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Kevin Culina: Der antiisraelische Terrorismus der siebziger Jahre und der Antisemitismus der deutschen Linken

Selektiver Hass

Eine Konferenz an der Hebräischen Universität in Jerusalem diskutierte die erinnerungspolitische und popkulturelle Bedeutung des anti­israelischen Terrorismus der siebziger Jahre. Dabei wurde vor allem der Antisemitismus in der Linken thematisiert.

von Kevin Culina

Junge Soldaten, getragen auf den Schultern jubelnder, lachender Menschen auf einem Flughafenrollfeld. Dieses Bild ist allgegenwärtig, wenn in Israel von der »Operation Jonathan« die Rede ist, der Befreiung von 102 israelischen Geiseln, die 1976 von deutschen und palästinensischen Terroristen im ugandischen Entebbe festge­halten wurden. Die Befreiung durch eine israelische Eliteeinheit hat einen festen Platz im Selbstbewusstsein Israels und des israelischen Militärs. Entebbe ist in Israel das Symbol für die zurückerlangte jüdische Fähigkeit zur Selbstverteidigung gegen antisemitischen Terror – auch über die Grenzen des jüdischen Staates hinaus.

Doch während in Israel klar ist, dass es sich bei der Entführung von Entebbe um einen Teil des antisemitischen Krieges gegen Israel und seine Bürgerinnen und Bürger handelt, gerät die Geschichte in Deutschland in Vergessenheit. Bei der Konferenz »From Entebbe to Mogadishu: 40 Years to the ›German Autumn‹« am 16. und 17. Januar an der Hebräischen Universität von Jerusalem diskutierten Akade­mikerinnen und Akademiker aus Deutschland, den USA und Israel über die geschichtspolitische Thematisierung der Entführung in Deutschland und Israel sowie die popkulturelle ­Darstellung der Ereignisse. Zudem kamen Überlebende und an der Befreiung Beteiligte zu Wort. Dass die Terroristen antisemitisch motiviert waren, war bei allen an der Konferenz Beteiligten Konsens.

Als Angriff »auf die Gleichwertigkeit aller Menschen«, die »zentrale Idee« der westlichen Staaten, bezeichnete Martin Jander den Terrorismus der siebziger Jahre in seiner Keynote. Der Historiker von der Freien Universität Berlin diskutierte verschiedene Formen des nichtstaatlichen Terrorismus in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR, die er in linken, rechten und arabischen Terrorismus aufteilt. Während die DDR sich vor allem der Unterstützung des »Krieges arabischer Staaten und palästinensischer Terroristen gegen Israel« verschrieben habe, seien es in Westdeutschland vor allem linke und rechte Terroristen gewesen, die sich an Anschlägen auf den jüdischen Staat beteiligten. Als ideologischen Kern stellte Jander den gras­sierenden Antisemitismus und Rassismus der Siebziger in den Fokus, der unter anderem im Antizionismus Ausdruck gefunden habe. Insbesondere bei den Flugzeugentführungen von Entebbe und Mogadischu unter der Beteiligung deutscher Linker sei das deutlich zu sehen. In der Stellungnahme zur Entführung des Lufthansa-Flugzeugs »Landshut« nach Mogadischu 1977, die unter anderem von Mitgliedern der RAF verfasst wurde, war von der Befreiung von Terroristen aus der »imperialistisch-reaktionär-zionistischen Allianz« die Rede. Dem Staat Israel wurden eine »expansionistische und rassistische Natur« sowie psychische und physische Folter unterstellt, das »zionistische Regime« sei die »größte unabhängige und praktische Fortsetzung des Nazismus«. Die Befreiung der israelischen Geiseln in Entebbe wurde als »zionistische Invasion« bezeichnet.

Auch der US-amerikanische Historiker Jeffrey Herf betonte den antise­mitischen Kern des Bündnisses aus deutschen Linken und Palästinensern in Mogadischu und Entebbe. In seinem kürzlich erschienenen Buch »Undeclared Wars with Israel. East Germany and the West German Far Left, 1967–1989« zeichnet er die Geschichte antiisraelischer Aktivitäten sowohl der ­außerparlamentarischen Linken in Westdeutschland als auch der DDR nach. Sein Vortrag in Jerusalem zielte auf die Leerstelle in der Forschung hierzu. Den symbolischen Beginn der anti­semitischen Wende in der deutschen Linken sieht Herf in einer Erklärung des »Sozialistischen Deutschen Studentenbundes« (SDS) im September 1967, die eine Reaktion auf den Sechstagekrieg darstellte. Hier sei der Gegensatz zwischen dem »anglo-amerikanischen Imperialismus« auf der einen und dem »antiimperialistischen Kampf der Araber« auf der anderen Seite aufgestellt worden. Der Antiimperialismus habe den Antifaschismus ersetzt, aus Schuldabwehr aufgrund der mörderischen deutschen Geschichte wurden im Antizionismus die jüdischen Opfer zu vermeintlichen Tätern verkehrt. Insbesondere die Solidarität mit der »Pales­tine Liberation Organization« (PLO) sieht er als problematisch, da diese sich in ihrer Charta dem bewaffneten Kampf gegen Israel sowie gegen den als »rassistisch« und »faschistisch« ­dämonisierten Zionismus verschrieben hat. Solidarität mit der PLO bedeutete neben der Akzeptanz der antizionistisch-antisemitischen Position also auch die des bewaffneten Kampfes.

Auch am Beispiel Ulrike Meinhofs werde die antisemitische Wende der Linken offensichtlich. Meinhof bezeichnete das Attentat von München 1972, bei dem elf Mitglieder der isra­elischen Olympiamannschaft von palästinensischen Terroristen entführt und ermordet wurden, als »gleichzeitig antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch« und betitelte den damaligen israelischen Verteidigungsminister Moshe Dayan als »Himmler Israels«. Ein »kleiner Teil der westdeutschen Linken«, so Herf, habe damals die »antizionistische Brücke« vom Antisemitismus des Nationalsozialismus zum Antisemitismus des Islamismus heute geschlagen. »Der Krieg gegen Israel bleibt nicht nur bei Worten«, er schaffe den Boden für antisemitische Taten und »die Opfer interessiert es nicht, ob die Täter sich als Marxisten-Leninisten oder Islamisten« bezeichneten, merkte Herf zum Ende seines Vortrags auch im Hinblick auf die aggressive Formierung der antiisraelischen Boykottbewegung BDS in den USA an.

Dass der antiisraelische Terrorismus der siebziger Jahre keineswegs im luftleeren Raum entstand, zeigten auch weitere Vorträge auf der Jerusalemer Konferenz. Ido Zelkovitz, Historiker an der Universität Haifa, stellte etwa seine Arbeit zu den palästinensischen Studierendenorganisationen vor, die sich in den Sechzigern und Siebzigern an deutschen Universitäten etablierten, wie beispielsweise die »Generalunion palästinensischer Studenten« (GUPS). Oftmals von Fatah oder PLO gesendet und unterstützt, machten sie Werbung für die »palästinensische ­Sache«. Sowohl marxistisch-leninistisch beeinflusste Gruppen wie auch islamisch-religiöse Verbände habe es gegeben. Sie nutzten Kulturabende, ins­besondere Konzerte mit palästinensischer Küche, für ihre Agitation, griffen aber auch auf tradierte antisemitische Bilder zurück. So warb die der Fatah nahestehende GUPS mit einem Plakat, auf dem ein palästinensischer Mann die israelische Grenze überschreitet und eine Krake mit Davidstern auf dem Kopf ersticht. Zelkovitz, der als Post-Doc an der Universität Göttingen tätig war, attestiert der Hochschule, damals einen »geschützten akademischen Raum« geboten zu haben, in dem militante palästinensische Gruppen für ihren Kampf agitieren konnten.

Diesen Blick auf die deutsche Linke und ihre antisemitische Geschichte ­teilen nicht alle. In einer Studie der Historikerin Freia Anders und ihres Kol­legen Alexander Sedlmaier, die 2013 im »Jahrbuch für Antisemitismusforschung« erschienen ist und 2016 erneut ­veröffentlicht wurde, soll eine »quellenkritische ­Perspektive« auf das von ­ihnen so betitelte »Selek­tionsnarrativ« von Entebbe gelegt werden. Als anti­semitische Selektion empfanden es verschiedene ­israelische Geiseln, darunter Überlebende der Shoah, dass Israelis von Nicht-Israelis getrennt wurden, und fühlten sich an die Rampe von Au­schwitz erinnert. Dass diese Aufteilung unter anderem von Deutschen vorgenommen wurde, wurde in der damaligen internationalen, insbesondere aber in der israelischen Presse als Skandal gewertet. Anders und Sedlmaier betonen in ihrer Arbeit, dass vor allem anhand der Staatsangehörigkeit sortiert worden sei. Die Mitglieder der »Revolutionären Zellen« (RZ) seien vor allem aus »Bündnistreue zur PFLP« in Entebbe beteiligt gewesen und hätten bezüglich der »medien- und erinnerungspolitischen Dimension eine krasse Fehleinschätzung« begangen. Die Quellenlage gebe »keinerlei Hinweise« darauf, »dass die Entführer den Selek­tionsvorwurf antizipiert hätten«. Vielmehr sei die Aussortierung der Israelis mit dem Ziel erfolgt, den israelischen Staat mit dessen Staatsbürgern zu erpressen, um einen Gefangenenaustausch zu initiieren. Zwar werden Doppelstaatsangehörigkeiten als Problem in der genauen Analyse genannt – so wurden beispielsweise orthodox-jüdisch gekleidete Franzosen ebenfalls mit den Israelis entführt –, die Bezeichnung als »Selektion« wird jedoch in Bezug auf die Quellenlage als »uneindeutig« zurückgewiesen. Die Frage nach einer möglichen antisemitischen Motivation der Entführer bleibe demnach offen, jedoch, und hier wird es spannend, werfe die Untersuchung Anders und Sedlmaier zufolge »Fragen auf hinsichtlich der empirischen ­Evidenz, auf der die publizistisch lautstark vorgetragenen Anti­semi­tis­mus­vor­würfe gegen die radikale Linke beruhen«.

Martin Jander versteht die Arbeit von Anders und Sedlmaier vor allem im Kontext der Debatte über Antise­mitismus in der Linken, wie er im Gespräch mit der Jungle World am Rande der Konferenz erzählt. Dessen Existenz werde, so Jander, hier ignoriert und eine »Zurückweisung des linken Antisemitismus« betrieben. In der Tat fällt im Text von Anders und Sedlmaier die unkritische Isolierung der Flugzeugentführung von Entebbe vom damaligen politischen Profil der deutschen Linken auf. Besonders befremdlich wird die Argumentation, wenn von »israelkritischen und antizionistischen Aktionen« der Revolutionären Zellen im »klandestinen militanten Kampf« die Rede ist, die sie auch nach dem »Public-Relations-Desaster von Entebbe« fortgesetzt hätten. Mittel dieser Kämpfe seien »Boykottkampagnen und auf Sachbeschädigung ausgerichtete Brandsätze« gewesen, die sich »etwa gegen Handelsunternehmen, die israelisches Obst importierten« gerichtet hätten.

Denkt man an die Gewaltandrohungen gegen Kinos, die Filme über Entebbe in Deutschland zeigen wollten, darunter ein Brandanschlag von Mitgliedern der RZ, erweist sich diese Entkontex­tualisierung als höchst problematisch. Anders und Sedlmaier zufolge habe ­gerade im »journalistischen Tagesgeschäft« die Sensation des Ereignisses dazu geführt, dass »eine Differenzierung zwischen israelischen Staatsbürgern und Juden nicht wichtig« erschienen sei. Für Jander ist genau diese Unterscheidung problematisch, da sie die antisemitische Gewalt gegen Israelis vom antisemitischen Weltbild der Attentäter entkoppelt. Anders und Sedlmaier kritisieren die vom israelischen Staat forcierte »Analogie zwischen Flugzeugentführung und Holocaust«, um als Teil einer »integralen Legitimationsstrategie« ihr »völkerrechtlich umstrittenes militärisches Eindringen in das Territorium eines souveränen Staates« – gemeint ist hier Uganda bei der Befreiung der Geiseln – zu legitimieren. Das hält Jander für falsch und politisch motiviert.

Der antizionistisch daherkommende Antisemitismus von Teilen der radikalen Linken in den Siebzigern sollte in der Forschung und gerade in der heutigen Linken als belegt gelten. Die quellenkritische Forschung zu den einzelnen Anschlägen hat ihre Berechtigung. Wenn jedoch von einem »Selektionsnarrativ« die Rede ist, das lediglich zur Legitimation von vermeintlich völkerrechtswidrigen Militäreinsätzen aufrechterhalten werde, und gleichzeitig militante Boykottkampagnen als »­israelkritisch« bagatellisiert werden, wird der relativierende Effekt dieser kleinteiligen Forschung offensichtlich.

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