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Ivo Bozic: Bitte nicht füttern – auch nicht mit Müll

Berlin Trash

Bitte nicht füttern von Ivo Bozic

Oskar aus der Sesamstraße kennen Sie sicherlich, und seinen Gassenhauer »Ich mag Müll«. Er ist nicht das einzige Geschöpf, das so tickt. Auf einer Müllkippe bei Marseille wurden Schwärme von 83 000 Lach- und 8 900 Silbermöwen gezählt. Die Müllkippe des kanadischen Städtchens Churchill war einst Bestandteil jeder Sightseeingtour des Ortes, denn hier konnte man am besten die Eisbären beobachten. Sie lieben Müll, so wie Ratten, Hauskatzen, Spatzen, Krähen, Störche, Rotmilane, Mäusebussarde, Wildschweine, Füchse und Marder auch, die sich an Deponien und Mülltonnen den Bauch vollschlagen. Der Biologe Wilfried Meyer meint sogar: »Ein bedrohter Vogel wie der Schwarzmilan hält sich in bestimmten Regionen Europas nur durch die Ernährung auf Hausmülldeponien.« Er hat erforscht, dass sich fast 70 Vogel- und 50 Säugetierarten teilweise von menschlichem Abfall ernähren.

Allerdings sterben jährlich Hunderttausende Seevögel und Meeressäuger an den Folgen von Plastikmüll im Meer und selbst ein kleiner Plastikfetzen auf dem Festland kann üble Folgen haben. Vögel nutzen ihn für den Nestbau, durch das Plastik fließt kein Wasser ab und die Brut ertrinkt. Ergo: Man sollte wirklich keinen Müll draußen liegen lassen!

Das finden, aus anderen Gründen, Politikerinnen in Berlin-Neukölln auch. Die Zeitung Bild berichtete über den »schmutzigsten Bezirk der Stadt: Müllkölln«. Viele Menschen stellen einfach ihren Sperrmüll, ihre alten Möbel, auf die Straße. Die Bundestagsabgeordnete Christina Schwarzer (CDU) fordert nun höhere Strafen für das illegale Abladen von Müll – bisher liegen diese bei 5 000 bis 10 000 Euro – und eine bessere Ausleuchtung mit Bewegungsmeldern und Videoüberwachung. Die Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) meint: »Wir müssen das Bewusstsein und damit das Verhalten der Leute ändern. Es muss sozial geächtet sein, den Müll auf die Straße zu stellen.« Längst gibt es eine »Soko Anti-Müll« des Ordnungsamts. 42 Mitarbeiter kontrollieren 15 »Müll-Hotspots« in Neukölln – doch fast nie wird ein Sesselhinaussteller auf frischer Tat ertappt.

Würden 42 Mitarbeiter jeden Tag durch den Bezirk fahren und Sperrmüll aufsammeln, wäre das gewiss effektiver. Denn was hilft das beste Bewusstsein, wenn man kein Auto hat? Ohne ein solches ist es nämlich kaum möglich, in Berlin Sperrmüll zu entsorgen. Man muss ihn eigenhändig zu einer der wenigen Sammelstellen fahren. Theoretisch kann man ihn auch von der Stadtreinigung abholen lassen. Im »Spar-Tarif« kostet das 50 Euro. Wer, wie so mancher Neuköllner, zwei Monate gespart hat, um für 50 Euro ein neues gebrauchtes Sofa kaufen zu können, wird kaum nochmal zwei Monate sparen, um das alte loszuwerden. Wie viel »Bewusstsein« muss man einem Menschen einprügeln, um derart irrational zu handeln? Und vor allem: Wer holt den ganzen Müll ab, den die Berliner Politik daherredet?