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Felix Riedel: Total crazy? Warum eine Pathologisierung Donald Trumps nicht weiterhilft
Jungle World Nr. 9, 2. März 2017wissenschaft

Im Trump-Sumpf

Welche Bedeutung hat die Individualpsychologie für die Politik? Zum Problem der Pathologisierung des US-Präsidenten.

von Felix Riedel

In einem öffentlichen Manifest sprach sich die US-amerikanische Gruppe »Citizen Therapists« im Sommer vorigen Jahres gegen den »Trumpismus« aus. Dabei brachen sie jedoch nicht die Goldwater-Regel, die es in den USA Psychotherapeuten verbietet, eine ferndiagnostische Meinung zu öffentlichen Personen abzugeben. Das taten dagegen die Psychotherapeuten John D. Gartner und Julie Futrell, die Donald Trump öffentlich »malignen Narzissmus« attestierten. In Zeitungen wurden daraufhin die neun Merkmale der narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) auf Trump angewandt – mit wenig überraschendem Befund. Dagegen wandte sich ver­gangene Woche Allen J. Frances, der die vierte Revision des Diagnostischen und Statistischen Handbuchs Psychischer Störungen (DSM-IV) leitete und die derzeit gültige, fünfte Revision wegen deren erheblicher Ausweitung der Kriterien kritisierte. Trump sei Narzisst, aber er habe keine NPS. Es sei verwerflich, leidende Patienten mit ihm in einen Topf zu werfen. Frances fordert, Trump politisch, nicht psychologisch zu begegnen.

Das wirft die alte Frage auf, welche Bedeutung die Individualpsychologie für die Politik hat, wenn der Wahn vergesellschaftet auftritt. Die Gegner Trumps haben mit ihren falschen Einschätzungen ebenso Realitätsverlust bewiesen, wie sie ihm das vorwerfen. Seit 1999 hatte Trump mit mehreren Parteieintritten und angefälschten Kandidaturen die Stimmung getestet, seine Chancen ausgelotet und diese richtig eingeschätzt. Ab 2011 wurde er als aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat gehandelt. Hinlänglich widerlegt ist der Mythos, Trump sei ein Wendehals, den die Realpolitik schon zurechtschleifen werde. Seine Meinungsschwankungen über Homosexualität und Abtreibung entstanden nicht aus Offenheit, sondern aus Opportunismus. Trumps ideologischer Kern hingegen ist ein starrer, nicht erst in Anpassung an die Tea Party erworbener Rassismus: »Wissen Sie, ich bin stolz auf mein deutsches Blut, keine Frage. Großartiger Stoff.« Im Prahlen mit den »guten, sehr guten Genen« seines Vaters naturalisiert der Mega-Bourgeois seinen Reichtum (und die Armut der anderen). Um aufkeimende Selbstzweifel zu dämpfen, wiederholt er permanent sein Eigenlob: »Ich bin ein kluger Mensch.« Oder: »Ich wurde mit einem gewissen Intellekt geboren.«

Mit solchen magisch-neurotischen Beschwörungen arbeitet Trump systematisch. Dauernd wiederholt er etwas, versichert, etwas wirklich selbst gesagt und getan zu haben. Das sind Schwundstufen von Propaganda, mit denen er zuallererst seinen eigenen Minderwertigkeitskomplex stillen muss. Die gleiche Technik empfehlen Managerseminare, Exzellenzcluster und Bewerbungstrainings. Vor dem Spiegel soll man sich anbrüllen: »Ich bin gut, ich schaffe das, ich bin er­folgreich!« Um die aktivistische Manie dann gegen den unweigerlichen Sturz in die Depression zu verwahren, bedarf es manichäischer Verteufelung der Gegner. Bei Trump ist alles ent­weder gut, wunderbar, großartig oder schlecht, traurig, beklagenswert, desaströs, katastrophal. Seine Freunde sind nützlich, fähig, loyal – seine ­Feinde Verräter, Schwächlinge und Vergewaltiger.

Die Zurichtung des Gegners, die Denarzissierung, ist pathologisch. Im Wahlkampf wurde aus seiner Parole gegen Hillary Clinton, »Lock her up!«, bei seinen Anhängern sehr rasch »Kill the bitch!« und folgerichtig »Kill the witch!« Die »Crooked Hillary« getaufte Hexe locke Soldaten nach Libyen, um sie dort Terroristen auszuliefern, sie fange kleine Kinder in einer Pizzeria, um sie an Pädophile zu verkaufen. Der beneideten phallischen Mutter steht ein impotenter Konkurrent bei: Barack Obama. Über ihn lästert Trump, er habe »noch nie jemanden gefeuert«. Trumps Punchline als Star und Eigner der Show »The Apprentice« war: »Du bist gefeuert!« Sadismus und Macht­ausübung sind für ihn verschmolzen.

Daher war auch Trumps Slogan »Make America great again« regelrecht demütigend: Amerika ist demnach schwach, Trumps Bestseller-Titel lautet sogar »Crippled America«. Was er von »Krüppeln« hält, zeigte er im Wahlkampf, als er spastische Bewegungen nachäffte. Er selbst ist es, der die USA, das begehrte Objekt, verstümmelt, etwa mit frei erfundenen Kriminalitäts­statistiken. Die Aufwertung kann dann nur er, der Übermenschen, für den er sich selbst hält, bewerkstelligen.

Trumps Makel ließen ihn seinen Anhängern nur liebenswerter, menschlicher erscheinen. Der Hass auf die Doppelmoral der Heuchler bleibt größer als die Furcht vor der Amoral der durchschauten Lügner. Als Trump im September vorigen Jahres von der Birther-Verschwörungstheorie über Obama – die behauptet, dieser sei nicht in den USA geboren – Abstand nahm, bediente er sich einer weiteren Lüge und behauptete, Hillary Clinton habe im Zuge ihrer Vorwahlkampagne 2008 den Mythos in die Welt gesetzt. Er selbst habe dazu beigetragen, das Ganze zu »beenden«.

Die Pathologisierung Trumps kann auf überreiches Material zurückgreifen. Sie ist dort angemessen, wo tatsächlich seine Mythomanie und seine Bereitschaft, an die eigenen Lügen zu glauben, zu gefährlichen politischen Konsequenzen führen könnten. Seine Präsidentschaft wird die global sträflich verharmloste Gefahr der Nuklear­arsenale dauerhaft ins Bewusstsein ­rufen. Ein pakistanischer Minister hatte bereits einer gefälschten Nachricht über einen bevorstehenden israelischen Atomschlag Glauben geschenkt und entsprechende Warnungen ausgesprochen.

Und trotzdem erscheint Trump noch als vergleichsweise glimpfliche Charaktermaske angesichts dessen, was sich weltweit ohne psychiatrische Diagnose etablierte. Weil Trump keine Flüchtlinge von den australischen Manus-Inseln aufnehmen wollte, mokierte sich ein Großteil der Presse über ihn, nicht aber über den australischen Premierminister Malcolm Turnbull, der Asylsuchenden den Wasserweg nach Australien versperren will. Berlusconi, Orbán, Seehofer – sie sind sicher weniger krank, aber politisch kaum von Trump zu unterscheiden. Gegen die neoliberale Lüge, dass aus globalisierter Konkurrenz und Deregulierung automatisch Fortschritt entstehe, nimmt der Rechtspopulismus die Konkurrenz­ängste in den Dienst, ohne auf die Deregulierung seiner Rackets zu verzichten. Anstelle der globalen Organisation tritt die nationale Einbettung ins Kollektiv, bei härterer Arbeit und weniger Rechten. Der auf mittlere Sicht ruinöse Protektionismus soll durch das ­Versprechen gerettet werden, die noch Schwächeren stärker auszubeuten, mit dem »Big Stick« bessere »Deals« mit der gepiesackten Peripherie zu machen. Die neue »Nationalisierung« der Wirtschaft ist nichts anderes als eine Reihe von Wetten des Stärkeren, deren Kosten andere zahlen sollen.

Weil sich nicht alles als Schuldlast verschieben lässt, suchen die Konservativen ihre Opfer dort, wo es am meisten zu holen gibt: bei der Natur, bei den Arbeitern, bei den Indigenen. Nicht zufällig ist Trumps Vorbild der siebte Präsident der USA, Andrew Jackson, ein Sklavenhalter und Indianerhasser, der den Indian Removal Act von 1830 unterschrieb. Trump sah in der Genehmigung der Dakota-Access-Pipeline auch eine Gelegenheit, den Sioux heimzuzahlen, dass sie an die ursprüngliche Akkumulation erinnern, während Trump an »Gewinnergene« glauben will.

Zu den Schwächen vieler Linker gehört, zivilisatorische Errungenschaften für gesichert zu halten und sie im Modus der Dialektik der Aufklärung dann selbst als Aberglaube abzuschaffen. Analog zur Propaganda für die medieninkompetenten Unterschichten (fake news) höhlten antizionistische Akademiker Wahrheitsansprüche aus zu etwas, das man als fake science ­bezeichnen kann. Judith Butler war lange vor Trump mit ihrem Querfrontprojekt eines Bündnisses aus Linken, Hamas und Hizbollah erfolgreich, andere setzten ihre Arbeit fort. Die US-amerikanische National Women’s Studies Organization lief Ende 2015 mit fast 90prozentiger Zustimmung zum BDS über. Und gegen Trump demons­trierte man mit Hijabs und Antisemitinnen. Nur wegen der Verachtung der Linken für klassische und gegenwärtige Probleme der Aufklärung insbesondere in der islamischen Welt konnte die rechte Propaganda die Themen vereinnahmen, mit denen sie ihre Presse ernährt.

Die »antizivilisatorische Ranküne« des Trump-Rackets (Lars Rensmann in Jungle World 48/2016) wird gesteigert durch die Leere, die in der konservativen ebenso wie der neoliberalen und der linken Ideologie entsteht: Wenn die eigene Strategie nicht überzeugt, wird erst recht pathisch projiziert. Solche allseitig sich verstärkende und dialektisch vermittelte Symptomatik stellt auch die normativen Modelle von Gesundheit und Krankheit in Frage, auf deren Grundlage über Trump entschieden werden soll. Die Offensichtlichkeit von Trumps Obsessionen lädt jedenfallls dazu ein, in unzähligen Memes und aufgeregten Kommentaren eigene Obsessionen auf Trump zu projizieren.

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