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Ulrich Steinberg: »Resident Evil: The Final Chapter« thematisiert eine geplante Apokalypse

Hinter den Kulissen des Weltuntergangs

Der sechste und vorläufig letzte Teil der Zombiefilmreihe »Resident Evil« ist im Kino angelaufen: »The Final Chapter« besticht mit aufständischem Furor.

von Ulrich Steinberg

Im Jahr 2002 kam die erste Spielfilmadaption der populären Videospielreihe »Resident Evil« in die Kinos und lockte mit Zombie- und Survival-Horror. Seitdem suchen die Fortsetzungen dieses ersten Films in schöner Regelmäßigkeit und mit immer besseren Einspielergebnissen das Kinopublikum heim. Mit »Resident Evil: The Final Chapter« ist nun der sechste, vorläufig wohl letzte Teil der Reihe in den deutschen Kinos angelaufen.

Der Filmtitel verspricht, dass hier eine Erzählung zum Abschluss gebracht werden soll, die die Vorläuferfilme miteinander verbindet. Wer die Reihe kennt, wird diesem Versprechen mit Skepsis begegnen, denn »Resident Evil« verzichtete bislang fast vollkommen auf narrative Elemente, selbst gemessen am in dieser Hinsicht bescheidenen Maßstab kommerziell erfolgreicher Franchise-Filme. Die »Resident Evil«-Sequels bestehen im Wesentlichen aus wenig motivierten Aneinanderreihungen von Action-Sequenzen. Immer wieder müssen Alice, die von Milla Jovovich gespielten Heldin der Filmreihe, und ihren Gefährten in unterschiedlichen Kulissen kämpfen: gegen Zombies und andere mutierte Wesen und vor allem gegen die Schergen der Umbrella Corporation, jenes zynischen Biotechnologieunternehmens, das das T-Virus entwickelt hat, dessen Freisetzung die Welt in den Abgrund der Zombieapokalypse stürzte.

So düster und blutig ist das Geheimnis, das sich hinter der geplanten Apokalypse verbirgt
So düster und blutig ist das Geheimnis, das sich hinter der geplanten Apokalypse verbirgt (Foto: mauritius images / Atlaspix / Alamy)

Umso unerwarteter legt der letzte Teil der Reihe bei aller Action tatsächlich Wert darauf, eine kohärente Erzählung für die gesamte Reihe vorzulegen. Diese Erzählung ist durchaus überraschend. »The Final Chapter« beginnt mit einem von Alice gesprochenen Prolog. Bei der folgenden Geschichte handle es sich, so erfährt man, um die Geschichte der Umbrella Corporation. Demzufolge stünde im Zentrum von »Resident Evil« gar nicht Alice, sondern das Unternehmen, das für die Apokalypse verantwortlich ist. Diese Sichtweise ist nicht unplausibel: Das Erste, was man im Auftaktfilm von »Resident Evil« zu sehen bekommt, ist das Logo der Umbrella Corporation, ein rot-weißer Schirm. Auch dieser erste Film beginnt mit einem Prolog, der die Umbrella Corporation vorstellt: Diese sei das größte amerikanische Unternehmen des beginnenden 21. Jahrhunderts, sein finanzieller und politischer Einfluss sei allerorts spürbar. In der Öffentlichkeit präsentiere sich das Unternehmen als Produzent von Computer- und Medizintechnologie und engagiere sich im Gesundheitswesen. Seine astronomischen Gewinne jedoch erziele es tatsächlich – und ohne das Wissen selbst der eigenen Mitarbeiter – mit Waffen, vor allem mit biologischen Waffen.

Auch die genetisch modifizierte Alice ist bloß ein Produkt des Unternehmens. So treibt letztlich Umbrella die Handlung, die endlose, durchaus ermüdende Abfolge von Kämpfen voran; das Unternehmen lässt sich immer wieder neue Scheußlichkeiten einfallen, um das Prestigeprojekt Alice möglichst zu fangen, zu testen oder gleich zu töten. Überhaupt spielt die Umbrella Corporation im Laufe der Filmreihe eine eigentümliche Rolle: Spätestens ab dem dritten Film der Reihe, »Resident Evil: Extinction« (2007), ist klar, dass das T-Virus alles Leben auf der Welt entweder getötet oder zombifiziert hat, dass alle staatlichen und wirtschaftlichen Strukturen zusammengebrochen und verschwunden sind und es bis auf ein paar umherziehende Überlebende nichts auf der Welt mehr gibt als Wüste. Doch die Umbrella Corporation existiert als Unternehmen munter weiter. Jedenfalls tragen ihre Manager weiterhin glattgebügelte Anzüge und Krawatten, halten in blankgeputzten Konferenzräumen Meetings ab und sprechen sich gegenseitig als Chairman an, auch wenn sie sich darüber unterhalten, dass an den verschiedenen Firmensitzen so langsam die Lebensmittelvorräte aufgebraucht seien. Zudem erweckt die Umbrella Corporation immer dann, wenn sie mit ihren Söldnern in das Geschehen eingreift, den Eindruck, über alle nur wünschenswerten materiellen Ressourcen – Waffen, Flugzeuge etc. – zu verfügen. Zumindest dem Anschein nach also business as usual.

Umbrella tritt somit in der Zombiewelt als Zombieunternehmen auf. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen und nicht in jenem Sinne zu verstehen, der diesem Begriff in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen untergeschoben wird. Gemeint ist also kein Unternehmen, das mit Finanzhilfen künstlich am Leben gehalten werden müsste, sondern ein Unternehmen, das einfach nicht totzukriegen ist, komme, was da wolle.

»Resident Evil« mutet dem Zuschauer das Kuriosum eines Unternehmens ohne Kapitalismus zu, weil die Reihe ihre Welt mit zentralen, wiedererkennbaren Charakteren aus den Videospielen bevölkert wurde, ohne dass diese Charaktere und die Filmhandlung aneinander angeglichen worden wären. Ein solcher Charakter ist auch die Umbrella Corporation, die in der postapokalyptischen Wüste zum bloßen Simulacrum eines Unternehmens wird. Dennoch weckt das schiere Fortleben des Unternehmens in den ersten fünf Filmen der Reihe den Verdacht, dass sich hinter der apokalyptischen Landschaft von »Resident Evil« noch etwas verbergen müsse: die Erklärung für das Fortleben der Corporation. »Resident Evil: The Final Chapter« gewährt nun einen Blick hinter die Kulissen des Weltuntergangs.

Zu unserer Überraschung erfährt der Zuschauer gemeinsam mit Alice vom dämonischen Dr. Issacs, einem der Haupteigentümer der Umbrella Corporation, dass das T-Virus mit Absicht freigesetzt wurde, um die Menschheit zu vernichten. Die Apokalypse war geplant. Umbrella hat sich einem Gott gleichgemacht.

Während die Welt untergeht, befindet sich die Führungsriege der Corporation gemeinsam mit etwa tausend »Reichen und Mächtigen« im Tiefkühlschlaf in einer der unterirdischen Anlagen des Unternehmens. Umbrella hat also so etwas wie die ultimative gated community geschaffen. Der Film erinnert somit völlig zu Recht daran, dass die entscheidende Frage nicht ist, wann die Apokalypse eintritt, sondern, wo man sich befindet, wenn sie es tut. Das eigentliche Problem ist kein zeitliches, sondern ein räumliches. D­aran ließe sich die Überlegung anschließen, dass das Ende der Welt bereits begonnen hat, man sich derzeit aber noch an einem sicheren Ort befindet. Oder eben nicht.

In ihrem unterirdischen Versteck harren die Auserwählten darauf, dass sie eine von den Menschen gesäuberte Erde wieder in Besitz nehmen können, um, so Dr. Isaacs, eine neue Welt zu erschaffen. Eine Welt, so lässt sich vermuten, die nach dem Bild eines Unternehmens geformt wäre, aber nicht unbedingt eine kapitalistische. Zumindest versteigt sich der Film nicht zu einer waghalsigen Spekulation über einen postapokalyptischen Kapitalismus. Viel mehr interessiert er sich dagegen für die Umstände, unter denen das Projekt einer geplanten Apokalypse entstanden ist. In einer Rückblende erfährt man, dass dem Unternehmen eine Apokalypse durch ökologische Katastrophen, Kriege etc. ohnehin bevorzustehen schien und es darauf meinte reagieren zu müssen. Die geplante Apokalypse ist also der radikale Versuch eines gigantischen Unternehmens, sich selbst zu reproduzieren – auf Kosten aller anderen. Bei diesem Prozess verändert sich allerdings sein Charakter: Indem es die Welt zerstört, um sie neu zu beginnen, wandelt sich Umbrella vom ökonomischen zum politischen Akteur. Seine Macht bleibt gleichwohl erhalten.

Es überrascht kaum noch, dass die Umbrella Corporation von Anfang an im Besitz des Gegenmittels für das T-Virus war, dieses aber freilich nicht einsetzte. Auf der Suche nach dem Gegenmittel findet Alice ihren Weg zu der unterirdischen Industrieanlage, in der die Führungsriege des Unternehmens und ihre mächtigen Freunde geschützt die Apokalypse überstehen. Dort erklärt ihr auch ein aus dem Tiefschlaf geholter Dr. Isaacs die oben beschriebenen Hintergründe. Es versteht sich von selbst, dass es Alice gelingt, die diabolischen Pläne des Unternehmens zu durchkreuzen. Sie geht dabei äußerst radikal zu Werke. Nicht nur schafft sie es, das Gegenmittel freizusetzen, das über den Luftweg verbreitet wird und in kürzester Zeit alles vom T-Virus befallene, zombifizierte Leben auslöscht, um so die Welt wieder bewohnbar zu machen. Sie tötet auch Dr. Isaacs und seine Helfer und sprengt die gesamte unterirdische Anlage der Umbrella Corporation in die Luft. Somit sterben auch die tiefgekühlten Reichen und Mächtigen, die sich vor dem Weltuntergang sicher wähnten. Ende des geplanten Endes. Apokalypse der Apokalypse.

Der Film ist an diesem Punkt unmissverständlich: Um das Leben auf der Welt wieder annehmbar zu machen, gilt es in erster Linie, die herrschende Klasse auszulöschen, die für die Misere dieser Welt verantwortlich gemacht werden kann. Auch wenn der Film mit dieser Wendung einem verdinglichten Herrschaftsverständnis Ausdruck verleiht, unzulässigen Personalisierungen zum Opfer fällt und ganz nebenbei dem Ressentiment das Wort redet, enthalten besagte Szenen genügend aufständischen Furor, um sympathisch zu sein. Und um im Kontext eines Hollywoodfilms zu überraschen.

Tatsächlich aber wurde die Pointe, dass der Weg zur besseren Gesellschaft über den Kampf gegen die herrschende Klasse führt, von langer Hand vorbereitet. Ganz zu Anfang von »Resident Evil: The Final Chapter« erfährt man nämlich, dass der Erfinder des T-Virus, der Umbrella-Wissenschaftler James Marcus, das Virus geschaffen hat, um seine todkranke Tochter Alicia zu heilen und ein Gegenmittel gegen Dutzende von Krankheiten zu finden. Unglücklicherweise hatte das T-Virus starke Nebenwirkungen: Einige der behandelten Patienten verwandelten sich in aggressive Zombies. Umbrella verheimlichte diese Vorfälle erfolgreich, Marcus aber, der auch Miteigentümer der Corporation war, entschied sich dafür, die Forschung am T-Virus umgehend einzustellen. Das passte allerdings Dr. Isaacs nicht, der Marcus umbringen ließ und als Vormund der kleinen Alicia nun über Marcus’ Anteile, das heißt über die halbe Umbrella Corporation herrschte.

Was also früh in der Erzählung dieses sechsten »Resident Evil«-Films passiert, ist, dass sich der Kapitalismus gleichsam aufspaltet: Ein guter, menschenfreundlicher Kapitalismus steht einem zynischen, rücksichtslosen gegenüber. Diese Konstellation erinnert an den Beginn der Filmreihe, den Prolog zur Umbrella Corporation, in dem das öffentliche Bild eines Unternehmens, das sich um den Fortschritt und das Wohl der Menschheit kümmert, mit der grausamen Realität der Waffenproduktion konfrontiert wird. Alice zerstört im Bunker der Umbrella Corporation nur die grausame Fratze des Kapitalismus, nicht seine vermeintlich humane Gestalt, die der Film weiterhin als Möglichkeit bestehen lässt.

Besonders prägnant zeigt sich das Problem, das mit dieser Vorstellung vom Kapitalismus einhergeht, anhand des Charakters der Red Queen. Dabei handelt es sich um eine von der Umbrella Corporation geschaffene künstliche Intelligenz, einen riesigen Computer, der immer wieder in das Geschehen eingreift. Diese KI sieht sich im Zuge der Apokalypse in einem Konflikt: Einerseits wurde sie geschaffen, um die Umbrella Corporation zu schützen, andererseits aber, um für das Wohl der Menschheit Sorge zu tragen. Red Queen schlägt sich schließlich auf die Seite von Alice und stellt sich somit gegen die Interessen der Umbrella Corporation. Die Option für das Wohl der Menschheit ist freilich arbiträr. Was nicht in den Blick gerät, ist, dass die beiden Aufträge in einem Grundsatzkonflikt miteinander stehen. Red Queen gehört zu den wenigen am Ende überlebenden Protagonisten des Films. Mit ihr überlebt auch die Vorstellung eines guten Kapitalismus. Nach den Zombies ist vor den Zombies.

Resident Evil: The Final Chapter (USA 2016). Regie: Paul W. S. Anderson, Darsteller: Milla Jovovich, Ali Larter, Ruby Rose

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