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Sabine Küper-Büsch: die Heroisierung Erdoğans im Film »Reis«
Jungle World Nr. 10, 9. März 2017dschungel

Sultan ohne Fahrrad

Der türkische Regisseur Hüdaverdi Yavuz hat das Leben des jungen Recep Tayyip Erdoğan verfilmt.

von Sabine Küper-Büsch

Der Film »Reis« soll der erste Teil einer großen Erdoğan-Saga sein. Das sieben Millionen Dollar teure Biopic zeigt Szenen aus dem Leben des jungen Recep Tayyip Erdoğan und endet mit der Inhaftierung des Bürgermeisters von Istanbul wegen Volksverhetzung im Jahr 1999. Erdoğan erhielt damals eine Haftstrafe von zehn Monaten und wurde mit lebenslangem Politikverbot belegt. Anlass war eine Rede bei einer Konferenz in der ostanatolischen Stadt Siirt, in der er aus einem religiösen Gedicht zitiert hatte: »Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.«

Wird der erhobene Zeigefinger vielleicht als Erdoğan-Gruß in die Geschichte eingehen?
Wird der erhobene Zeigefinger vielleicht als Erdoğan-Gruß in die Geschichte eingehen? (Foto: AF Media Gmbh )

Sowohl in Istanbul als auch in Ankara bildeten große Einkaufszentren die Kulisse für die Erstaufführungen des Films in der vergangenen Woche. Roter Teppich, Scheinwerferlicht für prominente Gäste – zur Premiere in Istanbul kam sogar der ­Urururenkel des 1908 von den Jungtürken abgesetzten osmanischen Sultans Abdülhamid.

Der Film passt in eine Zeit, in der die Geschichte der Türkei umgeschrieben wird. Der Reis des Films ist eine Lichtgestalt, ein Held, der dafür kämpft, die Verfehlungen der republikanischen Türkei – soziale Ungleichheit und Menschenrechtsverletzungen – zu korrigieren. Das Biopic bedient sich dabei einer schwülstig-pathetischen Erzählform, die seltsam entrückt und aus der Zeit gefallen wirkt.

Auch in Deutschland ist der Film in der vergangenen Woche angelaufen und wird besprochen. Die Übersetzung des türkischen Begriffs »Reis« ins Deutsche wirkt dabei verharmlosend. »Reis« wird als »Chef«, »Oberhaupt«, »Anführer«, »Präsident« übersetzt. »Reis« ist jedoch ein Begriff, der völkisch konnotiert ist. Konservative verwenden ihn auch für das »Familienoberhaupt«, denn nach völkischer Ideologie ist das Volk letztlich eine Familie, deren Haupt der Reis ist. Der Begriff findet bei den Ultranationalisten Verwendung und entstammt einer Fraktion der jüngtürkischen Bewegung, des Komitees für Einheit und Fortschritt. Deren Führungsriege rekrutierte sich aus Generälen des osmanischen Reichs. In allen Übersetzungen werden sie »Führer« genannt. Wenn nun Erdo­ğan zum Reis erklärt wird, heißt das schlicht und einfach der »Führer« – in der ganzen Tragweite der Bedeutung.

Der Film beginnt mit der Nachricht von der Hinrichtung des konservativen Ministerpräsidenten Adnan Menderes 1961. Es ist ein dunkles Kapitel in der türkischen Geschichte. Menderes war nach einer langen Periode der Einparteienherrschaft der erste demokratisch gewählte Ministerpräsident. Nach dem ersten Militärputsch in der Türkei wurde er zum Tode verurteilt. Der kleine Recep Tayyip ist damals sieben Jahre alt. Er lebt in armen Verhältnissen im Istanbuler Viertel Kasımpaşa. 1994 wird Recep Tayyip Erdoğan als Oberbürgermeister von Istanbul dann eine große Straße nach Menderes benennen. Der Film kontrastiert Sequenzen aus der Kindheit des türkischen Führers mit Szenen seiner späteren Karriere als Politiker. Seine Herkunft aus dem »Volk« wird Erdoğan später genauso betonen wie seine angeb­liche Verbundenheit mit den »kleinen Leuten«. Der Verweis auf den vorgeblichen Volkswillen dient ihm dazu, das politische Vorgehen im Kurdenkrieg, Menschenrechtsverletzungen, Massenverhaftungen und Medienzensur zu rechtfertigen. Auch die penetrante Forderung nach der Wiedereinführung der Todesstrafe wird mit dem Wunsch der Mehrheit des Volkes begründet.

In verklärenden Bildern zeigt Regisseur Hüdaverdi Yavuz das einfache, aber redliche Leben der kleinen Leute. Die stets auf die Rührung des Publikums zielende Darstellung des Alltagslebens in Istanbul erinnert an den Roman »Huzur Sokağı« (Straße der Ruhe) von Şule Yüksel Şenler. Das Buch wird in islamischen-konservativen Kreisen etwa so sehr geliebt, wie Orhan Pamuks literarische Spaziergänge von einem intellektu­ellen Publikum geschätzt werden. Während Pamuk melancholisch das Verschwinden des aufgeklärten Bürgertums beschreibt, verherrlicht der Roman von Şule Yüksel Şenler die Tugendhaften und Frommen, deren Gottgefälligkeit jedes Streben nach individuellem Glück fremd ist. Hier gilt der Respekt vor den Älteren als höchste Tugend. Auch der Film ist davon durchdrungen. Unentwegt ist Tayyip der brave Junge, der im Laden des Vaters hilft und im Kino Sonnenblumenkerne verkauft. Die Geschichte vom Jungen aus armen Verhältnissen, der sich sehnlichst ein Fahrrad wünscht, es aber nicht bekommt, weil die Familie das Ersparte an bedürftige Nachbarn gibt, wird ausgewalzt. Die einzige Verfehlung des Führers in seiner Jugend ist die Passion für das Fußballspiel – und das gegen den Willen des Vaters. Da ein Onkel des Jungen manchmal das Spiel unterbricht, damit alle zum Gebet eilen, ist auch der Fußball moralisch legitimiert. Und als der Junge, der für die Aufnahmeprüfung des Predigergymnasium lernen soll, für einen verletzten Freund beim Fußball einspringt, gelingt ihm ein Sensationstor. Auch der Vater wird ihm das Fußballspiel alsbald verzeihen.

Folgsame Kinder und gütige, weise Erwachsene sind Verkörperungen völkischer Tugenden, wie sie im Kino autoritärer Regime stets anzutreffen sind. Die unerträglichen Heimatfilme des europäischen Faschismus und die Verharmlosung der Wirklichkeit in amerikanisierten Produktionen des Postfaschismus haben cineastische Gegenbewegungen wie das Pasolinische Kino hervorgebracht. Die Türkei begeisterte in den vergangenen Jahren mit innovativem Autorenkino. Kurdenkrise, Homosexualität, starke Frauencharaktere, ungewöhnliche Beziehungsdramen, all diese Stoffe haben es schwer, seit der Kulturbetrieb immer deutlicher von Islamisch-Konser­vativen dominiert wird. Sie kontrollieren das Fernsehen und den Rat zur Kontrolle der Medien. Historienschinken über den Sultan Fatih, den Eroberer von Istanbul, werden jetzt mit riesigen Budgets ausgestattet.

Hauptdarsteller von »Reis« ist Reha Beyoğlu, der sich beim Casting gegen 200 Mitbewerber durchsetzen konnte. Nie fällt er aus der Rolle und wirkt stets wie ein Getreuer, dem die schwere Bürde zuteil wurde, dem unerreichbaren Idol, dem Führer, seine bedeutungslose Hülle geliehen zu haben. Auf die Frage, ob der Film denn gar keine Schwächen Erdoğans aufzeige, antwortete er knapp: »Er hat keine Schwächen!« Kritik wird auch in den Medien nicht laut, »Reis« wird entweder gelobt oder totgeschwiegen. Auf Twitter beschweren sich einige Erdoğan-Anhänger und vor allem auch Anhängerinnen, dass der Film über den »Mega-Reis«, den ultimativen Führer, nicht dessen ganze Größe spiegele. Ähnliche Vorwürfe musste sich Can Dündar bei der Premiere seiner Atatürk-Filmbiografie »Mustafa« 2008 anhören. ­Zu viel unwesentliche Menschlichkeit und zu wenig Größe in der Darstellung des Republikgründers wurden dem Film damals von Kritikern attestiert. Dieser Vorwurf wird den Machern von »Reis« sicher nicht gemacht werden. Sie gehören zu den Unantastbaren in der Türkei. Es ist zu befürchten, dass die Saga vollendet wird.

Reis (Türkei 2017). Regie: Hüdaverdi Yavuz. Bereits angelaufen

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