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Theodora Becker: Was sollte das Ziel einer emanzipatorischen feministischen Kritik sein?
Jungle World Nr. 10, 9. März 2017disko

Im schlechten Sinn neutral

An der Debatte über die angemessene Bezeichnung von Opfern ­sexueller Gewalt lässt sich ablesen, was in feministischen Debatten derzeit falsch läuft.

von Theodora Becker

In den vergangenen Wochen wurde in den deutschen Medien erneut eine heftige und teils hasserfüllte Debatte über das Thema Vergewaltigung geführt. Auslöser war ein gemeinsamer Artikel der Kulturwissenschaftlerin Mithu M. Sanyal mit Marie Albrecht in der Taz, in dem die Autorinnen den Vorschlag unterbreiteten, zusätzlich zu den Begriffen »Opfer, Überlebender oder Betroffener« die Formulierung »Erlebende sexueller Gewalt« im öffentlichen Sprechen über Vergewaltigung zu etablieren und den Ausdruck in den Duden aufzunehmen. Der Opferbegriff sei mit Deutungen und Vorstellungen überladen, etwa, dass Opfer vollkommen »wehrlos, passiv und ausgeliefert« seien. Dabei unterscheiden die Autorinnen jedoch nicht zwischen der Situation der Tat und dem späteren Leben des Opfers, weshalb sie meinen, durch den Opferbegriff werde den betroffenen Menschen die Deutungshoheit über ihr Leben genommen. Deshalb sei es sinnvoll, »einen Begriff zur Verfügung (zu) haben, der eine höchstmögliche Wertungsfreiheit gewährleistet«, um der oder dem Betroffenen zu ermöglichen, das Erlebte selbst frei zu definieren: ob es traumatisierend, banal oder schlimm war, ob man »damit leben« kann oder es »überlebt« hat. Damit würden zwei wichtige Verschiebungen vorgenommen: Zum einen werde das Opfer nicht mehr als vollkommen passiv gedacht, »Binaritäten« und »Rollenverteilungen« würden aufgebrochen. Zum anderen finde ein Perspektivenwechsel statt, indem nicht mehr Tat und Täter im Mittelpunkt stünden, sondern »die Wahrnehmung der erlebenden Person«.

Genau diese letzteren Gründe waren es, die die Fraktion der »Radikalfeministinnen« gegen den Vorschlag aufbrachten, namentlich das Blog »Die Störenfriedas« und die Zeitschrift Emma. Anneli Borchert kritisierte auf der Website der Störenfriedas, dass durch diesen Perspektivenwechsel die Tat letztlich am Empfinden des Opfers festgemacht werde: »Und wenn die ›Erlebende‹ die Tat nun doch als ›schlimm‹ empfindet, dann heißt das praktischerweise nicht, dass die Tat schlimm war, sondern nur, dass die ›Erlebende‹ die Tat als schlimm erlebt hat.« Damit werde eine objektive Tat auf das subjektive Empfinden des Opfers reduziert und so unsichtbar gemacht, wenn nicht sogar im schlimmsten Fall das »Erleben« des Opfers zum eigentlichen Problem werde: selbst schuld, dass du es als so schlimm empfunden hast. Zudem werde dadurch die Verantwortung, das Geschehen zu benennen und zu bewerten, allein dem Opfer übertragen, indem beides daran festgemacht werde, ob der oder die Betroffene sich als Opfer fühlt oder nicht – und nicht daran, ob er oder sie objektiv Opfer einer Tat geworden ist: »Zu behaupten, das Opfersein könne man sich aussuchen wie eine Identität, die man auch wieder ablegen könne, schiebt derjenigen, die vergewaltigt worden ist, eine Verantwortlichkeit zu, die sie gar nicht hat.« Letztlich wurde Sanyal also eine Schuldverschiebung vorgeworfen. Dabei ist das Erleben des Opfers auch bei den Radikalfeministinnen über jeden Zweifel erhaben, sofern es sich als Opfer fühlt. Jeder Freispruch in Vergewaltigungsfällen wird als patriarchale Ungerechtigkeit und falsches Signal bewertet, das Frauen von Anzeigen bei sexuellen Übergriffen ­abhalte, was sich etwa beim Kachelmann-Prozess beobachten ließ. Liberale, Queer- und Radikalfeministinnen fanden sich im letzten Jahr auch geschlossen im »#teamginalisa«.

Als wäre diese Debatte nicht schon erbittert genug gewesen, ergoss sich in den sozialen Medien eine Welle von Hass und Diffamierungen über Sanyal, nachdem der Rocker und frühere Polizist Tim Kellner alias Tim K. – dessen Lieblingsthemen auf Facebook (angebliche) sexuelle Gewalttaten von Flüchtlingen (die er stets in Anführungs­zeichen schreibt), Gewaltphantasien gegenüber »Kinderschändern« und Vergewaltigern sowie Klagen über die »Abschaffung« der Deutschen sind – auf seiner Facebook-Seite einen »Brief« an Sanyal veröffentlicht hatte. Die Empörung über die »abgehobene« Wissenschaftlerin, die sich in ihrem Elfenbeinturm die Welt zurechtlüge, war daraufhin groß. Frauen wie Männer wünschten ihr, eine Vergewaltigung zu »erleben«, beschimpften sie und ihre Äußerung als pervers, abartig, widerwärtig und unmenschlich und ließen ihren rassistischen Ressentiments freien Lauf.

Die Auseinandersetzung ist symptomatisch für Debatten über feministische Themen in den letzten Jahren. Zu besichtigen sind ähnliche Dynamiken mit ihrer reflexhaften Lagerbildung (»#teamsanyal«) auch in Diskussionen über Prostitution beziehungsweise Sexarbeit oder zuletzt über die vermeintlichen Widersprüche zwischen antirassistischen und feministischen Anliegen, insbesondere in Bezug auf die Kölner Silvesternacht – inklusive der Hasskommentare von rechts. Die radikalfeministische Seite wirft dabei den liberalen (Queer-)Feministinnen Blindheit für patriarchale Strukturen, Entpolitisierung sowie Verharmlosung und Verleugnung der Realität vor – in letztere Kerbe hauen dann auch die Rechten, ohne das feministische Anliegen der Patriarchatskritik zu teilen. Umgekehrt wird den Radikalfeministinnen Bevormundung aller Frauen, Dogmatismus, Lustfeindlichkeit und in der Konsequenz eine antiemanzipa­torische Haltung vorgeworfen, die Frauen auf bestimmte Lebensentwürfe festlege. Die einen bestehen auf ihrer Opferposition, die anderen betonen ihre Handlungsfähigkeit und Entscheidungsmöglichkeiten. Der »sexpositive« Feminismus läuft dabei Gefahr, das jahrtausendealte Gewaltverhältnis der Geschlechter in allseitiger neoliberaler Freiwilligkeit aufzulösen, während die Radikalfeministinnen es in einem simplen Täter-Opfer-Bild verewigen. Beide Seiten machen es sich relativ einfach, die Argumente der anderen beiseitezuwischen – was fraglos durch die Aggressivität und Emotionalität, mit der die Debatten geführt werden, befeuert wird; jede fühlt sich stets persönlich angegriffen und in ihrer Selbstbestimmung und Definitionsmacht missachtet. Dabei ist der Impuls, kein Opfer sein zu wollen, ebenso nachvollziehbar wie der Wunsch tatsächlicher Opfer nach Rache, von der Genugtuung und Erlösung erhofft wird. Die Identifikation mit dem Opferstatus und der daraus entspringende Hass sind jedoch ebenso gefährlich für die Möglichkeit von Emanzipation und individuellem Glück wie das allzu schnelle Beiseitewischen desselben mitsamt seiner Ursachen, das die Entpolitisierung und Individualisierung eines gesellschaftlichen Problems befördert und Gefahr läuft, sich mit den gegenwärtigen Verhältnissen abzu­finden.

Wenn der radikale Feminismus betont, Vergewaltigung sei stets ein Angriff auf das Leben oder die psychische Integrität des Opfers (was sich unter anderem in der Prägung des problematischen Begriffs »Überlebende« niedergeschlagen hat), scheint er unbewusst ein im 19. Jahrhundert allgemein gewordenes Geschlechterbild fortzuschreiben, das Sanyal in ihrem sehr lesenswerten Buch »Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens« differenziert analysiert hat: dass die Sexualität dasjenige an einer Frau sei, was mit ihrer Identität am engsten verwoben ist, während die männliche Sexualität eher eine Funktion sei, über die der Mann verfügt (und souverän verfügen muss, wenn er ein »echter« Mann sein will). Es wäre aber auch zu einfach, das schlicht als ein obsoletes Vorurteil abzutun, denn diese Vorstellungen prägen weibliche und männliche Selbstverständnisse und Zuschreibungen noch immer. Der Wunsch nach Schändung, Beschämung und Entehrung der »Schlampe«, die durch Verweigerung die individuelle männliche Potenz in Frage stellt, mag auch tatsächlich eine Rolle bei der Motivation zu sexueller Gewalt spielen. Während es einerseits emanzipativ ist, in Frage zu stellen, ob eine Vergewaltigung tatsächlich als eine solche »Beschämung« und »Schändung« empfunden werden muss – was sicher oft Teil der traumatischen Erfahrung ist, die sexuelle Gewalt für viele Frauen bedeutet –, kann es zugleich nicht das Ziel einer emanzipatorischen feministischen Kritik sein, die verdinglichte »männliche« Sexualität als Modell zu nehmen und »weibliche« Passivität zu denunzieren. Ein im schlechten Sinne neutraler Begriff wie »Erleben« vermag die in Vergewaltigungsdebatten mitverhandelte Historizität von Geschlechterrollen und Möglichkeiten ihrer Überwindung sowie die reale Überwältigungserfahrung jedenfalls nicht adäquat zu erfassen.

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