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Frederick R. Heinz: im Gespräch mit Rüdiger Dannemann, Leiter der Internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft
Jungle World Nr. 9, 2. März 2017dschungel

»Ein verstärktes Interesse«

Der Stadtrat von Budapest hat auf Antrag der rechtsextremen Partei Jobbik beschlossen, das Denkmal für Georg Lukács zu entfernen. Die Entscheidung sei politisch motiviert und umso skandalöser, als die Aufmerksamkeit für die Arbeiten des marxistischen Philosophen in jüngerer Zeit wieder gewachsen sei, sagt Rüdiger Dannemann, Leiter der Internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft.

Interview: Frederick R. Heinz

1996 wurde die Internationale Georg-Lukács-Gesellschaft in Paderborn gegründet, deren Vor­sitzender Sie heute sind. Was war der Gründungsanlass und was sind Ihre Ziele?

In den Jahren nach 1989 überboten sich Politiker und Philosophen darin, den Tod des Marxismus und damit verbunden auch den der wichtigsten Vertreter des »Westlichen Marxismus« zu verkünden. In den ehemals »sozialistischen« Staaten ging man daran, alle Spuren marxistischer oder irgendwie »linker« Vergangenheit zu vernichten. All dies war 1996 Anlass und Grund, sich der Aufgabe zu widmen, das Werk des 25 Jahre zuvor verstorbenen, wohl bedeutendsten undogmatischen marxistischen Philosophen und die Debatte über ihn zu befördern. Dazu gehört die Erschließung seines damals noch wenig gesichteten Nachlasses. Neben der Institutionalisierung des Lukács-Jahrbuchs, dessen 16. Jahrgang inzwischen publiziert werden konnte, wurden Tagungen mit Vertretern unterschiedlichster akademischer Disziplinen veranstaltet. Im Jahrbuch und in Einzelpublikationen wurden Texte aus dem Nachlass und auch Neuausgaben klassischer Werke des ungarischen Philosophen ediert, Teile des umfangreichen nachgelassenen Briefwechsels der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, zum Beispiel mit Günther Anders, Leo Kofler, David Kettler.

Durch die geplante Schließung des Georg-Lukács-Archivs in seiner Geburtsstadt Budapest ist sein Vermächtnis gefährdet. Sie engagieren sich für den Erhalt. Was sind die politischen Gründe des Schließungsbeschlusses? Wie sind die Aussichten, das Archiv zu retten?

Die geplante Schließung des Archivs zeigt, dass die zur Zeit der Gründung gestellte Aufgabe nichts an Aktualität eingebüßt hat. Im Gegenteil. Man gewinnt den Eindruck, dass Lukács in seinem Heimatland zu einer persona non grata degradiert wird. Dabei beteuert die Ungarische Akademie der Wissenschaften (UAW) bei jeder Gelegenheit, dass politische Motive keine Rolle spielen. Professor László Lovász, der Präsident der UAW, hat in seinem Briefwechsel mit mir betont, dass alles getan werde, um den Nachlass des Philosophen zu erhalten, ja, es gehe bei der Schließung des Archivs um eine Verbesserung des Zugangs zum Nachlass, durch dessen Digitalisierung etwa, oder um die professionellere Konservierung des Bestands durch die Aufnahme in die Nationalbibliothek in Budapest. Die Fakten sprechen leider eine andere Sprache: Der Mitarbeiterstab des Archivs wurde dezimiert und degradiert, die Arbeitsmöglichkeiten des Archivs wurden stark reduziert. An die Versprechungen der Akademie der Wissenschaften glauben die Betroffenen nicht.

Wie Orbáns Ungarn mit Lukács zu verfahren gedenkt, zeigt sich indes am Beschluss des Budapester Stadtrats, das Denkmal für den jüdisch-marxistischen Philosophen Georg Lukács im Szent-István-Park der ungarischen Hauptstadt verschwinden zu lassen. Das geschah auf Antrag der rechtsradikalen Jobbik-Partei. Es sei offensichtlich, schrieb der Rabbiner Joel Berger in der Jüdischen Allgemeinen, »dass die Demontage des Denkmals dem Marxisten Lukács und dem Juden Lukács gilt«. Berger betont auch den Zusammenhang mit der gleichzeitig stattfindenden Verehrung für Bálint Hóman, der als Ideologe des Horthy-Faschismus und als Religions- und Bildungsminister mitverantwortlich für die antisemitischen Gesetze war. Zu seinen Ehren ließ Ungarn jüngst ein Denkmal errichten, während jenes von Lukács verschwinden soll. Wie Berger schrieb, muss man »in der Tat nicht dem Marxismus verfallen sein, um diese Vergangenheitspolitik, die den schlimmsten Judenhass der ungarischen Geschichte zu nobilitieren versucht, skandalös zu finden. Es ist eine offen rechtsradikale Politik, die wir derzeit in Ungarn erleben.«

Gegen die Schließung des Lukács-Archivs ist international tausendfach Protest erhoben worden. Eine Stiftung, in dessen Beirat sich – ich hätte beinahe gesagt – die crème de la crème der internationalen linken Intelligenz versammelt, führt Gespräche mit dem Präsidenten der Aka­demie über den Erhalt des Archivs. Aber greifbare Resultate gibt es dennoch nicht. Und in Budapest rechnet man weiterhin mit dem Schlim­msten.

Trotzdem scheint 2016 für die Verbreitung von Lukács’ Werk ein gutes Jahr gewesen zu sein. Im Rahmen einiger Konferenzen, zuletzt in Rom und Frankfurt am Main, wurden seine Schriften wieder diskutiert.

Tatsächlich steht die erhöhte Aufmerksamkeit für Lukács’ Werk in krassem Widerspruch zu den Vorgängen in Ungarn. Im angelsächsischen Raum war ein verstärktes Interesse an Lukács schon seit Jahren zu be­obachten, dokumentiert etwa in den Sammelbänden von Timothy Bewes, Timothy Hall und Michael J. Thompson. Gegenwärtig sind ähnliche Tendenzen hierzulande feststellbar. Im März veranstalten die Lukács-Gesellschaft und die Bloch-Vereinigungen erstmals eine gemeinsame Tagung, die die Reaktionen der beiden Denker auf das Schlüsselereignis der Oktoberrevolution von 1917 thematisieren soll – mit einem Ausblick auf die Impulse, die sie für unsere Gegenwart und Zukunft geben können. Bereits im vergangenen Dezember fand in Berlin eine Tagung zum 100jährigen Jubiläum der »Theorie des Romans« statt. Sie zeigt, dass sich nicht nur die Linke wieder an die Relevanz von Lukács’ Denken erinnert, und sie demonstriert weiterhin den fälligen Generationswechsel in der Lukács-Rezeption: Die Texte Lukács’ werden in Beziehung gesetzt zu Lacan, Rancière und jüngeren ­Literaturwissenschaftlern wie Rüdiger Campe. Hier beginnt ein neues Ka­pitel der ohnehin spannenden Wirkungsgeschichte von Lukács philo­sophischem und ästhetischem Denken. Nebenbei bemerkt: Bis heute wartet diese Geschichte immer noch auf ihren Historiker.

Innerhalb der Linken erscheint die Diskussion über Lukács wieder spannend. Gerade der marxistische Lukács aus den zwanziger Jahren, der Autor von »Geschichte und Klassenbewusstsein«, ist hier von Interesse. Was macht seine Gedanken gerade heute aktuell? Warum braucht die Linke Lukács?

Um nur von Deutschland zu sprechen: Spätestens seit Axel Honneths kleiner Studie »Verdinglichung« von 2005 ist das Interesse an dem Verfasser der berühmten Essaysammlung von 1923 wieder erwacht. Dass die Aneignung aus anerkennungstheoretischer Perspektive geschah und an Kritik nicht sparte, war dabei eher unerheblich. Die damit angestoßene Debatte und die zahlreichen Metakritiken waren und sind der Sache förderlich. Dass das Verdinglichungsparadigma erneut Beachtung findet, einen Zugang zu den lebensweltlichen Problemen unserer Tage eröffnet, findet seinen vielleicht offenkundigsten Ausdruck in dem hohen Stellenwert, den es in Hartmut Rosas soziologischem Bestseller »Resonanz« spielt. Es ist wieder bewusst geworden, dass Lukács in den »Unterströmen der dominanten Moderneanalysen« (Rosa) eine wesentliche Rolle spielt. Die Aufgabe der Linken besteht in diesem Kontext darin, zu zeigen, dass eine Verdinglichungskritik, die sich von der Tradition des Marxschen Denkens abkoppelt, ihren Biss, ihre Radikalität und auch ihre theoretische Fundiertheit zu verlieren droht. Lukács ist aktuell, weil er uns klarmacht: Verdinglichung gehört zum Kernbestand, zur – wenn man so will – »Idee des Sozialismus«. Sie ist kein moralisches Sonderproblem – sagen wir es etwas bösartig – für zartbesaitete Romantiker, sondern ein Systemproblem, das Problem ­einer lebensweltlich und ideologisch hochproblematischen Rationalitätsform. Die Pointe der gegenwärtigen Lukács-Renaissance sollte sein: Durch die sorgsame Wiedergewinnung seines Reflexionsniveaus und seiner Programmatik einen Ausgangspunkt finden für die Untersuchung verdinglichter Strukturen unserer heutigen Lebenswelten und unserer Bewusstseinsformen. Was diese Aufgabe betrifft, steht die heutige Linke noch an einem Anfang. Für die Adepten des Postmarxismus sind die großen undogmatischen Marxisten wie Antonio Gramsci, die frühen kritischen Theoretiker und eben Lukács’ Brückenbauer, aber auch Mahner: Ohne ein praxisphilosophisches Fundament bleibt ein politisch-philosophischer Dezisionismus überaus problematisch und kurzatmig. Aktionismus ohne theoretische Basis ist mindestens ebenso fragwürdig wie eine kritisch-hyperkritische Theorie, die praktisch folgenlos bleibt und auf dieser Konsequenz­losigkeit auch noch stolz beharrt wegen des darin angeblich dokumentierten Reflexionsniveaus.

In der Entstehungszeit der Schrift »Geschichte und Klassenbewusstsein« im Jahr 1923 gab es auch die Verbindung zwischen Lukács und der Kritischen Theorie. Das Buch wurde von Adorno, Horkheimer und Bloch als wegweisendes Werk angesehen. Später bezeichnete Lukács das Institut für Sozialforschung als »Grand Hotel Abgrund« und Adorno polemisierte gegen den ungarischen Sowjet-Marxisten. Wie lässt sich das Verhältnis begreifen und was sagt es über die Entwicklungen des Marxismus aus?

Ich habe schon vor Jahren beklagt, dass das Ausbleiben eines seriösen Dialogs zwischen Adorno und Lukács als ein Trauerspiel der linken Intelligenz betrachtet werden muss. Beide blieben dabei unter ihrem Niveau und haben die Chance versäumt, vom anderen durch einen gegenstandsbezogenen Diskurs zu lernen. Natürlich gab es auch sachliche Gründe. Der Dialog blieb nicht zuletzt deswegen aus, weil es einen fundamentalen Dissens gab in der Frage, wie sich der radikale, das Bestehende negierende Intellektuelle zu verstehen habe. Lukács hielt Adorno für einen unpolitischen Philosophen, ja, für ­einen Praxis verhindernden und also nur scheinradikalen Denker, einen Repräsentanten des konformistischen Nonkonformismus. Das ist die Pointe seines berühmt gewordenen Bildes vom Hotel Abgrund, so der Titel eines Textes von 1933, in dem übrigens Repräsentanten der Kritischen Theorie direkt noch gar nicht vorkommen.

Für die Geschichte des Marxismus sind, scheint mir, sowohl der Weg Lukács’ wie der der Kritischen Theorie paradigmatische Lehrstücke: Aus Lukács’ Weg vom kapitalismuskritischen Freigeist zum parteiischen Partisanen, sowie aus der traurigen Geschichte der verheißungsvoll angetretenen, aber verschämten Marxisten Adorno und Horkheimer, die realen Rebellionen nur verständnislos begegnen konnten.

In den zwanziger Jahren scheint Lukács vor allem die Erfahrungen der II. und III. Internationale theoretisch erfassen zu wollen. Sein Lenin-Buch von 1924 stellt eine tiefgreifende Analyse des Leninismus als revolutionäre Theorie dar. Müssen auch Lenin und Luxemburg wieder aus dem Regal geholt werden?

Zu Recht kommen Sie abschließend auf Lenin zu sprechen, begehen wir doch in diesem Jahr den 100. Geburtstag der Oktoberrevolution. An Lenin schieden und scheiden sich die Geister. So sieht etwa Lukács’ ehemalige »Meisterschülerin« Ágnes Heller in Lenin und dem Bolschewismus nur »die Last einer bösen und verführerischen Politik«, während Lukács wie auch Ernst Bloch und heute Slavoj Žižek an der Relevanz Lenins festhalten. Für Lukács war ­Lenin der Intellektuelle, der über Praxis nicht nur theoretisierte, sondern tatsächlich zu Tathandlungen auf dem Felde der revolutionären Realpolitik fähig war. Robert Lanning hat in einer klugen Studie über »Georg Lukács und die Organisierung von Klassenbewusstsein« gezeigt: In den politischen Schriften des Philosophen Lukács finden wir Anregungen zu einer klugen Thematisierung des Spannungsverhältnisses von Spontaneität und Organisation. Dass der junge Lukács dieses Niveau erreicht hat, hängt auch damit zusammen, dass er die Bedeutung von Rosa Luxemburg erkannt und – allerdings nicht kritiklos – gewürdigt hat. Wir tun heute sicher gut daran, mit dem Namen Rosa Luxemburg verbundene Traditionen der Demokratie zusammen mit Lenin zu rezipieren. Denn mit Lukács gilt: Ein ­Sozialismus ohne Demokratie und den Prozess permanenter Demo­kratisierung verdient diesen Namen nicht.

In den gegenwärtigen Debatten über unsere postdemokratischen Zustände sollte man nicht auf das Problembewusstsein verzichten, das der ungarische Philosoph bei der Diskussion der Positionen von Rosa Luxemburg und Lenin erreicht hat. Dass man über das vor beinahe 100 Jahren erreichte Niveau hinausgehen muss, ist unstrittig. Aber man sollte sich davor hüten, es zu unterbieten.

Vom 27. bis 29. April findet in Budapest die internationale Konferenz »The Legacy of Georg Lukács« statt.

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