern zu mieten, für 4 000 Euro kann man es mit Hunderten Gästen krachen lassen.

Im Keller, der den Abschluss der Führung bildet, sind die einzelnen Bauabschnitte des Palastes fotografisch dokumentiert. Vieles bröckelt nach 25 Jahren schon vor sich hin. Beim Bau wurde geschlampt, viele Wände haben bereits Risse und die Renovierungskosten gehen jährlich in die Millionen. Für die Ewigkeit ist der Palast offenbar nicht gemacht. Um den Keller ranken sich Gerüchte, es soll einen Bunker und geheime Tunnel geben. Doch vieles lässt sich nicht erhärten. Durch weniger schöne Nebengänge, vorbei an bereits abgenutzten Versorgungsleitungen, geht es zum Ausgang. Im Souvenirshop kann man den Palast in all seiner Pracht in Miniatur kaufen. Eine Wohltat ist es, nach der Führung außerhalb des Palasts im charmanten Bukarest in einem einfachen Imbiss auf Plastikstühlen rumänische Hausmannskost zu genießen. Ganz ohne Marmor.

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