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Rico Noack: Schluss mit dem Kult um den FC St.Pauli!

Scheiß St. Pauli!

Wenn einem der FC St. Pauli auf den Geist geht – einige Anmerkungen.

von Rico Noack

Ich bin ein einfacher Mann von der Straße und meine Worte sind nicht der örtlichen Manufaktur entsprungen. Man möge mir sämtliche Unzulänglichkeiten in Formulierung und Stil verzeihen, sich nur auf den Bodensatz meiner Gedanken beschränken und das schale Astra aussüffeln. Aber mit Genuss natürlich.

Ich bin Ossi. Zwar trage ich keine »Sport im Osten«-Shirts und es ist mir auch sonst durchaus gleich, in welchem beschissenen Teil von Deutschland ich zur Welt gekommen bin, die geographische Verortung scheint aber dennoch nicht ganz unwichtig zu sein – für einen bestimmten Teil der St.-Pauli-Fans jedenfalls nicht. Die »Kühe« und »Schweine« aus »Ostdeutschland« lassen grüßen. Darauf wird in einem späteren Teil der Geschichte einzugehen sein.

In Berlin mit einer vitalen Staatsfeindlichkeit sozialisiert und mit ­einem Drang nach Flutlicht, Stadion und Remmidemmi ausgestattet, galt es, hier einen Verein zu finden. Einen, der mich fortan begleiten und gewisse emanzipatorische Minimalstandards mitbringen sollte. Sprich, no Faschos, keine Ballermannmusik in der Halbzeitpause und die restlichen Fans sollten auch nicht prolliger als ich sein.

Zeitlich befinden wir uns gerade kurz vor dem Milleniumswechsel. Angeblich soll es in diesen Tagen bereits eine jugendliche Verirrung in der Vereinswahl beim Autor gegeben haben. Kann mir keiner nachweisen, ergo nie passiert, Thema durch. Darf an dieser Stelle also unsere Fußballgeschichte beginnen. Der umständliche Weg zum Fußball­club St. Pauli.

Noch etwas Grundlegendes: In Hamburg fantechnisch beim textgebenden Verein zu landen, ist in etwa so überraschend, wie sich beim Friseur die Haare schneiden zu lassen. Das Erregungs- und Polarisierungspotential liegt bei einer stabilen Zehn. Also wenn die Skala bei einer Zehn beginnt. Hamburg ist als Stadt sicherlich relativ okay, hierbei will ich gar nicht flunkern. Wenn man aus Erfurt, Oberhausen oder München kommt, möchte man sehr wahrscheinlich hier sogar leben. Für alle anderen Großstädter und Großstädterinnen, die bereits etwas von der wirklichen Welt gesehen haben – vielleicht, wenn sie Glück hatten, ­sogar in Berlin –, stellt sich natürlich das »Tor zur Welt« a. k. a. HH etwas anders dar. Vielleicht trifft es »farblos« ganz gut. Selbst auf Schlager­move und Hafengeburtstag können sich in der Stadt nicht alle einigen, findet zudem auch nicht jedes Wochenende statt. Was also machen? Zu einem Verein gehen, der sich selbst als Dino bezeichnet? Bei dem niemand gerade weiß, wie das Stadion heißt? Nein, ihr lieben Menschen dort oben, dass wolltet ihr auch nicht. Diese Entscheidung wurde euch doch sehr einfach gemacht.

Das hier ist Fußball

Befindet man sich in der Hauptstadt auf der Suche nach einer fußballerisch und fankulturell ansprechenden Heimat, muss man sich über ­folgende Grundvorraussetzungen ­absolut im Klaren sein: Es ist schwierig. Lässt man die Eichkamp-Option weg und möchte nicht gleich zu Beginn der Fußballfankarriere im Amateurbereich starten, gibt es nur eine Möglichkeit. Die einzige Möglichkeit. Für diese habe ich mich entschieden beziehungsweise wurde ich entschieden, wenn vom Wahrheitsgehalt des vorhergehenden Satzes ausgegangen werden darf. Fortan hatte auch ich regelmäßig mit St. Pauli zu tun. Dies gar nicht in erster Linie mit realen Fans aus Hamburg, das sollte erst später der Fall sein, sondern mit einem weit verbreiteten Pro-St.-Pauli-Gefühl. Mit der Historie und dem Umfeld meines Vereins, in zunehmenden Maße auch mit Verbindungen zwischen Aktiven beider Clubs, hatte dies zu tun. Aus meiner Perspektive wurde hier in etwas hineingeheiratet. Aber gut, es hätte schlimmer kommen können. Chemnitz oder so.

Bullenwagen klauen und

die Innenstadt demolieren

Die Braun-Weißen stellten auch vor dieser »Zwangsheirat« keine Unbekannten dar, sie waren nur nicht richtig greifbar und wurden von mir deshalb mit Klischees beladen. So wie es bei vielen heute immer noch der Fall ist. Ich war damals also nur meiner Zeit voraus. Mit zunehmender Politsozialisierung verband ich den Verein automatisch mit Antirassismus, Hafenstraße und Weltfrieden. Der letztgenannte Punkt darf wiederum eher abstrakt und global auf­gefasst werden. Schließlich warteten auch Spiele gegen Hansa, Hertha und Co., sportliche Vergleiche mit nur begrenztem Pazifismuspotential. Eine gewisse Stress-Resilienz beziehungsweise Wehrhaftigkeit hatte ich zu diesem Zeitpunkt den St.-Pauli-Fans bereits zugeschrieben. Zumindest in diesem Punkt sollten sich die Ureinschätzungen später als nicht unbegründet herausstellen. Mit diesem insgesamt übersichtlich ausgestatteten Differenzierungsvermögen ging ich aber zumindest davon aus, dass der Kiez und seine AnwohnerInnen einmütig hinter dem Verein stehen sollten. Was für ein Schock, als ich das erste Mal einen gewissen Sportpub mit dem Namen Tankstelle in der Nähe des Hans-Albers-Platzes betreten sollte. Naja. Ich wusste es eben nicht besser. Aber ich lernte natürlich auch dazu. Vor allem durch und mit den Totenkopf-Anhängern und -Anhängerinnen selbst. Welch ausufernden Vortrag musste ich mir anno dazumal anhören, als ich es wagte, bei der Benennung des FC St. Pauli das FC St. wegzulassen. Eine Gedenkstättenfahrt mit dem Fan­laden St. Pauli nach Polen erlaubte es den anwesenden Ultras, eine aus­gedehnte Darstellung ihrer antimorgenpostlichen Geisteshaltung zu präsentieren. Dieser Kardinalfehler einer unzulässigen Verkürzung des Vereinsnamens, er sollte mir nie wieder passieren.

We love St. Pauli

Die Ultras meines Vereins haben mit den Ihresgleichen aus Hamburg ihre ganz eigenen Geschichten und Anekdoten. Diese sollen hier nicht vorweggenommen werden. Für mich ist an dieser Stelle deshalb erwähnenswerter, wie die breite Masse an Fans beider Vereine miteinander interagierte und es immer noch tut. Hoffentlich auch nach Veröffentlichung dieser Geschichte. Spoiler: Man scheint sich wohl zu mögen. Gelegenheiten zur Darstellung dieser Zu­neigung gab es mehrfach bei Spielen beider Vereine gegeneinander. Und ja, es hat tatsächlich etwas Magisches, wenn der FC in die Stadt kommt. ­Natürlich kommen auch die vielen Lifestyle-Fans aus ihren schicken Coworking-Spaces und Agenturen gekrabbelt. Aber warum sollten sie auch nicht? Sie nehmen niemandem etwas weg und haben auch das Recht, 90 Minuten nonestablished since 1910 zu leben. Sie, die in Berlin-Brandenburg ansässig sind und sich vielfach im Gästeblock wiederfinden werden, bekomme ich bei weiteren Spielen meines Vereins nicht mehr zu Gesicht. Aber selbstverständlich sollen sie das Spiel sehen. Genau wie meine extra aus Hamburg an­gereisten Freunde, die auch sonst bei allen Spielen sind. Es ist ähnlich wie beim Crack – die Mischung macht’s. Wer nun aber Backpulver und wer Kokain ist, dürfen die Konsumierenden selbst entscheiden. Und davon gibt es bei diesen Spielen viele im Stadion. Aber wer bin ich, dieses Show­event den Menschen schlechtzureden oder gar wegzunehmen. Ich halte mich nur an meine engen Kiez­kicker-Freundinnen und -Freunde. Es ist immer wieder ein Erlebnis, sie bei direkten Begegnungen treffen zu dürfen. Ungeachtet der Tatsache, dass es ihnen eine frühkindliche Freude bereit, mir meine ostzonale Herkunft auf den Broiler zu schmieren, könnten sie ohne richtige Begrüßung meinerseits mittlerweile auch nicht mehr leben. In diesem Sinne – scheiß St. Pauli!

Der Text ist ein Vorabdruck aus dem im April bei Culturcon Medien erscheinenden »St. Pauli-Buch«.

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