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Jens Hoffmann: Ein Porträt des Holocaust-Über­lebenden Peter Sedgman

»As Far as I Can Remember«

Die Geschichte des Überlebenden Peter Sedgman, der im Vernichtungslager Majdanek zur Teilnahme an einem Kommando der »Aktion 1005« im polnischen Chełm verpflichtet wurde.

von Jens Hoffmann

Im August 2014 gab der damals fast 97jährige Peter Sedgman seinem Urenkel Ollie Evans in Sydney Auskunft über sein Leben. Auf das im Rahmen eines Schulprojektes geplante Interview hatte sich der 13jährige mit einer Liste von Fragen vorbereitet, die Sedgmans Familie und ihre ­Lebensverhältnisse bis Ende der vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts ­betrafen. Der Urgroßvater erzählte: Sie hätten zu sechst in einer Zweizimmerwohnung mit Küche und Außenklo gelebt, sein Spitzname sei Peci, sein jüdischer Lieblingsfeiertag Lag Ba­Omer gewesen. Zu Hause hätten sie Jiddisch und Polnisch gesprochen, zu Kontakten mit Nichtjuden sei es vor allem im elterlichen Kurzwarenladen gekommen. Seine Frau Stella habe er noch vor der Kapitulation der Deutschen in Lublin kennen gelernt. Den polnischen Namen des ­jüdischen Gymnasiums, das er besucht hat, schreibt Sedgman dem Jungen auf einen Zettel. Die Ortsangaben – Lublin, Haifa, Tel Aviv, ­Konstanza, Italien, Sydney – scheinen dem Enkel bei der Mitschrift keine Probleme zu bereiten. Jedenfalls stellt er keine Nachfragen. An einer Stelle des Tondokuments ist zu hören, dass er den Urgroßvater bittet, für einen Moment innezuhalten, damit er beim Schreiben nicht den Anschluss verliert. Der liebevollen Anrede »Grandpawpaw« begegnet Sedgman mit ­einem liebevollen »Darling«. Nein, er und seine Frau Stella hätten bei ihrer Abreise aus Polen niemanden mehr gehabt. Erst in einem Flüchtlingslager in Italien, wo sie auf eine günstige Einreisemöglichkeit ins britische Mandatsgebiet Palästina warteten, hätten sie erfahren, dass Stellas ­Vater Herz Kohen am Leben war. Als Ollie die letzte Antwort notiert hat, kommt sein Urgroßvater auf etwas zurück, das bereits im Mittelteil ­ihres knapp einstündigen Gespräches aufgetaucht war: Es sei vielleicht eine gute Idee, dieses Buch (Sedgman klopft mit den Fingern auf den Einband) mit in die Schule zu nehmen und es seinen Lehrerinnen und Lehrern zu zeigen. In diesem Buch, das er vorher als »booklet« – Büchlein, Broschüre – bezeichnet hatte, habe er nämlich aufgeschrieben, was während des Krieges geschehen sei. Er habe darin vom Ghettoleben der ­Juden unter deutscher Herrschaft erzählt, von seiner Zeit bei den Partisanen, davon, wie die Juden in Güterwaggons verladen und aus Lublin weggebracht worden seien. Angeblich, um irgendwo auf Feldern zu ­arbeiten. Tatsächlich jedoch seien sie vergast und verbrannt worden. Das alles stehe in diesem Buch, schwarz auf weiß, ohne Lügen. Ollie (der in diesen Sekunden nichts sagt, der auch vorher darauf geachtet hat, seinem Urgroßvater nicht ins Wort zu fallen) möge ihm glauben, dass die von ihm geschriebene Geschichte etwas sehr Wichtiges sei. Vorsichtig beginnt er zwei Sätze – Wenn er, Ollie, weitere Erklärungen bräuchte … Wenn er, Ollie, wolle …  –, ohne sie zu be­enden.

Seine Biographie hat Peter Sedgman auf Anregung des Jüdischen Museums von Sydney aufgeschrieben und dort unter dem Titel »As Far as I Can Remember« veröffentlicht. Darin berichtet er, dass es bereits in den frühen dreißiger Jahren in Lublin neben dem mit religiösen Abscheulichkeiten aufwartenden christlichen Antijudaismus auch einen zähen, auf ­politische Gefolgschaft setzenden Antisemitismus gegeben habe. Es ­seien nicht zuletzt die auf jüdische Gewerbetreibende zielenden Boykott­aufrufe gewesen, die seine Eltern zu engagierten Zionisten gemacht hätten. Nachdem Sedgmans Vater ein Stück Küstenland in der Nähe von Haifa erworben hatte, ging er 1936 nach Palästina, um ein kleines Unternehmen für Baumaterialien aufzubauen und den Umzug der Familie vorzubereiten. Peter, der damals noch Perec hieß, sollte ihm nach dem Abitur ­folgen und ein Studium beginnen. Obwohl bereits die ersten Briefe des Vaters Klagen über die Verhältnisse im Land enthielten – Palästina sei nicht das Land von Milch und Honig, sondern von harter, körperlicher ­Arbeit –, freut sich Peter auf die erste große Reise seines Lebens: »Wegzugehen und etwas von der Welt zu sehen, schien mir ein Abenteuer zu sein. Noch immer war ich sehr optimistisch, was meine Reise nach Palästina betraf.« Die nötigen Reisepapiere treffen schließlich ein, auch die ­weiße, maßgeschneiderte Wollhose, die er natürlich in der Hitze Palästinas kein einziges Mal tragen wird, ist eingepackt, und die Tränen der ­Geschwister und Verwandten, die ihn 1937 am Lubliner Bahnhof verabschieden, fließen in Strömen. Er wird nicht allein mit dem Vater sein. Seine Tante Masza ist ebenfalls aus Polen weggegangen und hat einen in Palästina geborenenen Juden geheiratet. Auch während der Schiffsreise vom rumänischen Konstanza nach Haifa macht der junge Auswanderer vielversprechende Erfahrungen, er wird mit nie zuvor gekosteten Speisen bewirtet und in Beirut zum Bauchtanz mitgenommen.

Nach seiner Ankunft allerdings setzt sofort Ernüchterung ein: Niemand wartet auf ihn im Hafen von Haifa, und als er seinen Vater schließlich in Tel Aviv trifft, sind die Spuren von harter Arbeit und schwierigen Lebensverhältnissen nicht zu über­sehen: »Dann kam der Schock, meinen Vater wiederzusehen – nach ­seinem Äußeren konnte ich ihn kaum wiedererkennen. Wir fielen uns in die Arme und weinten wie kleine Kinder. Auf dem Bahnsteig in Tel Aviv stehend weinten und weinten wir, und die Leute um uns herum begannen sich zu erkundigen, ob sie uns in irgendeiner Weise helfen könnten.« Schnell wird Sedgman klar, dass sich sein Vater längst für eine Rückkehr nach Polen entschieden hat. Von Sedgmans Studium am Technion in Haifa ist keine Rede mehr, der Sohn soll lediglich die Anteilsrückzahlungen entgegennehmen, die der Vater mit seinen früheren Geschäftspartnern vereinbart hat, und dann ebenfalls wieder nach Lublin zurückkommen. Frühere Schulkollegen aus Lublin, an die er sich hilfesuchend nach der Abreise seines Vaters wendet, können ihm keinen Rat geben, die Einzige, die ihn zum Bleiben ermuntert – er sei schließlich jung und seine Zukunft liege in Erez Israel –, ist seine Tante Masza. Peter gibt jedoch dem elterlichen Druck nach und verlässt Paläs­tina 1939. Ein »schrecklicher Fehler«, wie er rückblickend schreibt. Bemerkenswerterweise gehört das Kapitel, in dem er von seinen immerhin zwei Jahren in Palästina erzählt, zu den kürzesten seiner Autobiographie. Es gibt kein Wort zur Abreise des Vaters und keine Schilderung seiner eigenen Rückfahrt nach Polen. Das Jahr 1939 beginnt für den noch nicht mal 22jährigen mit dem Militärdienst in der polnischen Armee.

Bereits am 3. September 1939 gerät Sedgman in deutsche Gefangenschaft. Im Kriegsgefangenenlager Hammerstein muss er nicht nur feststellen, dass viele seiner nichtjüdischen Mitgefangenen nicht viel Zeit brauchen, um das deutsche Wort »Jude« zu lernen und selbst zu schlagkräftigen Antisemiten zu werden, er trifft außerdem auf den ersten deutschen Nazi, einen Militärarzt, dem es besondere Lust bereitet, erkrankte jüdische Gefangene mit Gymnastik zu quälen. Bei der Schilderung dieses akademisch gebildeten Herrenmenschen tauchen auch die ersten erinnerten deutschen Herrenmenschenwörter – »Verflughde Jude« – in Sedgmans Autobiographie auf.

Sedgman hat Glück. Er überlebt eine Typhuserkrankung, die Behandlung deutscher Militärärzte und wird einem älteren deutschen Soldaten als Helfer in der Hygieneabteilung des Kriegsgefangenenlagers – drittes deutsches Wort: »entlausing« – zugeteilt. Sedgman erinnert sich an den Deutschen als freundlichen Mann, der ihm belegte Brote und Obst zugesteckt habe. Als er dem Soldaten von dem im Kriegsgefangenenlager kursierenden Gerücht erzählt, dass die jüdischen Gefangenen nach Polen zurückgebracht werden sollen, reagiert dieser mit einem für Sedgman überraschenden Rat: »Während wir bei den Duschen arbeiteten, nahm mich mein Chef beiseite und sagte mir unumwunden, dass ich mich nicht registrieren lassen solle. ›Bleib hier, hier hast du eine gute Chance, den Krieg zu überleben, solange dich keine Bombe tötet. Wenn du hingegen als Jude und Zivilist nach Hause zurückkehrst, werden dich die Nazis töten‹, sagte er. Ich schaute ihn überrascht an. Ich glaubte, dass er mir wohlgesinnt war und mich als guten Arbeiter schätzte. Ich erzählte einigen Mitgefangenen von dieser Unterhaltung und was demnach bei unserer Rückkehr zu erwarten war. Sie haben sich schiefgelacht. Viele der jüdischen Gefangenen waren aus dem sowjetisch besetzten Teil Polens. Sie konnten es kaum abwarten, nach Hause zu kommen.«

Auch Sedgman, der erst nach zwölf Monaten Gefangenschaft die erste Nachricht seiner Familie erhalten hatte, lässt sich schließlich für den Transport ins Kriegsgefangenenlager ­Stargard und die Repatriierung registrieren. Seine Gruppe wird nach der Ankunft in Lublin ins Fußballstadion an der Lipowastraße gebracht, wo sich bereits einige jüdische Kriegsgefangene befinden, denen sowjetische Behörden die Einreise in den von der Sowjetunion besetzten Teil Ostpolens verweigerten. Ende Februar 1941 wird er als Zivilist aus dem Sammellager entlassen. Seine Mutter, die ihn am Tor erwartet, erkennt ihn im ersten Moment nicht wieder. Sedgman wiederum wundert sich über die Binde mit Davidstern, die seine Mutter am Oberarm trägt: »Sie nahm ihre Binde ab und gab sie mir. Ich weigerte mich, sie zu tragen. Es war sehr töricht von mir, nicht zu erkennen, in welchen Zeiten wir lebten. Ich zog die Armbinde danach an. Meine Mutter wies mich außerdem an, jeden entgegenkommenden deutschen Soldaten mit gezogener Mütze zu grüßen.«

Auch zu Hause bei seinen Angehörigen fallen ihm sofort Veränderungen auf: Wie lange seine Mutter und sein älterer Bruder Cadok das elter­liche Geschäft noch führen dürfen, ist ungewiss, der Gesundheitszustand seines Vaters hat sich seit der Rückkehr aus Palästina weiter verschlechtert, Moniek, der Eheman seiner Schwester Masza, ist verschwunden. Nach einem Nervenzusammenbruch, den der junge Mann zwei Wochen vor Beginn des Krieges erlitt, wurde er in die psychiatrische Klinik von Otwock bei Warschau eingeliefert und dort zusammen mit den anderen Patienten von vorrückenden deutschen Militäreinheiten erschossen. Mit dem krankheitsbedingten Tod des Vaters am 8. August 1941 trifft die Familie ein weiterer Schlag. Sedgman wird einige Zeit nach der Beerdigung als Stallbursche bei der deutschen berittenen Polizei verpflichtet und erhält auf eigene Nachfrage hin Arbeitspapiere, mit deren Hilfe es ihm in den folgenden Monaten gelingt, seine Angehörigen und auch seine Freundin Sarah, die Tochter einer Nachbarsfamilie, vor den Deportationen aus dem seit Frühjahr 1941 bestehenden Ghetto von Lublin zu bewahren.

In der zeitgeschichtlichen Forschung wird seit einigen Jahren auf die besondere Bedeutung des Distrikts und der Stadt Lublin für die Geschichte des Massenmordes an den europäischen Juden hingewiesen. Der Historiker Dieter Pohl schreibt: »Er (der Raum Lublin, J. H.) übernahm eine Vorreiterrolle, war Versuchsgebiet und wichtiger Schauplatz. Dies ist vor allem Odilo Globocnik zuzuschreiben, einem entscheidenden Akteur der ›Endlösung‹ in der Übergangsphase zwischen Frühjahr 1941 und Frühjahr 1942, in der zwar in der NS-Führung der Wille zum Massenmord vorhanden war, aber konkrete Ziele und Maßnahmen erst entwickelt werden mussten. Globocnik beschleunigte die Verbrechen und bestimmte wichtige Schauplätze. Wie kaum ein anderer verkörpert er die Beziehung zwischen Zentrum und Peripherie bei den NS-Verbrechen, angetrieben durch seine Radikalität und seine katastrophalen Großraumplanungen.«

Auch der Historiker Peter Longerich hebt in seiner jüngsten Darstellung der Entscheidungen der NS-­Führung im Umkreis der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 die besondere Bedeutung von Lublin für die Mordpläne der Deutschen hervor: Erstmalig im Herbst 1939 als mögliche Region für ein »Judenreservat« in den Plänen der NS-Führung auftauchend, lassen sich ab Herbst 1941 die von Globocnik und seinen Mitarbeitern initiierten Vorbereitungen für den Bau des ersten Vernichtungs­lagers im Generalgouvernement, Belzec, nachweisen. Im Januar 1942 ­beginnen die Vorbereitungen für die Deportation und Ermordung von ­sogenannten »nicht arbeitsfähigen« Juden aus den Ghettos des Distriks Lublin, ab Frühjahr 1942 wird ein Mordprogramm realisiert, das die Täter als »Judenaustausch« bezeich­neten. Zehntausende Juden aus dem Reichsgebiet und aus der Slowakei werden ab dem 13. März 1942 in Güterwaggons in den Distrikt Lublin ­deportiert, während fast gleichzeitig, ab dem 16. März 1942, die große Mehrheit der noch im Ghetto von Lublin lebenden Juden entweder in der Umgebung der Stadt erschossen oder im Vernichtungslager Belzec ermordet wird. Schließlich beginnt im Mai 1942 mit der Deportation der bis dahin am Leben gebliebenen Juden des Distrikts Lublin in das Vernichtungslager Sobibor – insgesamt mindestens 55 000 Menschen – jene Phase des deutschen Vernichtungsprogramms, in dem Priorität staatlicher Politik war, unter allen Umständen möglichst viele Juden zu ermorden. Longerich schreibt: »In diesem Zeitraum (Mai und Juni 1942, J. H.) setzte eine weitere Eskalation der Vernichtungspolitik ein, die darauf hinauslief, in möglichst kurzer Zeit, in jedem Fall vor Ende des Krieges, alle in deutscher Reichweite befindlichen Juden Europas unterschiedslos zu ermorden: die Juden in den besetzten sowjetischen (einschließlich der von der Sowjetunion bis 1940 annektierten) Gebieten an Ort und Stelle, die übrigen in erster Linie in Vernichtungslagern auf polnischem Boden. Nur die noch ›arbeitsfähigen‹ Juden sollten für eine relativ kurze Zeitspanne am Leben gelassen, bis zur totalen Erschöpfung ausgebeutet und dann ebenfalls ermordet werden.«

Der größte Mangel der von Historikern wie Longerich und Pohl favorisierten Forschungs- und Darstellungsweise liegt darin, die konkreten Konsequenzen nazideutscher Eroberungs- und Besatzungspolitik aus­zublenden. Ein geduldiges Publikum wird beispielsweise eine Menge über das nicht immer unkomplizierte Verhältnis von Heinrich Himmler und Odilo Globocnik erfahren, ihm wird vielleicht auch eine kleine Führung durch die Charakterstruktur eines höheren SS- und Polizeiführers im Distrikt Lublin angeboten, Leute wie Peter Sedgman und seine Angehörigen hingegen, auf die die Politik der Nazis und ihrer Helfer zielte, tauchen höchstens als Zahlenkolonne auf dem Weg zu den Bahngleisen oder in den Wald auf. Gänzlich unerträglich wird solche aufgeräumt-ordentliche Geschichtsschreibung immer dann, wenn am Ende noch so getan wird, als sei gerade irgendetwas geklärt ­worden.

Der Historiker David Silberklang hingegen hat einen anderen Forschungsweg gewählt und verwendet nicht nur die saubere Aktenspur der deutschen Täter, sondern vor allem überlieferte Zeugnisse von Einzelpersonen und der von den Deutschen eingesetzten jüdischen Zwangsvertretungen – Briefe, Tätigkeitsberichte, Besprechungsprotokolle –, um die Lebensverhältnisse von Lubliner Juden unter der Herrschaft der Deutschen zu rekonstruieren. Silberklang schreibt: »Um die Wahrnehmungen und Reaktionen der Juden besser zu verstehen, wollen wir einen kurzen Blick auf ihre Lage am Vorabend der Deportationen werfen. An den meisten Orten im Distrikt Lublin erlebten die Juden Ende 1941, Anfang 1942 eine Verschlechterung der Lebensbedingungen und der Behandlung, die sie von den Deutschen erfuhren. Die Bestrafungen für ›Vergehen‹ wurden härter, die Restriktionen schärfer, Krankheiten griffen um sich, und die Sterblichkeit nahm zu, während Wintermäntel und Pelze beschlagnahmt wurden. Gleichzeitig wurden Informationssplitter und Gerüchte über Morde auf sowjetischem Territorium bekannt, und bereits am 4. Oktober 1941 waren dem Judenrat von Lublin Gerüchte über bevorstehende drastische Veränderungen im Ghetto zu Ohren gekommen – ein Euphemismus für Liquidation. Auch von Diskussionen über Deportationen in den Distrikt Lublin, die im Januar 1942 unter den Deutschen in der Stadt ­geführt wurden, hatten die Juden offenbar erfahren.« Silberklang ergänzt, dass besonders die in den ländlichen Gebieten des Distrikts lebenden Juden mit der Schwierigkeit konfrontiert waren, ihre Lage richtig einzuschätzen und sich auf weitere Zwangsmaßnahmen der Nazis zumindest vorzubereiten, da viele der Juden Anfang 1942 auf dem Land noch in ihren Wohnungen gelebt, selten einen Deutschen zu Gesicht bekommen und überdies einen leichteren Zugang zu Lebensmitteln gehabt hätten.

Obwohl Peter Sedgman durch einen für die jüdische Ghettopolizei arbeitenden Freund seines Bruder ­Cadok relativ viele Informationen über die Pläne und Entscheidungen der Deutschen erhielt, wurde auch er von den am frühen Morgen des 17. März 1942 beginnenden Deportationen aus dem mit Stacheldraht abgeriegelten »kleinen« Lubliner Ghetto im Vorort Majdan Tatarski überrascht: »Ich saß in der Falle, obwohl es so harmlos aussah. Deutsche ­waren nicht anwesend, es sah nach einer simplen Registrierung für ­Lebensmittelkarten aus, und plötzlich war ich Teil einer Gruppe, die diesen einen Kilometer in Richtung des Konzentrationslagers Majdanek ging. Wie dumm von mir, mich durch so schlichte Befehle einfangen zu lassen.« Als offenbar Einziger der Gruppe, in der sich auch seine Mutter, seine ältere Schwester Masza und sein jüngerer Bruder Gidal befinden, ­entschließt sich Sedgman, aus der Kolonne zu fliehen: »Während wir gingen, sagte ich zu meiner Freundin Sarah: ›Lass uns abhauen‹, doch sie blieb bei der Gruppe. Ich rannte weg von der Straße, einem freien Feld entgegen und rechnete damit, verfolgt oder beschossen zu werden. Nichts passierte. Ich lag im Feld und sah die Gruppe davonmarschieren. Ich war mir sicher, dass sie zum Konzentrationslager Majdanek gebracht würden. Doch zu meinem Erstaunen gingen sie am Lager vorbei, was mir etwas Hoffnung machte.« Er kehrt im Dunkeln in das Ghetto zurück, wo er seinen Bruder Cadok wiedertrifft, der sich mit dem kleinen Sohn seiner Schwester Masza und einigen anderen Menschen auf dem Dachboden eines Hauses versteckt hatte. Später erfahren sie, dass die weggeführte Gruppe in einem nahegelegenen Waldgebiet von Maschinengewehrschützen ermordet worden ist. Sein Bruder bricht bei dieser Nachricht zusammen, nur Sedgmans Ermahnung, für das Wohl ihres kleinen Neffen zu sorgen, kann ihn davon abhalten, sich das Leben zu nehmen.

Etwa drei Wochen später stirbt der kleine Junge, für den die beiden Brüder bereits einen Platz in einem christlichen Waisenhaus beschafft hatten, als ein Kessel mit kochendem Wasser in sein Kinderbett fällt. Es ist Sedgman auch mehr als 60 Jahre nach den Ereignissen nicht möglich aufzuschreiben, ob er oder sein Bruder den Spirituskocher mit dem Kessel zu dicht an das Bett des Kleinen gestellt hat. Es ist ihm ebenfalls unmöglich, sich an den Namen des Jungen zu erinnern, den sie, wie Sedgman betont, nach jüdischer Tradition beerdigten. David Silberklang schreibt: »Nichts, was (die Juden) taten oder tun konnten, war ›richtig‹; was bei ihren Bemühungen um ein Überleben herauskam, war völlig unvorhersehbar. Etwas von den Ereignissen mitzubekommen und entsprechend aktiv zu werden, erhöhte während des Holocaust nicht notwendigerweise die Überlebenschancen.«

Von März 1942 bis Anfang November 1943 leben Sedgman und sein Bruder Cadok versteckt in Lublin. Eine nichtjüdische Kundin seiner Eltern, Frau Marcinczak, und ihr 15jähriger Sohn Geniek verstecken und versorgen die beiden sechs Monate lang in ihrer Wohnung. Sedgman und sein Bruder finanzieren ihre Unterkunft durch den Verkauf von geretteten Wertsachen aus dem Familienbesitz. Auf einer dieser Touren zur Geld­beschaffung muss Sedgman zwei polnische Männer abwehren, die ihn auf der Straße als Juden erkennen, festhalten und ausrauben wollen. Ein Schlagring, den Sedgman in der Manteltasche wie eine Pistole hält, schreckt die Räuber ab.

Als die Nachbarn der Marcinczaks im Verlauf des Frühjahrs 1943 immer misstrauischer werden und die Vermutung äußern, dass in der Wohnung wohl einige Juden versteckt werden, machen sich Sedgman und sein Bruder um Ostern 1943 auf den Weg Richtung Osten. Sie wollen sich den Partisanen anschließen, die auf der sowjetischen Seite des Flusses Bug operieren. Nach einigen durchmarschierten Nächten jedoch bricht ­Cadok erneut zusammen: »Er glaubte, keine Kraft zum Weitermachen mehr zu haben. Er wollte sich den Deutschen stellen und glaubte, dass er nichts anderes als eine Last für mich sei. Ich konnte ihn nicht davon überzeugen, dass unsere einzige Chance im Weitermachen lag. Er weigerte sich weiterzugehen, nahm in Verzweiflung sein Messer aus dem Verpflegungsbeutel und wollte sich die Pulsadern aufschneiden. Nach einem Handgemenge nahm ich ihm das Messer weg und ließ ihn auf dem Boden liegen. Er jaulte wie ein Hund, und es gelang mir nicht, ihn zum Aufhören zu bringen. Das Letzte, was ich wollte, war, ihn zurückzulassen, und um ihn zu beruhigen, willigte ich ein, ihn zurück nach Lublin zu bringen und zu versuchen, wieder in das Lipowa-Lager zu gelangen, wo die Verhältnisse im Vergleich mit anderen Lagern relativ gut waren. Ich versicherte ihm, dort viele Freunde zu haben. Es handelte sich um die ehemaligen Kriegsgefangenen aus dem Stalag 17, Hammerstein, die auch nach ihrer Repatriierung noch in Lipowa interniert waren. Als erfahrene Häftlinge hatten sie einigen Einfluss auf die Abläufe im Lager. Nun war mein Bruder wieder ruhig und wir begannen, nach Lublin zurückzugehen. Er ging hinter mir, und ich hatte das sichere Gefühl, dass er den Verstand verloren hatte.«

Zurück in Lublin verschaffen sich die beiden in der Nacht Zugang zum Badehaus, in das die Gefangenen des Lipowa-Lagers einmal wöchentlich zum Duschen gebracht werden, verstecken sich unter Bänken und ­mischen sich am nächsten Morgen unter die eintreffenden Gefangenen. Beim Zählappell werden sie entdeckt, zusammengeschlagen, verhört und zu ihrer Erleichterung tatsächlich als gewöhnliche Gefangene im Lager registriert. Einige Monate lang werden Sedgman und sein Bruder zusammen mit den anderen Häftlingen täglich zur Zwangsarbeit ins Stadtgebiet geführt. Sie müssen auch im früheren Ghettogebiet Abbruch- und Kana­lisationsarbeiten erledigen, wo die besseren Häuser, wie Sedgman ­bemerkt, inzwischen von polnischen Familien bewohnt waren.

Nachrichten vom Vorrücken der sowjetischen Armee erreichen auch die Häftlinge, Sedgman fasst den Entschluss, aus dem Lager zu fliehen und sich erneut bei den Marcinczaks zu verstecken. Er ist auch darüber informiert, dass einige seiner Mitgefangenen Kontakte zu polnischen Widerstandsgruppen haben und ­planen, das Lager zu zerstören und auszubrechen. Am 3. November 1943 jedoch durchkreuzen die Deutschen mit der als »Aktion Erntefest« bezeichneten Auflösung aller noch bestehenden Lubliner Zwangsarbeitslager die Pläne der Häftlinge. Sedgman und sein Bruder werden zusammen mit den anderen Gefangenen in das Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek geführt – Sedgman hatte noch vergeblich versucht, seinen Bruder zur Flucht zu bewegen – und in den »Feld 5« genannten Bereich des Lagers gebracht, wo große Gruben ausgehoben sind und sehr laute Musik über Lautsprecher gespielt wird, um den Lärm der Maschinengewehre zu übertönen, mit ­denen an diesem Tag etwa 18 000 jüdische Männer und Frauen von Deutschen ermordet werden. »Nahe bei uns stoppte ein Wagen«, schreibt Sedgman, »aus dem einige höhere SS-Offiziere herauskamen und mit einer Selektion begannen. Sie fragten, ob es unter uns Schweißer, Schneider oder Schuhmacher gebe. Wir alle wollten ausgewählt werden, aber nur die kräftigen Männer wurden genommen. Ich wurde ausgewählt, mein Bruder Cadok jedoch hatte kein Glück und teilte das Schicksal der Mehrheit der auf dem Fünften Feld versammelten Menschen.«

Sedgman und 60 weitere jüdische Männer werden von den deutschen SS-Offizieren und einigen Wachsoldaten auf Lastwagen verladen und in ein kleines Waldgebiet am südöstlichen Stadtrand der polnischen Stadt Chełm gebracht. Dort, im Waldlager Borek, werden die Männer zwischen Mitte November 1943 und Ende Februar 1944 gezwungen, die Leichen von in Massengräbern verscharrten Angehörigen der sowjetischen Armee, italienischen Kriegsgefangenen und ­jüdischen Zivilisten zu exhumieren und auf Scheiterhaufen zu verbrennen. Die von Hermann Rohlfing, Paul Heilig und Rudolf Theimer geleiteten Arbeiten im Wald bei Chełm sind Teil der nazideutschen »Aktion 1005«. Es ist der Versuch, die Spuren deutscher Massenmorde in Osteuropa zu tilgen. Peter Sedgman muss mit einigen anderen Gefangenen an den Verbrennungsplätzen arbeiten: »Wir wurden ›Heizer‹ genannt, ›Männer, die Dinge verbrennen‹. Die bei der Verbrennung angewandte Methode war folgendermaßen: Wir errichteten eine Pyramide aus Lagen von Baumstämmen und Leichen und übergossen sie mit Benzin. Die aus etwa 50 Leichen bestehende Pyramide wurde angezündet. Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich noch immer diese Feuer brennen. Die Freude der SS-Offiziere und das Lob für ­unsere Arbeit wurden offensichtlich, wenn wir die Zahl der verbrannten Leichen meldeten. Aber zu unserem Erstaunen wurde uns befohlen, sie nicht als Leichen zu bezeichnen, sondern einfach als ›Figuren‹. Nach der Verbrennung der Leichen besprühten wir die Asche mit Wasser und schafften die Überreste zum ›Betonmischer‹. Dies war in Wirklichkeit eine Maschine mit Mahlwerk. Die aufgehäuften Knochen und Überreste aus der Asche wurden zermahlen, in ­Säcke gefüllt und weggebracht.«

Peter Sedgmans Beschreibung der Verhältnisse im Waldlager Borek ­ergänzt die Augenzeugenberichte der drei einzigen weiteren Überlebenden, Lipman Aronowicz, Józef Reznik und Józef Sterdyner, auf bemerkenswerte Weise. Er betont, dass die jüdischen Gefangenen während der ­Arbeit von den deutschen Wächtern nicht geprügelt oder gequält wurden und von Zeit zu Zeit Alkohol zur ­Beruhigung erhielten. Sedgman bezeugt außerdem, dass die Arbeiter neben den Toten aus den Massengräbern auch die Körper von jüdischen Zivilisten verbrennen mussten, die von den Deutschen in das Lager ­gebracht wurden. Er ist der einzige der vier Überlebenden, der ein ­Gespräch mit einem der älteren deutschen Wachposten schildert: »Wenn wir über die Gräueltaten sprachen, die begangen wurden, war seine einzige Antwort immer: ›Schau, was sie mit unseren Städten tun. Die Alliierten töten Tausende Menschen und zerstören unsere Städte.‹ Ich entgegnete ihm: ›Wie können Sie Mord und Krieg miteinander vergleichen?‹ Er schien beschämt zu sein und nicht in der Lage zu antworten.«

Als die Arbeiter des Waldlagers in der Nacht des 23. Februar 1944 durch einen selbstgegrabenen Tunnel zu fliehen versuchen, klettert Sedgman als vierzehnter in den Schacht und erreicht die Öffnung in der Nähe des Lagerzauns: »Als ich den Draht erreichte, gingen Sirenen los und es wurde begonnen zu schießen. Ich richtete mich auf und fing an zu rennen. Zwei weiter Männer schlossen sich mir an, so rannten wir zusammen, ohne eine bestimmte Vorstellung von der richtigen Richtung zu haben. Plötzlich endete das Schießen, die Sirenen für Luftalarm setzten ein, alle Lichter gingen aus und russische Flugzeuge zeigten sich oben am Himmel.« Einige Tage irren Sedgman, Józef Sterdyner und ein aus ­Kowel stammender Mann namens Reznik durch die eingeschneite Umgebung des Lagers, bis sie nach einem Angriff deutscher Polizisten getrennt werden. Sedgman und Reznik halten den zu Boden gefallenen Sterdyner für tot und setzen ihre Flucht fort, um sich einer Partisanengruppe in der Nähe des Bug anzuschließen. Reznik wird später als Partisan von deutschen Soldaten getötet.

Sedgmans Erfahrungen mit verschiedenen polnischen und sowjetischen Partisanengruppen gehören zu den eindrücklichsten Passagen seiner Autobiographie. Sein glücklichster Moment seit der Flucht aus dem Waldlager Borek sei jene Nacht gewesen, in der er mit einem Gewehr bewaffnet den Lagerplatz einer Partisanengruppe bewachen konnte. Er schildert auch das Misstrauen einiger Partisanen, die ihn zunächst für ­einen Spion der Deutschen halten, und die wiederholten antisemitischen Beschimpfungen eines russischsprechenden »Kameraden«. Mit Entsetzen muss er erleben, wie er wegen angeblichen Zurücklassens einer Waffe von einem Partisanen­gericht zum Tod verurteilt und erst nach Aufklärung des Sachverhaltes begnadigt wird. Das Zitat aus dem Urteilsspruch ist zugleich die einzige Stelle der Autobiographie, an der sein alter Vor- und Nachname genannt wird.

Im befreiten Lublin sagt Sedgman vor einem sowjetischen Staatsanwalt aus, der gegen deutsche Täter ermittelt, und trifft Józef Sterdyner wieder, der ihm von seiner Flucht berichtet. Sterdyner will Polen verlassen und sich im britischen Mandatsgebiet Palästina niederlassen. Sedgman ist noch unentschlossen. Erst als er Stella Kohen kennenlernt, die als Kindermädchen bei einer nichtjüdischen Familie in Warschau mit gefälschten Papieren überlebt hat, entschließt er sich, ebenfalls nach Palästina zu gehen. Die beiden heiraten am 3. Mai 1945 und machen sich mit zwei Rucksäcken auf den Weg.

Es sollte ein langer Weg mit vielen Zwischenstationen werden, bis sie ein neues Zuhause finden. Während das Paar in einem süditalienischen Flüchtlingslager auf die Überfahrt nach Palästina wartet, wird am 25. September 1946 ihre Tochter Christine geboren. Ein in Argentinien lebender Onkel Sedgmans meldet sich über­raschend und bietet an, die notwendigen Einreisepapiere und eine Wohnung für die junge Familie in Buenos Aires zu besorgen. Freunde, die inzwischen nach Australien gegangen waren, beschreiben das Land als eine Art Paradies und fordern sie auf, unbedingt nachzukommen. Da das Paar unter allen Umständen vermeiden möchte, während der nach wie vor illegalen Einreise nach Palästina mit ihrer Tochter in ein britisches Internierungslager gesperrt zu werden, entscheiden sie sich schließlich für Australien. Im September 1949, knapp viereinhalb Jahre nach ihrem Aufbruch aus Lublin, verlassen sie das europäische Festland in Genua und lassen sich in Sydney nieder.

Ihr neues Leben in Australien beginnt alles andere als paradiesisch. Wenige Wochen nach ihrer Ankunft erreicht sie die Nachricht vom Tod Herz Kohens, Stellas Vaters, der vor seiner geplanten Ausreise nach Australien einen Herzinfarkt erlitt. Kurz darauf erkrankt Stella an multipler Sklerose und muss in ein Pflegeheim aufgenommen werden, wo sie bis zu ihrem Tod im Mai 1975 lebt. Die Tochter Christine wächst bei einem befreundeten Paar auf, heiratet 1966 und bringt zur großen Freude ihrer Eltern zwei Kinder zur Welt, Mike und Rodney. Peter Sedgman sucht sich eine Arbeit als Handelsvertreter. Über einen Zeitraum von 15 Jahren fährt er mit seinen Waren Tausende von Meilen durch den Südosten Australiens und kümmert sich an den freien Tagen um Stella und seine Tochter. Einige Male ist er mit einem Helfer im Auto unterwegs. »Aber schließlich wurde mir klar, dass es am besten für mich war, allein zu arbeiten.« Ab Anfang der siebziger Jahre arbeitet Sedgman als Verkäufer in verschiedenen Herrenausstattungsgeschäften Sydneys, um mehr Zeit mit der Familie seiner Tochter verbringen zu können.

Peter Sedgman stirbt am 23. September 2016 in Sydney. Nach Polen ist er nicht mehr zurückgekehrt, Deutschland hat er nie besucht. Nach Auskunft seiner Angehörigen hat er keinen Kontakt zu anderen Überlebenden gehabt und nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht als Zeuge eines Strafprozesses gegen Nazitäter ausgesagt. Als der Enkel Mike nach Lublin reist, gibt ihm sein Großvater den Auftrag mit, die Wohnung der Familie, das Geschäft und ein Mietshaus seiner Eltern zu fotografieren. In seiner Autobiographie versäumt Sedgman nicht, zu erzählen, welchen Spaß es ihm Anfang der neunziger Jahre bereitete, sein ganzes Reisegeld in Las Vegas zu verspielen.

Im Jahr 2006 nahm Peter Sedgman am Community Stories Program des Jüdischen Museums von Sydney teil. Jede Woche erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von der Kursleiterin Lucy Chipkin die Aufgabe, einen Teil ihrer Lebensgeschichte aufzuschreiben. Wie seine Tochter Christine mitteilte, schrieb Sedgman mit der Hand und kam für gewöhnlich dienstags zu ihr, um zusammen an einer digitalen Version zu arbeiten.

Einige Tausend Kilometer entfernt von Sedgman suchte ich in dieser Zeit nach Überlebenden der »Aktion 1005«. In deutschen Prozessakten und Augenzeugenberichten von Überlebenden tauchte sein alter Name, Perec Szechtman, mit nur wenigen weiteren Informationen auf. Meine Suchanfragen in Polen und Israel verliefen ergebnislos. Glücklicherweise gelang es Sedgman, seine Lebensgeschichte selbst zu erzählen. Und glücklicherweise hörten seine Angehörigen nicht auf, mehr über dieses Leben wissen zu wollen. Einige Tage nach Sedgmans Tod fand sein Enkel Mike zu seiner großen Überraschung den Namen seines Groß­vaters auf der Website einer Freundin von mir. Er schrieb mir eine Nachricht, und so ging die Geschichte weiter.

»Ich bin kein Held«, schreibt Sedgman im Epilog seiner Autobiographie, »überlebt habe ich durch reines Glück und das Zusammentreffen mit den richtigen Menschen, deren Rat und Führung mir enorm geholfen und mein Leben gerettet haben.«

Peter Sedgman: As Far as I Can Remember. Sydney 2006. (Übersetzung der im Text verwendeten Zitate: Jens Hoffmann. Alle in den Zitaten kursiv gesetzten deutschen Wörter nach der Schreibweise im englischsprachigen Original).

Interview von Ollie Evans mit seinem Urgroßvater Peter Sedgman, 11. August 2014. Audiodatei zugänglich gemacht von Mike Evans.

Peter Longerich: Wannseekonferenz. München 2016

Dieter Pohl: Die »Aktion Reinhardt« im Licht der Historiographie. In: Bogdan Musial (Hg.): »Aktion Reinhardt«. Osnabrück 2004

David Silberklang: Die Juden und die ersten Deportationen aus dem Distrikt Lublin. In: Bogdan Musial (Hg.): »Aktion Reinhardt«. Osnabrück 2004

Jens Hoffmann: »Diese außerordentliche deutsche Bestialität«. Hamburg 2013

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