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Thomas Blum: Deniz Yücel im Porträt

Nicht zu Diensten

von Thomas Blum

Es ist nicht so, dass Deniz Yücel nicht wüsste, auf wessen Seite er steht. Er steht auf der Seite jener, die nicht angelogen werden wollen und die, wenn man ihnen Blödsinn erzählt, Widerworte geben. Im Zweifelsfall, wenn die Belogenen nicht die Möglichkeit oder erforderlichen Mittel haben, gibt er die erforderlichen Widerworte. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Als er noch Student der Politikwissenschaft war, war sein Bücherregal vollgestopft mit allem, was man als junger Linksradikaler wissen musste, meterweise einschlägige Theorie und Zeitschriften: gegen den völkischen Wahn – sei es nun gegen den in der Türkei oder den hierzulande –, gegen die deutsche Großmannssucht, gegen den Verblendungszusammenhang – kurz: gegen all jene Arschgeigen, die den Menschen abrichten wollen zum willfährigen Untertanen. In seinem ersten Text, den er vor 18 Jahren für diese Zeitung schrieb und in dem es um den türkischen Nationalismus und die PKK ging, heißt es: »In der Türkei wurde, trotz Gründung der Republik, der Übergang vom Untertanen zum Bürger nur rudimentär vollzogen.« Das gilt auch noch heute, wo man weiß, dass der Jubeldeutsche von der AfD und der Jubeltürke von der AKP einander ähnlicher sind, als sie wollen, und unser Kollege allein deshalb in eine Gefängniszelle verschleppt wurde (siehe Seite 9), weil er die Frechheit besaß, in seinen Artikeln die bittere Wirklichkeit zu beschreiben und nicht die Wahnwelt Erdoğans. Im erwähnten Artikel heißt es auch, in der Türkei würden »alle diejenigen diskriminiert und unterdrückt, die sich nicht in das vorgegebene Bild fügen wollen oder können«.

Jetzt, 18 Jahre später, hat es auch Deniz getroffen, einen Menschen, der sich schon in seiner Zeit als Redakteur der Jungle World nicht in das vorgegebene Bild eines linken Journalisten fügte. Vielmehr ging es ihm darum, die eigene Leserschaft zu verstören, zu provozieren oder sie auch zum Lachen zu bringen, sie nicht mit all den Binsenweisheiten zu bedienen, die sie erwartete, oder gar – das Allerschlimmste – zu langweilen. Es reichte ihm nicht, wenn ein Artikel gründlich recherchiert und sauber formuliert war, der Text sollte geistreich, ein Lesegenuss sein, sollte die treffendsten und schönsten Wörter für eine bestimmte Sache enthalten, sollte mindestens eine Pointe haben, er sollte »knallen«.

Herr Erdoğan täuscht sich in einer Sache: Es wird ihm nicht gelingen, aus Deniz einen Untertan zu machen.