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Simon Ilger: Nazifans bei Eishockeyclubs

Die Nazis zieht’s aufs Eis

Einige Eishockeyclubs perpetuieren die Fehler, die im Fußball jahrzehntelang gemacht wurden. Rechte Fans nutzen dies aus.

von Simon Ilger

In der Eishockeyoberliga Nord drehen die Teams aus dem Ruhrgebiet derzeit so richtig auf. Nach vielen Jahren mäßigen sportlichen Erfolgs dominieren Herne, Essen und Duisburg die Liga und gehören zu den Favoriten für den Meistertitel, der in den im März beginnen Play-offs ausgespielt wird.

In den Medienberichten über die Liga geht es jedoch nicht ausschließlich um diese sportlichen Leistungen. Kleine Gruppen von gewaltbereiten, mitunter rechtsextremen ­Anhängern zweier Ruhrpott-Vereine sorgen immer wieder für Ärger. Am Freitag vergangener Woche gastierte der Herner EV bei den Moskitos in der Eissporthalle am Essener Westbahnhof. Herne ging als Tabellenführer in die Partie, die Essener mit einer Serie von neun Siegen in Folge, sie standen in der Tabelle mit sieben Punkten Rückstand auf Platz drei. Die Voraussetzungen für einen spektakulären Eishockeyabend waren ­gegeben und die über 3 000 Zuschauer sahen ein Spiel deutlich über Oberliganiveau – entsprechend gut war zunächst die Stimmung auf den Rängen. Derart laute und intensive Fan-Gesänge erlebt man sonst nur im Ultra- beziehungsweise Supporters-Block in der Nordkurve in Gelsenkirchen oder auf der Dortmunder Südtribühne. Das Match musste jedoch  von einem hohen Polizeiaufgebot begleitet werden.

Eine Ultra- und Hooligan-Fankultur, wie sie im Fußball seit Jahrzehnten existiert, ist im Eishockey eigentlich unbekannt, selbst in den niedrigen Fußballigen Gängiges wie hohe Polizeipräsenz, kontrollierte An- und Abreise der Gästefans und eine allgemeine Fantrennung sind unüblich. Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den Zuschauern gab es kaum. Seit Anfang der nuller Jahre hatten sich jedoch auch im Eishockey junge Zuschauer zusammengeschlossen und damit begonnen, eine Fankultur zu etablieren, die sich stark an der damaligen Ultra-Kultur im Fußball orientierte. Doppelhalter und Choreographien waren in den Hallen immer häufiger zu sehen.

Finanzielle Probleme bis hin zu Insolvenzen waren und sind beim Ruhrgebiets-Eishockey keine Seltenheit. Insbesondere bei den Moskitos aus Essen war nach mehreren Pleiten und den damit verbundenen Zwangsabstiegen eine deutliche Abnahme des Zuschauerzuspruchs zu beobachten. Auch die aktive Fanszene zog sich immer mehr zurück. Eine ähnliche Entwicklung gab es auch am Herner Gysenberg, der Heimat des Herner EV. Nach mehr sportlichem Erfolg und weniger wirtschaftlichem Misserfolg stieg das Interesse am Eishockey vor einigen Jahren aber wieder stetig an und auch neue Gruppen, die sich dem Ultra-Gedanken verpflichtet fühlten, etablierten sich in den Eissporthallen entlang der Ruhr.

Während es schon immer eine ausgeprägte Rivalität zwischen den Vereinen gegeben hatte, die jedoch hauptsächlich auf dem Eis oder verbal auf den Vorstandsebenen ausgefochten wurde, wurde die Stimmung auf den Rängen nun aggressiver. Man begegnete den Gegnern ausdrücklich mit »Hass«, die Sprache wurde martialischer und – ebenfalls ähnlich wie beim Fußball – die Akti­onen wurden heftiger und gewalttätiger. Langjährige Fans beklagten, der Fokus liege nicht länger auf der Unterstützung der eigenen Mannschaft, sondern auf der Verachtung für den Gegner.

In dieser Saison kam es bei den Spielen zwischen den Essener Moskitos und dem Herner EV immer ­wieder zu Gewalttätigkeiten. Mitte November vorigen Jahres gab es bei der Abreise der Herner Zuschauer Auseinandersetzungen mit der Polizei, die mit einer Festnahme endeten. Beim Spiel der Essener in Herne Ende Januar attackierten Herner Anhänger die abreisenden Essener. Dafür hatten sich die Herner in einem nahe der Eissporthalle gelegenen Waldstück versteckt. Und auch beim bereits erwähnten Spiel am Essener Westbahnhof am Freitag vergangener Woche musste die Polizei einschreiten, um größere Tumulte zu unterbinden.

Natürlich gab es auch früher immer wieder Auseinandersetzungen, in der Regel – und darauf waren alle stolz – gingen sie jedoch nicht von Eishockeyfans aus. Häufig war es so, dass sich auch wegen der geringen Polizeipräsenz bei den traditionell friedlichen Eishockeyveranstaltungen gewaltbereite Fußballfans ein alternatives Spielfeld suchten. Solche Anhänger von Rot-Weiss Essen, Schalke 04, Westfalia Herne und dem VfL Bochum fanden in den Eishallen Möglichkeiten, ziemlich gefahrlos Ärger zu machen. Insbesondere für die Personen, die in Fußballstadien mit einem Stadionverbot belegt ­waren, bot sich Eishockey als Alternative: ein schneller, kampfbetonter Sport, der sich bestens ins Männlichkeitsbild dieser Fans fügt, in Kombination mit wenig bis gar keiner Po­lizei.

Heute ist die Situation anders: Die Gewalt geht von Leuten aus, die primär zum Eishockey gehen. Natürlich ist die Schnittmenge von Fans, die zum Fußball und zum Eishockey gehen, groß, und die gewaltbereiten Gruppen in den Eishallen des Ruhrgebiets sind von der Fußball-Hooligan-Szene zumindest inspiriert und teilweise auch mit ihr verflochten. Ähnliche Verbindungen gibt es zur extremen Rechten, die sichmit der Hooligan-Szene auch überschneidet: Kleidung von Thor Steinar ist in den Eishallen verbreitet, rassistische ­Äußerungen bleiben häufig unwidersprochen, explizit neonazistische Tattoos werden toleriert und seit dem Ablauf seines Hallenverbotes ist ein ehemaliger hoher Funktionär der Essener NPD und überregional bekannter Neonazi wieder regelmäßiger Gast in den Eishallen im Ruhrgebiet.

Von den Erfahrungen der Fußballvereine hat man jedoch nicht gelernt, stattdessen perpetuiert man deren jahrezehntelang nicht be­hobene Fehler: Anstatt Nazis auszuschließen, werden sie akzeptiert.

Eine weitere Steigerung der Gewalt ist auch darin zu erkennen, dass Fans der eigenen Mannschaft angegangen und attackiert werden. Für das gleiche Team zu sein, reichte ­früher als kleinster gemeinsamer ­Nenner für Solidarität untereinander aus.

Mittlerweile ist es so, dass man es sich gut überlegen sollte, ob man zum Beispiel mit einem »Refugees Welcome«-Pulli ein Eishockeyspiel besucht. Die der rechten Szene nahestehenden Fans schrecken nicht ­davor zurück, auch Fans des eigenen Vereins anzugehen, zu beleidigen und zu bedrohen – insbesondere wenn diese für links erachtet werden. Dazu reicht bereits der genannte Pulli oder auch das Einmischen bei rassistischen Gesängen.

Linke Fankultur ist auch im Ruhrgebietsfußball nur vereinzelt anzutreffen, wie zum Beispiel beim MSV Duisburg. Die Eishockeyvereine ­sagen zwar gern, eindeutig konnotierte Kleidung sowie menschenverachtende Positionen hätten selbstverständlich keinen Platz in den Eishallen. Leider folgen den Worten zu ­selten Taten und es wird eine »letzte Warnung« nach der anderen ausgesprochen. Handfeste Konsequenzen bleiben häufig aus.

Die Ursache dafür ist weniger darin zu sehen, dass die Clubs diese Meinungen und Positionen oder gar Gewalt befürworten. Doch jeder ­Zuschauer, der sich eine Eintrittskarte kauft, bringt Geld – im Gegensatz zum höherklassigen Sport sind in den niedrigeren Ligen die Zuschauer die Haupteinnahmequelle. Vereine mit einem höheren Zuschauerschnitt sind überdies für potentielle Sponsoren deutlich attraktiver. So bleiben Stadionverbote die Ausnahme.

Das eine oder andere Eishockeyfest wird in dieser Saison im Ruhr­gebiet noch gefeiert werden – wenn auch in manchen Fällen mit weniger sympathischen Gästen.

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