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Julia Schramm: Kolumne "Sekt und Sozialismus"

Gefühlter Plastikmüll

Kolumne "Sekt und Sozialismus" von Julia Schramm

Es geht mal wieder um die Liebe. Vorige Woche war nämlich Valentinstag, mindestens einer der Tage, die daran erinnern, was Liebe heutzutage und im Kapitalismus bedeutet: irrationale bis gewalttätige Besitzansprüche; der Zwang, Zuneigung zur Schau zu stellen; Geschenke, die doch nur Plastikmüll sind; das Überspielen der Lügen, die alle kennen, die auszusprechen jedoch zu schmerzhaft wäre. Und dennoch ist da diese Hoffnung, dass wenigstens an diesem Tag alles gut ist, friedlich, ehrlich, liebevoll. Wenn wir in einer Beziehung sind, dann hoffen wir, dass der Alltag und all die Probleme einmal ausgeblendet werden, wenn wir Single sind, hoffen wir auf ein aufregendes Date, an dessen Ende die Liebe bis ans Ende aller Tage steht. Manchmal stehen wir auch dazwischen und hoffen einfach, ja, was eigentlich?

Dabei ist klar, dass es immer Probleme gibt, wenn es um die Liebe geht. Sei es, weil lieben ein Risiko bedeutet, sei es, weil nicht mehr lieben auch eines ist. Und dann ist da noch das Problem der Wahl geeigneter Partner und Partnerinnen. Immer hat diese irgendwas mit den Eltern zu tun. Sie ist offenbar nicht bewusst steuerbar, ein Herzschlag reicht und alles ist anders und die Probleme sind zahlreich. Und wir sind ausgeliefert. Sich zu verlieben passiert eben einfach und die Gefühle interessieren sich nicht einmal im Ansatz für vernünftige Überlegungen. Und wenn der rosarote Autopilot einmal eingeschaltet ist, gibt es kein Halten mehr, alles wird gedreht und gewendet, damit es passt, nur um es den Gefühlen recht zu machen. Politische Ideale werden mit einem Augenschlag verraten, Lager gewechselt, neue Wege eingeschlagen, das Geschwätz von gestern wird über Bord geworfen.

Am Anfang der Probleme stehen sowieso meistens Gefühle. Und deswegen können wir an der Liebe sehen, warum es so oft heißt, Sozialismus sei nicht mit dem menschlichen Wesen vereinbar: Wenn der Autopilot einmal an ist, dann vermag es keine Logik der Welt, ihn zu stoppen. Erst recht nicht, wenn wir versuchen, ihn mit Rationalität zu bekämpfen. Der Druck und Schmerz des Verdrängens holt uns zwangsläufig ein. Und dann drehen wir durch, hassen, beschimpfen, verachten. Egal ob die Produktionsmittel nun vergesellschaftet sind oder nicht. Und warum wir Liebe nur mit Romantik und Beziehungen zusammendenken, ist ein Text für sich.

Die romantische Liebe macht uns also unzuverlässig, zumindest solange wir Gefühle unterdrücken und uns nicht fragen, warum wir uns die Menschen aussuchen, die wir uns aussuchen. Deswegen ist es nur konsequent, dass es einen Tag im Jahr gibt, wo alles anders sein soll und wir uns wenigstens für einen Moment Verlässlichkeit und Ewigkeit vorheucheln können. Ganz so, wie es der Kapitalismus mag.