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Knut Henkel: im Gespräch mit Álvaro Jiménez, Politologe, über Antipersonenminen in Kolumbien

»Die Opfer haben keine Priorität«

Álvaro Jiménez ist der Direktor der Campaña Colombiana Contra Minas (CCCM), einer Organisation, die sich in Kolumbien gegen Antipersonenminen einsetzt. Der Politologe hat mit Bauernorganisationen zusammengearbeitet, die politische Lage Kolumbiens analysiert, und war früher Sprecher der Guerillaorganisation M-19.

von Knut Henkel

In fast allen der 32 Verwaltungsbezirke Kolumbiens liegen Minen. Niemand weiß, wie viele es sind. Im vergangenen Jahr wurden zwei ­Pilotprojekte zur gemeinsamen Minenräumung von der Armee und der Guerilla Farc initiiert. War diese vertrauensbildende Maßnahme ein Erfolg?

Ja, das Ziel, Vertrauen zwischen Armee und Farc zu schaffen, wurde genauso erreicht wie das, Vertrauen in der Bevölkerung für den Friedensprozess auf­zubauen. Parallel dazu wurde die Hoffnung gesät, dass es möglich ist, Dörfer und auch ganze Regionen von Minen zu befreien. Daran haben viele Menschen lange Zeit genauso wenig geglaubt wie daran, dass Armee und Farc wirklich zusammenarbeiten können. Dass es möglich ist, hat sich aber sowohl in Orejón, einem Dorf im Verwaltungsbezirk Antioquia, als auch in Santa Helena in Meta gezeigt und wurde landesweit positiv zur Kenntnis ­genommen.

Was lässt sich aus dem erfolgreichen Pilotprojekt lernen?

Die Minen sind ein gravierendes Problem für die Bevölkerung in der Region, aber nicht das einzige. Die Bauern in der Region haben ihre Probleme klar benannt: das Fehlen von Straßen, so dass Produkte nicht zum nächsten Markt transportiert werden können, das Fehlen von staatlicher Präsenz, von Bildungs- wie Gesundheitseinrichtungen. Sie fordern mehr staatliche Unterstützung. So hat das Pilotprojekt größere Tragweite bekommen, denn nun geht es in beiden Regionen darum, den sozialen Wandel voranzutreiben. Die Postkonfliktphase hat dort schon begonnen.

Waren die Farc wirklich in der Lage, den Experten der Armee und der norwegischen Minenräumorganisation People’s Aid detaillierte Informationen über die Position von Minen zur Verfügung zu stellen?

Ja, das Farc-Kommando war gut vor­bereitet und das Pilotprojekt hat dafür gesorgt, dass sich die Lebensqualität für die Zivilbevölkerung in der Region verbessert hat. Die Leute können sich sicherer in ihrem Dorf und dessen Umgebung bewegen, es war möglich, mit Armee und Farc über ihre Situation zu diskutieren und über die eigene Zukunft nachzudenken. Das sorgt für einen Schub.

Waren die Erwartungen in den beiden Pilotregionen hoch?

Es gab viele Leute, die gehofft haben, mit der Minenräumung würden sich alle ihre Probleme von heute auf morgen lösen. Das ist vermessen, aber auch kolumbianisch. Die Realität sieht anders aus. Wir haben es in Kolumbien mit strukturellen Problemen zu tun, der jahrzehntelangen Abwesenheit von staatlichen Institutionen in mindestens 30 Prozent des Territoriums. Das lässt sich nicht von heute auf morgen ändern, das braucht Zeit.

Gibt es Entwicklungskonzepte für diese Regionen?

Die gibt es eben nicht. Da sind weitere staatliche Initiativen nötig. Ich glaube, dass es nicht allein um fehlende Mittel geht, sondern auch um die Abstimmung zwischen ­lokalen, regionalen und nationalen Akteuren und die Artikulation der Organisationen vor Ort. Nahe Orejón, einer der beiden Pilotregionen, gibt es zum Beispiel auch paramilitärische Präsenz. Das sorgt natürlich für Angst im Dorf, wenn dort Farc-Guerilleros mit der Beseitigung von Minen beschäftigt sind. In Santa Helena, im Departamento Meta, dort wo das andere Pilotprojekt lief, gab es dieses Risiko nicht – das ist ein reines Farc-Gebiet ohne paramilitärische und auch ohne jede staatliche Präsenz.

Hat die Bevölkerung dort an den Staat appelliert, tätig zu werden?

Genau, und auch dort sind die Ergebnisse ausgesprochen positiv. Die Minenräumungsphase ist abgeschlossen, das Pilotprojekt eigentlich beendet, aber offiziell eben noch nicht abgenommen. Gleichwohl drängt die lokale Bevölkerung darauf, dass es weitergeht.

Wie wird es weitergehen und wann?

Es gibt einen Plan, der vorsieht, dass in Kolumbien bis 2021 alle Minen geräumt werden. Dieser »Nationale Plan gegen Minen« lässt sich aber nur umsetzen, wenn in den Regionen, in denen die Minen geräumt werden sollen, ­keine Kampfhandlungen stattfinden. Das ist aber längst nicht überall der Fall, denn nach wie vor gibt es die Guerillas ELN (Ejército de Liberación Na­cional) und EPL (Ejército Popular de Liberación) und die paramilitärischen Gruppen. Mit dem ELN sollen die Verhandlungen zur Niederlegung der Waffen in Quito stattfinden, mit dem EPL gibt es bisher keine Verhandlungen. Die Nachfolgeorganisationen der Paramilitärs werden als »kriminelle Banden« bezeichnet, doch eine klare Bekämpfungsstrategie gibt es nicht. Diese Konstellation erschwert das Räumen der Minen.

Gibt es weitere Regionen, in denen das Räumen weitergehen soll?

Ja, es handelt sich um 42 Gemeinden, das sind rund 30 Prozent der mit Minen verseuchten Gebiete, und diese Vereinbarungen sind mit den Farc in Havanna getroffen worden, sie sind Bestandteil des Friedensabkommens. Das muss nun vom Parlament implementiert werden.

Die Zahl der Minenopfer ist sehr hoch. Erhalten sie die Beachtung und die Hilfe, die ihnen zusteht?

In Kolumbien gibt es mehrere wesentliche Probleme für die Opfer von Minen. In vielen Regionen fehlen die staatlichen Institutionen, um den Opfern zu helfen und sie zu versorgen. Immerhin gibt es Garantien und Nothilfezu­sagen, aber die psychologische Betreuung, die Therapien, die medizinisch-orthopädische Hilfe müssen von den Opfern erstritten werden. Es ist unstrittig, dass Kolumbien in den vergangenen zehn, 15 Jahren beachtliche Fortschritte gemacht hat, aber wir sind noch weit davon entfernt, die Zielvorgaben zu erreichen. Die nächste Etappe muss die Erfüllung der Gesetze sein. Ich persönlich denke nicht, dass es ein Problem der Mittel ist, vielmehr ist es ein Problem der internen Abstimmung und des politischen Willens. Wir sind ein Land mit ausreichend Ressourcen, aber es gibt ein Verteilungsproblem.

Also müssen die Mittel besser kanalisiert werden?

Genau. Die Opfer haben keine Priorität, oft erreichen sie die Mittel nicht und oft sind es Nichtregierungsorganisationen, die helfen, wo staatliche Institu­tionen durch Abwesenheit glänzen. Darauf müssen wir mehr Aufmerksamkeit richten.

Welche Rolle spielen die Paramilitärs? Setzen sie ebenfalls Minen ein?

Die Paramilitärs haben Minen eingesetzt und nach deren Demobilisierung und dem Auftauchen der Nachfolge­organisationen, der sogenannten bandas criminales emergentes oder »Bacrim«, wissen wir vom Einsatz von Minen in zwei Regionen des Landes: im Süden des Departamentos Córdoba und im Bajo Cauca Antioqueño. Da geht es um die Kontrolle bestimmter Landstriche, die strategische Relevanz haben, und dort wollen die Paramilitärs Aktionen von Armee und Polizei vermeiden. Unstrittig ist jedoch, dass es die Farc und der ELN sind, die Minen in erster Linien nutzen.

Welches sind die Departamentos, in denen die meisten Minen ausgebracht wurden?

Wir registrieren vor allem die Opfer. Aus diesen Zahlen kann man das zwar ableiten, aber genau wissen wir es nicht, weil die Opferzahlen nicht alle Facetten des Problems wiedergeben. Unstrittig ist, dass viele der 11 386 Opfer von Antipersonenminen, die bis Ende 2015 registriert wurden, aus bestimmten Departamentos kommen: aus ­Antioquia, Meta, Santander, Bolívar, Putamayo, Caquetá und Nariño. Das heißt aber nicht, dass wir wissen, wo Minen sind und wo nicht und was die Dimension des Problems ist. Oftmals sind die Angaben unvollständig, fragwürdig oder sogar falsch. Das ist ein Problem und der zentrale Grund, weshalb wir nicht darüber spekulieren, wie viele Minen in Kolumbien liegen könnten und was die Räumung der ­Minen kosten würde.

Warum engagieren Sie sich für die Beseitigung der Minen? Was ist Ihre persönliche Motivation?

Ich musste im Jahr 2000 aus Medellín nach Bogotá fliehen. Paramiltärs waren mir auf den Fersen und in Bogotá musste ich mich neu orientieren. Schließlich erhielt ich einen Anruf von einer Bauernorganisation, mit der ich schon einmal gearbeitet hatte. Also fuhr ich in die Region von El Bagre in Antioquia und begann, mich mit dem Problem der Antipersonenminen vertraut zu machen. Das ist für mich ein überaus spannendes Thema, weil es dabei auch immer um den Bürgerkrieg, das Auftreten der bewaffneten Akteure und die sozialen Konflikte geht – all das unter dem Dach einer internationalen Kampagne. Das sorgt auch für etwas Sicherheit.

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