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Karina Henschel: Platte Buch

Guitar Breaker

Platte Buch von Karina Henschel

Ty Segall bringt mit seinen 29 Jahren bereits zum zweiten Mal ein Album heraus, das – wie schon seine Platte aus dem Jahr 2008 – schlicht und einfach seinen Namen als Titel trägt. Ist das dieser gern zitierte amerikanische Größenwahn oder der politisch weniger brisant anmutende Jugendwahn? Auf Segalls neunten Studioalbum findet sich all das, was er auf den vorherigen Soloalben und mit anderen Bands wie Fuzz oder The Traditional Fools vorgelegt hat. Garage Punk trifft auf Glam Rock, experimentelle Ansätze und Indie Rock gehen einher mit Noise und Pop Art. Über allem liegt die Atmosphäre der umtriebigen Indieszene in San Francisco, und auch Anleihen bei Segalls Lieblingsband Hawkwind hört man heraus. Zumindest wird er nicht müde, diese in Interviews als Referenz zu nennen.

Alben wie dieses sind bitter nötig, um Musikenthusiastinnen und -enthusiasten ins Gedächtnis zu rufen, wofür die USA auch stehen, zumindest musikalisch: ein reiches Portfolio an Musiktraditionen, an dem sich auch junge Menschen noch bedienen, um die Themen zu verarbeiten und in Songform zu bringen, die sie heute bewegen. Darin steckt bei Segall viel gezügelte Wut, zum Beispiel im Opener »Break a Guitar«. Und es findet sich zugleich eine Quelle der Hoffnung auf Zeiten, in denen die Farbe Orange nicht mehr für den Präsidenten der USA steht, sondern wie in dem zärtlichen Song »Orange Color Queen« mit privaten Dingen verbunden wird. In »Take Care (To Comb Your Hair)« kommt dann alles zusammen: Der Song beginnt langsam mit der Bitte um Vorsicht und nimmt dann Fahrt auf, um albern-fürsorglich das Verschwinden der Haare zu besingen.

Was das genau bedeuten soll, muss jeder selbst entschlüsseln. »Fuck the Facts«, würde Segall sagen. Und in diesem Kontext ist das ausnahmsweise mal okay. Segalls Album ist ein rätselhaftes Labyrinth, es bietet keine Wegbeschreibung und keine klare Stellungnahmen. Es ist vielmehr eine Skizze der Zeit, in der er und seine Bandmitglieder leben.

Ty Segall: Ty Segall. Drag City (Rough Trade)