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Marcus Latton: im Gespräch mit Roel Abraham über Antisemitismus und »Israelkritik« im niederländischen Wahlkampf
Jungle World Nr. 10, 9. März 2017thema

»Viele Juden haben Angst«

Das Centrum Informatie en Documentatie Israël (CIDI) in Amsterdam setzt sich gegen Antisemitismus ein und will die Beziehungen zwischen Israel und den Niederlanden verbessern. Im Interview spricht CIDI-Mitarbeiter Roel Abraham über Judenhass in der niederländischen Gesellschaft und die Instrumentalisierung Israels im Wahlkampf.

Interview: Marcus Latton

Herr Abraham, haben die Niederlande ein Problem mit Antisemitismus?

Das ist eine schwierige Frage. Wir hatten noch keine großen Anschläge wie zum Beispiel in Frankreich. Dennoch spürt die jüdische Gemeinschaft eine wachsende Bedrohung. In bestimmten Vierteln in Amsterdam und Den Haag kann man kaum noch erkennbar als Jude auf die Straße gehen. Unsere Regierung schützt alle jüdischen Institutionen im Land mit Hilfe von Polizei und Militärpolizei, Straßensperren und Panzerglas.

Wie haben sich das Leben und das Sicherheitsempfinden von Juden in den vergangenen Jahren verändert?

Roel Abraham
Roel Abraham

Viele Juden haben Angst. Es beunruhigt uns, die bewaffneten Soldaten zu sehen, die uns schützen, wenn wir zum Gottesdienst gehen. In den vergangenen Jahren wurden diese Maßnahmen immer häufiger ergriffen.

Es gab in den vergangenen Jahren Berichte darüber, dass manche Schulen nicht mehr über den Holocaust unterrichten, weil Schüler aus muslimischen Familien dagegen protestierten. Gibt es viele Fälle ­dieser Art?

Das stimmt. Vor allem in den westlichen Provinzen unseres Landes und in den Vierteln, wo viele muslimische Einwohner leben, gibt es diese Probleme. Dass jüdische Wochenmagazin ­Nieuw Israelietisch Weekblad berichtete, dass 20 Prozent der Lehrer Schwierigkeiten haben, wenn sie über die Shoah unterrichten. Der Tageszeitung NRC Handelsblad zufolge sind es »nur« zehn Prozent. Im Moment beschäftigen wir uns im CIDI mit dieser Frage, wie man Shoah-Unterricht an Schulen verbessern kann.

In vielen europäischen Ländern beklagen jüdische NGOs, dass der ­Antisemitismus nicht nur von Neonazis oder einheimischen Rechts­extremen ausgeht, sondern von Migranten aus islamisch geprägten Ländern. Beobachten Sie das auch in den Niederlanden?

Die rechtsextremen Gruppen sind in den Niederlanden nur eine marginale Erscheinung, von diesen Leuten haben wir nicht viel zu befürchten. 2014 gab es eine große Umfrage unter Jugendlichen, wonach 20 Prozent der muslimischen Jugend Verständnis für antisemitischen Äußerungen zeigten und zwölf Prozent für Gewalt gegen Juden. Die meisten antisemitischen Äußerungen kommen jedoch von einheimischen Holländern.

Verzeichnet Ihre Organisation einen Anstieg von antisemitischen Straftaten?

Ich bin derzeit mit unserem Jahresabschlussbericht »Monitor 2016« beschäftigt und habe noch nicht alle Daten der 28 Antirassismus-Büros der Niederlande. Dennoch glaube ich, dass die Zahlen seit zwei Jahren stabil sind. Es handelt sich um Meldungen zu knapp 130 verschiedenen Vorfällen pro Jahr. 2014, im Jahr des Gaza-Kriegs, waren es 171.

Stellen Sie eine Zunahme von antisemitischen Drohungen und Äußerungen fest, die sich als Israelkritik ausgeben?

Ja. Bei vielen Kundgebungen werden hässliche Beschimpfungen gegen »­Zionisten« skandiert. Aber was meint man mit »Zionist«? Darüber kann man sich streiten. Fakt ist, dass Juden sich dadurch verunsichert und bedroht fühlen.

Es scheint derzeit vor allem zwei Parteien zu geben, die Israel für den Wahlkampf instrumentalisieren: die rechtspopulistische Partij voor de Vrijheid von Geert Wilders und die Migrantenpartei Denk. Welche Strategien werden von diesen Parteien jeweils benutzt?

Denk zielt auf die Stimmen der muslimischen Bevölkerung. Tunahan Kuzu, der Parteiführer, verweigerte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu den Handschlag, als dieser zu Besuch in Den Haag war. Das kam bei den Mitgliedern der Partei gut an. Was die an­dere Seite betrifft, verbrachte Geert Wilders schon als Jugendlicher Zeit in einem Kibbutz. Er liebt Israel sehr und hofft darauf, dass die jüdische Bevölkerung ihn wählen wird.

Wie reagiert die jüdische Gemeinde im Allgemeinen auf die Verein­nahmungsversuche durch Geert Wilders?

Wilders möchte das rituelle Schächten verbieten. Damit hat er sich von einem Teil der Juden wieder entfernt, da dies auch sie betreffen würde. Doch vor allem linke Juden, und von denen gibt es viele, halten nichts von ihm und seiner Partei. Nur eine kleine Minderheit ist empfänglich für seine proisraelischen Aussagen.

Mit Denk hat sich eine neue Partei gegründet, die Minderheiten und Migranten eine Stimme geben will. Gleichzeitig setzt sie sich für eine dezidiert antiisraelische Außenpolitik ein. Wie gehen Sie mit dieser neuen Bewegung um?

Selbstverständlich beobachten wir Denk und ihre Äußerungen genau. Die Partei passt gewissermaßen in unsere Demokratie, da sie für die Emanzipation von Minderheiten kämpfen will. In ihrem Wahlprogramm wird Israel nur einmal kurz erwähnt: Sie wollen Palästina als Staat anerkennen, einen Boykott von Produkten aus »illegalen israelischen Siedlungen« erreichen und die Niederlande dazu bringen, bestimmte Investitionen in Israel zurückzuziehen.

Welche Rolle spielt Israel überhaupt für die Wähler?

Für die meisten Niederländer ist das kein großes Thema. Wichtiger sind ­ihnen die Wirtschaft, die EU und die steigende Zahl von Flüchtlingen und Migranten.

Wie erfolgreich sind Boykottkampagnen gegen Israel, wie etwa das internationale Netzwerk »Boycott, Divestment, Sanctions« (BDS) in den Niederlanden?

BDS ist bei uns nur eine marginale Gruppe. Aber sie lässt viel von sich ­hören, zum Beispiel bei kleinen Kundgebungen vor Einkaufszentren.

Aus Frankreich wandern aufgrund des angespannten gesellschaftlichen Klimas jedes Jahr viele Juden aus – nach Israel oder in andere Länder. Passiert das auch in den Niederlanden?

Nein, die Lage ist nicht zu vergleichen. Die Gewalttaten gegen Juden sind in Frankreich viel extremer als bei uns. Vergangenes Jahr wanderten Tausende französische Juden aus, das sind bei uns nur ein paar Dutzend, vor allem Rentner. In Gesprächen ist es hier oft ein Thema. Aber den großen Schritt machen und wirklich gehen, das ist eine ganz andere Sache.

Wie müssten der niederländische Staat und die Gesellschaft reagieren, um Antisemitismus wirksam zu ­bekämpfen?

Der Staat schützt uns mit Polizei und Soldaten. Besser wäre es, wenn er sich mehr Mühe geben würde, um im Schulunterricht für mehr Verständigung zwischen den verschiedenen gesellschaft­lichen Gruppen zu sorgen. Die Gesellschaft hat kaum eine Ahnung, mit welchen Angstgefühlen die jüdische Gemeinde konfrontiert ist. Wir selbst versuchen durch verschiedene Initiativen, das Verhältnis zu unseren muslimischen Mitbürgern zu verbessern. Zusammen kämpfen wir gegen Rassismus und Vorurteile und lernen uns dadurch kennen. Es gibt zum Beispiel im Moment den Plan, zusammen mit einer Moscheegemeinde in Amsterdam ein neues Ritualbad zu errichten. Mikwe und Hamam unter einem Dach! Ebenso besuchen sich Jugendgruppen gegenseitig in ihren Gotteshäusern, wodurch viele Begegnungen und Freundschaften entstehen. CIDI beschäftigt sich zwar viel mit Israel, aber auch mit den Palästinensern. Wir hoffen auf eine Zwei-Staaten-Lösung. Völkerfreundschaft und Verständigung halten wir für sehr wichtig, und dafür kämpfen wir.

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