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Erol Breitenbach: Skat ist das einzig wahre Kartenspiel
Jungle World Nr. 9, 2. März 2017disko

Bauern triumphieren über Feudalherren

Wer Poker für das Größte hält, legitimiert die kalte Perfidie des Marktes. Skat bleibt das einzig wahre Kartenspiel, das soziale Gerechtigkeit und Fortschritt verkörpert.

von Erol Breitenbach

Wann immer sich in Kneipen, Altersheimen und WG-Küchen drei Individuen zusammensetzen, um entschlossen die Karten für einen Grand, ein Herzspiel oder eine Null Ouvert auf den Tisch zu donnern, klirren in den Salons der Reaktion die Kronleuchter vor Erschütterung. Skat, jenes vermeintlich deutscheste aller deutschen Spiele, versprüht 200 Jahre nach seiner Erfindung eine progressive Aura, die in einer dialektischen Wende Auswege aus der hegemonialen Struktur der Marktgesellschaft weist.

Ideologiekritische Strömungen setzten nach der germanischen Selbstdelegitimierung des 20. Jahrhunderts zu Recht auf den heilenden Einfluss der fortschrittsfreundlichen angloamerikanischen Kultur. Elvis Presley statt Hans Albers, Burger statt Bouletten, Walt Disney statt Alfred Hugenberg. Die Verdrängung von Rommé, Canasta und eben Skat durch diverse Varianten von Poker schien in den vergangenen Jahren der letzte Baustein auf dem Weg zur Entbarbarisierung der deutschen Herrschaftszone zu sein. War es nicht auch der Nazikollaborateur und Präsident der Reichsmusikkammer Richard Strauss, der 1924 eine Skatpartie vertonte und in seiner Oper »Intermezzo« dem Spiel unheilvolle Würde verlieh? Doch die Hoffnungen auf eine zivilisatorische Erneuerung durch die Aneignung des Pokerns entpuppten sich als Chimäre. Eingestehen mussten jene naiven Geister, dass das Spiel – egal ob in den Varianten Texas Hold’em, Stud oder Draw – weniger die meritokratischen Versprechen des bürgerlichen Kapitalismus und seiner transparenten Regeln repräsentiert, sondern die perfiden ungeschriebenen Gesetze der Bourgeoisie, die den Habitus und die Gerissenheit der Privilegierten im Zweifel der Regeltreue seiner treudoofen Untertanen vorzieht.

Denn der Bluff, mit dem erfahrene Pokerspieler das Kartenglück des aufstrebenden Neulings brutal in die Schranken weist, spielt im Skat keine Rolle. Ebenso wenig das subtil-osten­tative Gehabe, mit dem sich sonnenbebrillte Gesichtsnullen bei Texas-Hold’em-Turnieren in den Marriott-Hotels dieser Welt hinter ihren Chips verstecken. Vielmehr besticht das kon­spirative Dreipersonenspiel durch seine Geschwindigkeit, mit der es die Verhältnisse jeder Runde über den Haufen werfen kann. Stets werden die Karten neu gemischt und bieten zurückliegenden Mitspielern zumindest theoretisch die Chance, durch zwei oder drei gute Hände den scheinbar uneinholbaren Rückstand wieder auszugleichen. Schon am Anfang des 19. Jahrhunderts konnten sich so protosozialistische ­Gerechtigkeitsideen in den Skatregeln manifestieren.

Auch die Symbolkraft der Kartenhierarchie offenbart revolutionäres Poten­tial. Während vier Könige beim Poker die gleiche Anzahl von Königinnen oder Buben überbieten, arbeitet Skat mit beinahe umgekehrten Vorzeichen. Beim Grand und bei Farbenspielen sind die Buben (nicht umsonst auch Bauern oder Unter genannt) die Trümpfe. Auch ein auf den ersten Blick mick­riger Karobube kann jederzeit höher stehende Monarchen wie den Kreuzkönig und die Pikdame ausstechen. Der Krieg gegen die Paläste ist im Skat ein permanenter. Radikaler ist nur das Null: Bei diesem Sondermodus gibt es keine Trümpfe und es geht darum, eben keinen Stich zu bekommen. Hier sind Könige, Damen und Asse kein Vorteil, sondern ein Weg in den Untergang. Kein anderes Kartenspiel entlarvt die Verkommenheit des Feudalismus eindringlicher.

Auch auf anderen Ebenen präsentiert sich Skat zukunftsweisend. Mit nur 32 Karten ist es deutlich ressourcensparender als das Pokern, das neben einer größeren Kartenzahl die Produktion vieler farbiger Plastikchips verlangt. Sein Herkunftsort, das thüringische Altenburg, erweist sich zugegebenermaßen nicht als Hort der Emanzipation, aber trotz seiner überschaubaren Einwohnerzahl brachte die Stadt achtbare Töchter und Söhne hervor, wie etwa Lieselott Herforth, die erste Rektorin an einer deutschen Universität, und den durchaus passablen Schriftsteller Ingo Schulze. Zudem begastete Altenburg weniger Reichsparteitage als Nürnberg.

Gewiss ließe sich einwenden, dass Skat durch sein komplexes Regelwerk über eine steile Lernkurve verfügt und wenig freundlich für Neueinsteiger ist. Doch wer der Auffassung ist, dass sich der gesellschaftliche Fortschritt mit wenigen einfachen Regeln erreichen lässt, hat die reaktionären Kontinui­täten seines eigenen Denkens noch nicht hinreichend reflektiert. Was tun? Reizen lernen!

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