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René Loch: Der Vorsitzende der Leipziger Schüler¬union fordert die Abschiebung eines Mitschülers
Jungle World Nr. 10, 9. März 2017inland

»Wo kommen wir denn da hin?«

Einem 18jährigen Leipziger droht die Abschiebung in den Kosovo. Während sich ein Großteil seiner Mitschüler solidarisch zeigte, kannte ein junger CDU-Politiker keine Gnade – und erntete dafür einen Shitstorm.

von René Loch

Christoph war schon immer sehr rational. Natürlich gab es Phasen in seinem Leben, in denen er darüber nachdachte, ob es denn wirklich gerecht zugeht in dieser Welt. Doch diese Sorgen hat er weit hinter sich gelassen. Nun ist Christoph 17 Jahre alt, Vorsitzender der CDU-nahen Schülerunion in Leipzig und fordert öffentlich die Abschiebung eines Mitschülers in den Kosovo.

Weil diese Forderung hohe Wellen schlug, durfte sich der Leipziger sogar über ein Interview in der FAZ freuen, in dem er sich als kluger, seinen naiven Mitschülern überlegener Denker präsentierte. Der verantwortliche Redakteur fand offenbar Gefallen daran und lobte Christophs Sichtweise auf den Rechtsstaat als »nachvollziehbar und völlig korrekt«. Viele andere jedoch wunderten sich über die Obrigkeitshörigkeit eines 17jährigen.

Anlass für die Wortmeldung des jungen Christdemokraten war eine Mitte Februar im Internet veröffentlichte Petition mit dem Titel: »Luan soll bleiben!« Kurz vor den Winterferien hatten die Gymnasiasten der Max-Klinger-Schule in Leipzig erfahren, dass ihr 18jähriger Mitschüler Luan innerhalb von zwei Wochen ausreisen soll. Das hatte ihm die Ausländerbehörde der Stadt mitgeteilt. Würde er dieser Forderung nicht nachkommen, drohten ihm Festnahme und Abschiebung. Sein Asylantrag war zuvor abgelehnt worden.

Die Schüler der Klasse 9b, zu der auch Luan gehört, reagierten schnell: Sie initiierten die mittlerweile von mehr als 6 000 Personen unterzeichnete Petition und verfassten einen Brief an die Ausländerbehörde. Darin argumentierten sie, der Kosovare sei mittlerweile fest ins Klassenkollektiv eingebunden und nicht mehr weg­zudenken. Zudem sei er liebevoll, ehrgeizig und selbstlos: »Er hilft, obwohl er die Hilfe viel dringender und besser gebrauchen könnte.« Mehrere Lokalmedien berichteten über den Fall, wodurch dieser sogar auf der von knapp 1,5 Millionen Menschen abonnierten Facebook-Seite von Til Schweiger landete – verbunden mit der Aufforderung zu helfen und einem Herzchen. Auch weniger prominente Menschen sahen sich nun dazu veranlasst, sich zu äußern. So zum Beispiel Christoph von der Schülerunion. Gemeinsam mit einem etwas älteren Parteikollegen veröffentlichte der 17jährige eine Pressemitteilung. Darin wies Christoph die Unterstützer der Petition darauf hin, dass der Beschluss der Abschiebung rechtsgültig und zu akzeptieren sei. Dass Luan regelmäßig zur Schule gehe und dort Freunde sowie gute Noten habe, genüge nicht, um geltendes Asylrecht zu brechen: »Wo kommen wir denn da hin?« Nachdem sich Christophs »rationale« Argumente auf Twitter und Facebook verbreitet hatten, dauerte es nicht lange bis zu den ersten deutlich formulierten Antworten: Manche User gestalteten Memes mit Fotos des Schülers. Neben Unverständnis und Wut fanden sich auch Gewaltphantasien und Morddrohungen. Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen und Parteien äußerten sich ebenfalls zu dem Fall. Die Landtagsabgeordnete Juliane Nagel (Linkspartei) etwa sprach von »Unwissenheit und Empathie­losigkeit«. Sie verwies auf einen Paragraphen im Aufenthaltsgesetz und auf die sächsische Härtefallkommission. Beide könnten es ermöglichen, doch noch ein dauerhaftes Bleiberecht zu erwirken.

Vorläufig hat Luan von der öffentlichen Aufmerksamkeit profitiert. Am Tag, an dem die Frist zur Ausreise endete, erhielt er von der Ausländerbehörde eine Duldung für einen Monat. Nun prüft der sächsische Flüchtlingsrat, ob sich die Härtefallkommission mit ihm befassen kann. Sechs der dort vertretenen neun Institutionen müssten sich für ihn aussprechen. Jede weitere Unterschrift unter die Petition könnte den Druck erhöhen.

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