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Elke Wittich: Das Medium
Jungle World Nr. 10, 9. März 2017dschungel

Erinnerung an bessere Zeiten

Das Medium von Elke Wittich

Point-and-Click-Spiele sind naturgemäß nicht das Avancierteste, was es in der Game-Welt gibt. Das liegt an der unvermeidlichen Begrenztheit des Genres, denn es gibt halt wenig zu tun, außer, natürlich, herumzulaufen und mit dem Mauszeiger so lange über den Bildschirm zu fahren, bis man eine Stelle gefunden hat, an der sich etwas Nützliches verbergen könnte. Vasen und Bilderrahmen und Backöfen und Kopfkissen und Stuhlbeine sind erfahrungsgemäß besonders beliebte Verstecke für Schlüssel, Werkzeuge, Puzzleteile, und so ist das auch in »Home Story: 1971«.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Jamie fährt an ihrem Geburtstag nach Hause, um ihre Eltern zu besuchen. Und begibt sich damit auf eine Zeitreise in die siebziger Jahre. Der Empfang ist nicht eben herzlich: Die Mutter hat sich im Schlafzimmer eingeschlossen, der Vater ist ebenfalls zunächst nicht zu sehen, dafür steht ein Kuchen mit einer mäßig herzlichen Notiz auf der Küchenanrichte. Irgendetwas ist passiert, die Eltern sind von Traurigkeit wie gelähmt. Warum, das muss der Spieler herausfinden. In ihrem alten Zimmer, das immer noch so aussieht wie früher, findet Jamie einen Teil eines Fotos. Und macht sich umgehend – wir sind hier schließlich in einem Point-and-Click-Spiel – auf die Suche nach den restlichen Teilen.

Neu an »Home Story: 1971« ist, neben dem Siebziger-Ambiente und getragener Musik, dass das Spiel ein Familiendrama thematisiert. Am Ende wird Jamie das zerrissene Familienfoto zusammensetzen und ihrer Familie eine Erinnerung an glückliche Zeiten zurückgeben. »Home Story: 1971« zeigt, dass es möglich ist, mit begrenzten Mitteln und einer einzigen, innovativen Idee ein eigentlich ausgelutschtes Genre wiederzubeleben. Und nein, es ist kein trauriges Spiel.