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Olaf Neumann: Gespräch mit dem Sänger und Songwriter Graham Nash

»Die Botschaft der Hippies ist immer noch gültig«

Graham Nash lieferte als Teil der Band Crosby, Stills, Nash & Young der Hippiegeneration Hymnen wie »Teach Your Children«. Er ist bekannt für klare Worte und friedensbewegte Aktionen. Voriges Jahr ist das ­Soloalbum »This Path Tonight« erschienen und am 2. Februar wurde Nash 75 Jahre alt. Er erzählt von seinen Drogenerfahrungen, seinen Begegnungen mit Bob Dylan und seinen Gedanken zu Donald Trump.

Interview: Olaf Neumann

Ihr jüngstes Album »This Path Tonight« ist sehr introspektiv. Gab es einen bestimmten Grund, solche Songs zu schreiben?

Ja, meine Liebe für Amy Grantham und mein Wunsch, künstlerisch immer weiterzugehen. Diese Frau, die übrigens das Foto für das Albumcover gemacht hat, hat das Feuer der Liebe in mir wieder entfacht. Ich bin mir nicht sicher, wohin ich gerade gehe, aber ich habe das Gefühl, das Universum liebt mich. Meine Entscheidungen treffe ich immer noch aus dem Bauch heraus, ­deshalb beginnt das Album auch mit der Frage: »Where are we going?« Ich bin jetzt Mitte 70 und ich möchte in der Zeit, die mir noch bleibt, glücklich sein.

Sind Sie das nicht immer schon ­gewesen?

Oh, ja. Weil ich aus Manchester in England komme. Was habe ich dort gemacht? Mit den Beatles und Joni Mitchell rumgehangen.

Sie besitzen seit 35 Jahren die Staatsbürgerschaft derUSA. Warum war Ihnen das wichtig?

Weil ich dazugehören will. Es wäre scheinheilig, die Regierung und die Politik zu kritisieren, ohne Staatsbürger zu sein. Außerdem will ich wählen dürfen. Ich denke und fühle zwar immer noch englisch, gleichzeitig bin ich auch stolz, Amerikaner zu sein. Mein Land ist so großartig wegen seiner Menschen. Im Grunde haben sie ein gutes Herz, aber leider hat sich Donald Trump auf die Fahnen geschrieben, ihre Ängste zu verstärken.

Das gegenwärtige Motto scheint zu lauten: All you need is hate.

Ist das nicht traurig? Aber das, wofür wir Hippies immer standen, hat heute noch Gültigkeit: Liebe ist besser als Hass, Frieden ist besser als Krieg, wir Menschen müssen für einander da sein. Ich habe den Glauben an die Menschheit nie verloren, weil ich Kinder habe und das Beste für sie will. ­Jeder, der Kinder hat, denkt so.

Sie haben keine Lust, langsam kürzer zu treten?

Nein, ich arbeite eher noch mehr. Vergessen Sie nicht, ich bin ein Künstler, in meinem Leben gibt es nicht nur Musik. Ich male, ich fotografiere und mache Linol- und Holzschnitte.

Haben Sie einen Plan für Ihren Ruhestand?

Ich weiß gar nicht, wie man dieses Wort buchstabiert. Ich werde niemals aufhören, weil ich das gar nicht kann. Es passiert so viel in der Welt, worüber man Songs schreiben und oder Bilder machen kann. Ich werde sogar dann noch Songs schreiben, wenn sie den Deckel auf meinen Sarg legen.

Blicken Sie pessimistisch in die Zukunft?

In meinem Album bezeichne ich die Zeit, in der wir leben, ironisch als »Golden Days«. Ich sehe aber immer ein Licht am Ende des Tunnels. Auf dem Cover sieht man mich, wie ich alles hinter mir lasse und dem Licht entgegen schreite. Meine Partner und ich haben in den vergan­genen 45 Jahren einige sehr gute Sachen geschrieben, aber davon lasse ich mich nicht in die Enge treiben. Ich blicke lieber nach vorne. Jeder Künstler hat die verdammte Pflicht, so ehrlich wie möglich über die Zeit, in der er lebt, zu sprechen.

Wie schreiben Sie Ihre Songs?

Ich lese und beobachte viel. Wenn bei mir ein bestimmtes Ereignis starke Gefühle auslöst, kann daraus ein Song entstehen. Auf der Deluxe-Version dieser Platte sind drei Bonusstücke enthalten. Den Titel »Watch out for The Wind« haben Shane (Fontayne, Anm. der Redaktion) und ich unter dem Eindruck der Ereignisse in Ferguson, Missouri, geschrieben, wo der schwarze Teenager Michael Brown von der Polizei erschossen wurde. Und »Mississippi Burning« ist jenen drei Studenten gewidmet, die 1966 ermordet wurden, als sie Schwarzen dabei halfen, ihre Stimmen abzugeben.

Den Song »Back Home« haben Sie Levon Helm von Bob Dylans legendärer Begleitband The Band gewidmet. Wieso ausgerechnet ihm?

Als wir mit Crosby, Stills, Nash & Young 1974 auf Stadiontour waren, bestritt The Band das Vorprogramm. Dabei lernten wir uns näher kennen, und Levon spielte später Schlagzeug in meinem Song »Field Worker«. Den Song »Back Home« in seiner Scheune in Woodstock zu spielen in Anwesenheit seiner Tochter, die bei meinem Gesang in Tränen ausbrach, war eine sehr emotionale Angelegenheit. Voriges Jahr haben wir viele Leute verloren, Morris von Earth, Wind & Fire, Natalie Cole, David Bowie, Paul Kantner, Lemmy von Motörhead. Und sie waren alle in meinem Alter! Ich muss zugeben, zurzeit fühle ich mich zerbrechlich und frage mich immer öfter, wie viel Zeit mir noch bleibt.

Sie wirken aber nicht wie jemand, der Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll zu ­seinem Leitsatz erhoben hat.

Ich habe immer auf mich geachtet. Natürlich habe auch ich Marihuana geraucht und Kokain geschnupft, aber seit dem 9. Dezember 1984 nicht mehr. An dem Tag war ich nämlich auf einer Party, bei der alle grinsten, aber eigentlich gab es gar nichts zu lachen. Da dachte ich: »Wenn die so auf mich wirken, dann wirke ich womöglich auf sie genauso.« Und sofort hörte ich mit dem Koksen auf. Abhängig war ich sowieso nie.

Wie haben Sie die Charakterstärke aufgebracht, sich davon endgültig zu verabschieden?

Es fiel mir wahrlich nicht leicht, man will ja immer irgendwie dazugehören. In den Siebzigern und Achtzigern waren in meiner Welt alle auf Koks.

Ist die heutige Generation von Musikern bürgerlicher?

Ich kenne viele, die Dope rauchen. Ich würde nicht sagen, dass es eine völlig harmlose Droge ist, aber mir ist niemand bekannt, der je daran gestorben ist. Dagegen haben sich allein in meinem Bekanntenkreis schon viele zu Tode getrunken. Ich würde aber niemals Heroin nehmen, weil das ein Stoff ist, der dich bereits beim ersten Mal umbringen kann.

Wie denken Sie über die Legalisierung von Marihuana?

Niemand sollte ins Gefängnis müssen, weil er einen Joint geraucht hat. Vor vielen Jahren machte ich den »Prison Song« über einen Jungen, der Crosby und mir einen Brief geschrieben hatte. Darin stand, dass er zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt worden sei fürs Rauchen eines einzigen Joints. Das ist nicht okay. Heute hingegen ist Marihuana bereits in fünf US-Bundesstaaten legal – und wissen Sie auch, warum? Wegen Geld! Colorado etwa erhält dank der Legalisierung Steuereinahmen in Milliardenhöhe. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis andere Bundesstaaten diesem Beispiel folgen. Wissen Sie, man kann einem Jugendlichen das Dope-Rauchen gar nicht verbieten, dann tut er es doch erst recht.

Sie haben in den Sechzigern hautnah miterlebt, wie der Rock ’n’ Roll die Gesellschaft radikal verändert hat. Wie relevant ist er heute noch?

Ich denke, der Rock ’n’ Roll ist immer noch relevant. Aber mit einigen seiner aktuellen Vertreter bin ich nicht einverstanden, etwa Kanye West. Seine Musik mag noch okay sein, aber er sagt haarsträubende Dinge. Er behauptet von sich, deutlich einflussreicher zu sein als jeder andere Mensch auf der Welt – dies gelte sogar für die nächsten 1 000 Jahre. Blödes Zeug! Wird man in 20 Jahren noch einen von Kanye Wests Songs singen? Aber vielleicht wird man dann »Teach Your Children« noch hören.

Gibt es in Amerika viele friedens­bewegte Künstler wie Sie?

Ich weiß, dass meine Freunde Jackson Browne, Bonnie Raitt, Stephen Stills, David Crosby, Neil Young, Joni Mitchell, James Taylor und David Gilmour ähnlich denken wie ich. Wie die jungen Kollegen ticken, kann ich leider nicht sagen.

Für viele Leute sind Sie ein Vorbild. Haben Sie selbst ein Idol?

Früher waren das Jacques Cousteau und Martin Luther King. Und heute? Ich liebe immer noch Bob Dylan! Den ­Nobelpreis für Literatur hat er zu Recht bekommen.

Wie haben Sie Dylan persönlich ­erlebt?

Er ist kein besonders zugänglicher Zeitgenosse. Er ist wie er ist. Wenn man ihn trifft und sich mit ihm unterhält, überlegt man sich jedes Wort, das man sagen will, ganz genau. Man sagt nicht: »Hey Bob, wie geht’s«, blablabla. Er ist eine sehr scheue Person.

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