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Felix Henne: Je suis Cédric

Je suis Cédric

von Felix Henne

Unter tosendem Applaus und Transparenten mit Schriftzügen wie »Je suis Cédric« (»Ich bin Cédric«) oder »Verbrechen der Solidarität« empfingen Hunderte Menschen den 37jährigen Cédric Herrou am Freitag vergangener Woche vor dem Gerichtssaal im französischen Nizza. Der von vielen französischen Medien als »Robin Hood der Migranten« bezeichnete Olivenbauer wurde seit August 2016 dreimal festgenommen. Der Vorwurf lautete stets »Beihilfe zum illegalen Aufenthalt von Ausländern in Frankreich«. Doch Herrou ließ sich nicht davon abbringen, die vielen Hilfsbedürftigen in der französisch-italienischen Grenzregion nahe seiner Gemeinde Breil-sur-Roya zu unterstützen. Er nahm die Durchreisenden in seinem Transporter mit; mit anderen Einwohnern gründete er den Verein »Roya Citoyenne« zur Verteilung von Lebensmittel- und Kleiderspenden an die Flüchtlinge. Schließlich solidarisierten sich auch Organisationen wie Amnesty International und Ärzte der Welt mit dem Projekt. Mittlerweile gibt es neben Unterkünften und Verpflegung Rechtsberatung und medizinische Versorgung auf der Olivenplantage. Die meisten Flüchtlinge halten sich dort zwischen einer und sechs Wochen auf.

Doch das Projekt stieß bei den Behörden auf Unverständnis. Der Regionalpolitiker Éric Ciotti, Mitglied der konserativen Partei Les Républicains, bezeichnete es als »einen Versuch, die Autorität des Staates zu provozieren und herauszufordern«. Die Staatsanwaltschaft klagte Herrous Vorgehen als »systematische Hilfe zur Überwindung der Grenze« an und forderte acht Monate Haft auf Bewährung und dass Herrou sein Auto ausschließlich für berufliche Zwecke nutzen dürfe. Der Fall sorgte im In- und Ausland für Schlagzeilen. In vielen Städten Frankreichs gab es Demonstrationen gegen die Verfolgung dieses »Delikts der Solidarität«. Auch Amnesty International hatte den Umgang der Behörden mit den Flüchtlingen an der Grenze in der Vergangenheit kritisiert. Der Menschenrechtsorganisation zufolge wurden in der gesamten Grenzregion Alpes-Maritimes im Jahr 2016 mindestens 30 000 Flüchtlinge gefasst und ohne formales Verfahren nach Italien ­zurückgeschickt. Herrou wurde vergangene Woche zu einer Geldstrafe von 3 000 Euro auf Bewährung verurteilt. Doch auch diesmal ließ er sich nicht beirren und kündigte an, mit seinem Projekt unverändert fortzufahren. Er bringe ­keine Opfer, es sei eine Ehre, den Flüchtlingen zu helfen.