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Felix Henne: Ein Besuch bei einem Selbstverteidigungskurs für Senioren in Berlin
Jungle World Nr. 9, 2. März 2017sport

Alt und schwach – falsch gedacht!

Seniorinnen und Senioren sind aufgrund eingeschränkter Mobilität und verminderter Feinmotorik oftmals leichte Opfer. Doch es gibt Abhilfe: Selbstverteidigungskurse.

von Felix Henne

Es ist ein regnerischer Freitagmorgen im Bezirk Berlin-Köpenick. Die Straßen sind wegen des schlechten Wetters menschenleer. Nur die Tram bahnt sich ihren Weg durch das Regennirwana. In einem kleinen Café sitzt ein Mann Ende 60 und trinkt seinen morgendlichen Tee.

So weit, so alltäglich – bis auf die Geschichte des Teetrinkers, der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Herr G. praktiziert bereits seit seiner Jugend verschiedenste Kampfsport- und Kampfkunstarten. Er nahm an Wettkämpfen in Karate teil und erlernte immer weitere Techniken. Diese komplettierte er schließlich mit Krav Maga – einer Kampfsportart, die heute in vielen Armeen Anwendung findet, unter anderem in Israel. Krav Maga wurde in den dreißiger Jahren in der Slowakei entwickelt und diente den dort lebenden Juden zur Verteidigung gegen antisemitische Übergriffe. Der Name stammt aus dem Hebräischen und bedeutet »Kontaktkampf«.

Indem G. verschiedene Kampfstile kombinierte, entwickelte er schließlich sein eigenes Selbstverteidigungskonzept. Dieses Wissen wollte er weitergeben und absolvierte deshalb verschiedene Ausbildungen, darunter auch eine zum Seniorentrainer. Doch egal ob Seniorinnen und Senioren oder Beamte der Polizei: G. vermittelte jeder Personengruppe die entsprechenden Selbstverteidigungsmethoden.

Das Training mit den älteren Menschen war dennoch eine besondere Herausforderung, denn deren Mobilität ist oft eingeschränkt. Ihm wurde schnell klar, dass es bei der Seniorenselbstverteidigung nicht primär darum geht, reale Übergriffe zu simulieren, sondern diese Altersgruppe zu regelmäßigem Sport zu motivieren. Er sagt: »Es können zwar reale Situationen wie zum Beispiel Angriffe mit Messern, Stöcken oder Schusswaffen simuliert werden, jedoch ist die Realität meist eine andere. Viel wichtiger ist es deshalb, dass ältere Menschen regelmäßig aktiv werden, um dadurch insgesamt fitter zu sein und auf Situationen schneller reagieren zu können.«

Diesem Credo folgt die Gruppe für Seniorenselbstverteidigung des SSC Südwest 1947 e. V. Berlin seit mehr als zehn Jahren. Die fünf Männer im Alter von 65 bis 80 Jahren treffen sich wöchentlich zum gemeinsamen Training. Der 77jährige Kursleiter, Herr Wang, ist ebenfalls seit seiner Kindheit vom Kampfsport begeistert. Sein Vater war ein passionierter Kung-Fu-Kämpfer, der an vielen Wettkämpfen teilnahm und sein Wissen an den Sohn weitergab. Deshalb schlug Wang auch den Weg des Kung-Fu ein und trainiert bis heute fast täglich. Aber auch die anderen Teilnehmer der Gruppe besitzen langjähre Erfahrungen in Kung-Fu, Judo oder Jiu-Jitsu. Alle sind ehema­lige Kampfsportler, die den Schwarzgurt in ihrer Disziplin besitzen. Da sich jeder von ihnen neben dem Selbstverteidigungstraining fit hält, werden im Training ausschließlich reale Situationen simuliert. Neben dem Faustkampf kommen dabei auch Waffen wie das Messer zum Einsatz.

Einer der Teilnehmer erzählt: »­Eines Tages stand ich an der S-Bahnstation und wurde von zwei betrun­kenen Jugendlichen attackiert. Ich hatte zwar kein Problem, mich zu verteidigen, jedoch wollten die beiden nicht von mir ablassen. Sie folgten mir in die S-Bahn und suchten weiterhin Streit.« Er fügt hinzu: »Letztlich war es nicht ich, sondern eine alte Dame, die die beiden zur Flucht zwang. Sie brüllte beide lauthals vor allen Leuten an, so dass sie schließlich an der nächsten Haltestelle ausstiegen. Das hat mir gezeigt, dass Selbstverteidigung viel mehr als körperliche Abwehr ist.«

Nach mehr als einer Stunde verschiedenster Hebel- und Tritttechniken stellen sich die fünf Männer im Kreis auf und verbeugen sich respektvoll voreinander. Doch das eigent­liche Highlight der Trainingseinheit folgt erst noch: der wöchentliche Besuch beim Italiener.

Im Regelfall besitzen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Selbstverteidigungskursen jedoch keine Vorkenntnisse. So auch beim »baKum – Institut für Selbstverteidigung« in Berlin-Schöneberg, das 1995 gegründet wurde und verschiedene Kurse und Seminare zur Gewaltprävention anbietet. Der 53jährige Leiter und Gründer des »baKum«, Uto Kumpe, studierte Pädagogik und Philosophie und praktiziert ebenfalls seit seiner Kindheit diverse Kampfsportarten. Nach seinem Studium arbeitete er als Pädagoge im Gefängnis und lernte sowohl die Täter als auch die Opfer von Gewaltverbrechen kennen. Er erarbeitete gemeinsam mit den Opfern verschie­dene Selbstverteidigungsstrategien, die er schließlich an den Tätern ausprobierte. Dabei waren besonders präventive Maßnahmen von Interesse. Kumpe zufolge können viele Situationen entschärft werden, bevor es zur Gewalt kommt.

Das Verhalten von Opfern gegenüber den Tätern ist dabei entscheidend. Täter suchen gezielt nach Opfertypen und nicht nach ebenbür­tigen Gegnern. Deshalb sollte alles getan werden, um den Täter nicht zu provozieren, sondern die Situation zu entschärfen. Ein selbstsicheres Auftreten ist dabei von Vorteil. Kumpe sagt darüber: »Viele Opfer haben zu viel Mitgefühl und zu wenig Kampfgeist. Es geht explizit darum, den Kampfgeist zu stärken.« Daher auch der Name »baKum« – die Abkürzung steht für: bei allem Kampfgeist und Mitgefühl.

Ein weiteres zentrales Thema der Selbstverteidigung ist die Angst der Betroffenen. Fast alle Opfer verfallen in gefährlichen Situationen in eine Schockstarre. G. zufolge stockt vielen anfangs der Atem, so dass der Körper keine Energie bereitstellen kann und ein Handeln unmöglich wird. »Das Wichtigste bei der Selbstverteidigung ist die Schnelligkeit. Und damit meine ich die Schnelligkeit im Kopf«, sagt er. »Der Angegriffene muss jederzeit in der Lage sein, schneller zu agieren als der Täter. Dafür ist unsere Atmung zentral und regelmäßige sportliche Aktivität schult diese.« Beim baKum werden neben den präventiven Maßnahmen auch reale ­Situationen trainiert, um der Angst im Ernstfall entgegenzuwirken. Auf den T-Shirts der Teilnehmerinnen und Teilnehmern steht deshalb der Satz: »Angst fängt im Kopf an – Mut auch.«

Beim Training mit Seniorinnen und Senioren ist außerdem deren Lebenssituation zu berücksichtigen. G. zufolge empfinden viele ihre Rente als Dauerurlaub, was dazu führte, dass sie geistig noch weniger auf Übergriffe vorbereitet sind als ihre aktiveren Mitbürger. Die Rente führte oftmals zu körperlicher Inaktivität, viele kämen nicht mehr aus den eigenen vier Wänden heraus. Dieser sogenannten Altersdummheit müsse, so G., mit regelmäßiger körperlicher Aktivität entgegengewirkt werden. Seniorinnen und Senioren schauen außerdem vermehrt Fernsehen, was aber nicht negativ sein muss. Sendungen, die in Zusammenarbeit mit der Polizei produziert werden, erläutern die Vorgehensweise von Tätern und tragen damit zur Prävention von Gewalttaten bei. Somit kann man auch auf der Couch etwas über Prävention lernen.

G., Wang oder Kumpe sind sich in einem Punkt einig: Das Selbstverteidigungstraining muss Freude bereiten. Deshalb beginnen die Trainingseinheiten Kumpes immer mit Lockerungsübungen, kurzer Medi­tation und spielerischen Partnerübungen. Der Spaß ist den Teilnehmerinnen und Teilnehmern deutlich an ihren Gesichtern abzulesen.

G. beginnt seine Trainingseinheiten gerne mit Ballsportarten, um die Gruppendynamik zu stärken und die Stimmung zu lockern. Selbstvertei­digung für Seniorinnen und Senioren ist eben alles andere als langweilig und unspektakulär, sondern stärkt das Selbstbewusstsein und hält jung und dynamisch.

Adressen:

baKum – Institut für Selbstverteidigung

www.bakum-sv.de

SSC Südwest 1947 e. V. Berlin

www.sscsuedwest.de

Landessportbund Berlin

www.lsb-berlin.net

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