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Leonie Stoll: Die »Newsgirls« aus Toronto boxen für Selbstbestimmung

Punch Back!

Power, Selbstbestimmung und Verteidigung. Boxen kann mehr sein als ein Sport. Warum es sich lohnt, nach den Boxhandschuhen zu greifen, zeigen die kanadischen Newsgirls.

von Leonie Stoll

Das Boxstudio unweit des Stadtzentrums von Toronto sieht auf den ersten Blick aus wie ein beliebiges Gym in Nordamerika. An einer roten Wand hängen alte Boxhandschuhe, von der Decke baumeln Sandsäcke und neben einer schrägen Spiegelwand sind Springseile verschiedener Größe angebracht. In einer Ecke wurde ein Ring aufgebaut. Darüber, an der weißen Wand, steht in roten Lettern: TNG. Toronto Newsgirls. Wo einst die Toronto Newsboys trainierten, befindet sich seit über 20 Jahren der vielleicht einzige Boxclub Nordamerikas, in dem an bestimmten Tagen nur nichtmännliche Menschen trainieren dürfen.

In diesem Boxclub lernen Menschen nicht einfach nur, möglichst kräftig aufeinander einzuschlagen: Toronto Newsgirls Boxing ist einer der wenigen Orte, an dem Frauen, Transgenders, Queers und Herms Sport treiben können, ohne Diskriminierungen fürchten zu müssen. Seit 1996 trainieren hier unter der Anleitung von Savoy Howe wöchentlich Hunderte Menschen. Es ist ein in in Kanada einzigartiges Projekt, das landesweit Ansehen genießt.

Gegründet wurde der Toronto News­girls Club von der ehemaligen Amateurboxerin Savoy Howe. Als sie Ende der achtziger Jahre nach Toronto kam, begann sie mit zu boxen und kämpfte wenig später im Ring. Nach einiger Zeit schloss ihr Boxclub jedoch und sie suchte vergeblich nach einem geeigneten neuen Gym. Frauen, die boxten, waren gesellschaftlich geächtet. In den Boxclubs der Stadt durften sie praktisch nicht kämpfen. Torontos Boxvereine boten für ihre Besucherinnen nur das sogenannte Box-Aerobic, eine Sportart, bei der es um Eleganz und Anmut geht, also gesellschaftlich weiblich konnotierte Eigenschaften. Es hieß, alle anderen Formen des Boxsports seien für Frauen gefährlich, dazu bestehe das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Savoy brach mit diesem Mythos. Sie gründete ein neues Trainingszentrum, um Frauen und Lesben einen Boxraum zu bieten, in dem sie Stärke erfahren sollten und auch ausleben konnten.

In ihrem Gym geht es Savoy darum zu empowern: »Als ich geboxt habe, waren die Gyms geschmückt mit Bildern von großen, muskulösen Männern. Die Boxer brauchten das für ihr Empowerment. Damals habe ich mir gesagt, wenn ich einmal meinen eigenen Raum habe, bringe ich schöne Bilder an den Wänden an; Bilder von Frauen, aber mit Sinn für Humor.« Savoy geht es darum zu zeigen, dass Frauen stabil sind. Die gelernte Schauspielerin sitzt hinter ihrem Schreibtisch. Sie trägt ein blaues Boxshirt und eine braune Wollmütze, die ihre streichholzkurzen Haare verschwinden lässt. Während wir uns unterhalten, zeigt Savoy mit geübten Bewegungen, wie sie das Boxen und die Schauspielerei verbindet. Vielleicht ist es diese mitunter auch künstlerische Überzeugung, die es ihr gelingen ließ, so viele Menschen für den Kampfsport zu begeistern.

Die Newsgirls zeigen, dass Boxen mehr bedeutet als ein stumpfes Kämpfen mit Fäusten. Es stärkt und noch viel wichtiger: Boxen macht Spaß.

Ein Projekt, in dem sich die kämpferische Facette des Sports besonders bewährt hat, ist das Programm »Shape Your Life«. Unter Förderung der lokalen Gesundheitsagentur entwickelte Savoy zusammen mit Professorin Cathy van Ingen und Joanne Green ein Training für sich weiblich identifizierende Personen mit Gewalterfahrungen. Mit »Shape Your Life« gelang es ihnen, eine Alternative zur herkömmlichen Sprachtherapie zu entwickeln und die Verschwiegenheit über (sexuelle) Gewalt gegenüber Frauen zu brechen. In einem unterstützenden Kontext bieten die Frauen Therapie durch Kampfsport an. Den Teilnehmerinnen soll ermöglicht werden, ein neues Verhältnis zum eigenen Körper aufzubauen. Das Boxtraining hilft, die eigenen Gewalterfahrungen zu verarbeiten, es wirkt kathartisch.

Empowerment bedeutet für Savoy nicht nur, im Ring den Körper zu stärken. Für sie heißt das auch, im öffentlichen Raum den Handlungsspielraum von Sexisten so klein wie möglich zu halten und offensiv gegen sie vorzugehen. Im Februar 2016 schafften es die Newsgirls, ein Treffen sogenannter Pick-up Artists in Toronto zu verhindern. Mit einem Foto in Boxoutfit und der Ansage, die Veranstaltung zu stören, gelang es den Boxerinnen, gegen die Veranstaltung zu mobilisieren und an vielen Orten ein öffentliches Auftreten der Sexisten zu verhindern. Mit der Begründung, sie könnten nicht für die Sicherheit und Privatsphäre der teilnehmenden Männer sorgen, sagten die Pick-up Artists die Veranstaltung ab. Mit ihrem Foto erlangten die Boxer und Boxerinnen weit über die Stadtgrenzen Torontos Anerkennung; das Bild bestärkte auch in anderen Städten Menschen darin, sich Sexisten in den Weg zu stellen und half Betroffenen, sich miteinander zu solidarisieren.

Mit weiteren Projekten möchte Savoy an diesen Erfolg anknüpfen und Bewusstsein für die Rechte und Möglichkeiten von Frauen schaffen. Die kreativen Ideen für Newsgirls-Praxis entstehen dabei im Austausch zwischen der Clubgründerin und den Teilnehmenden. Am 25. November 2016, dem »internationalen Tag der Beseitigung von Gewalt gegen Frauen«, eröffneten sie gemeinsam eine Fotoausstellung im Zentrum von Toronto. Dazu riefen sie den Premierminister Kanadas und Freizeitboxer Justin Trudeau öffentlichwirksam dazu auf, mit ihnen gemeinsam in den Ring zu steigen. In einem lustigen und zugleich entschlossen wirkenden Video konfrontierten die Newsgirls ihn als vermeintlichen Mitstreiter und forderten ihn dazu auf, sie in ihrem Kampf gegen die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts zu unterstützen.

Dieser Kampf ist nicht einfacher geworden, seit in Europa und Nordamerika nationalistische Parteien, die unter anderem konservative Geschlechterbilder propagieren, Erfolge feiern und in den USA mit Donald Trump ein Präsident gewählt wurde, der Wahlkampf mit der Diskriminierung von LGBTIQ machte. Die Newsgirls antworten auf diesen politischen Wandel mit ihrer neuesten Kampagne »Fuck That«. Unter diesem Titel boten sie als Reaktion auf die US-Wahl einen Selbstverteidigungsworkshop an – »Scheiß drauf« zu sagen, sich nicht unterkriegen zu lassen und einfach zu boxen als geeignete Antwort auf die Zustände.

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