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Roland Röder: Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 18:
Jungle World Nr. 11, 16. März 2017inland

PoC, HoC oder CoC?

von Roland Röder

Sind meine Hühner vielleicht »People of Colour«? Also PoC, wie die Apostel des »Kritischen Weißseins« sagen? Als Kleingärtner kommt man auf Gedanken, die anderswo gerne zum Eklat führen. Deshalb bleibe ich lieber in meinem Garten. Da bin ich sicher, er ist mein »Safe Space«. Meine fünf Hühner haben fünf unterschiedliche Farben. Keine Ahnung, ob es fünf unterschiedliche Rassen sind, was mir im Grunde genommen egal ist. Hauptsache, sie legen Eier, fressen Speisereste und halten mir den Garten frei von Unkraut und Schnecken.

Aber darf ich überhaupt Hühner mit Menschen gleichsetzen? Auweia, das ist heißes Pflaster. Da verbrenne ich mir womöglich die Pfoten. Anderseits, wenn ich die Tierrechtler und Veganer richtig verstehe, geht das klar. Tiere sind wie Menschen, da ist kein Unterschied. Wäre es dann okay, wenn ich meine Hühner als PoC oder als »Hühner of Colour« (HoC) bezeichne? Oder vielleicht als »Chickens of Colour« (CoC)? Das würde ich glatt machen, wenn sie bei einer solchen Respektsbekundung auch mehr Eier legen würden. Mehr ist immer gut in der heutigen Zeit. Aber vom Standpunkt der Apostel des »Kritischen Weißseins«, auf Englisch nennt sich diese Spezies »Critical Whiteness«, wäre es natürlich nicht okay. Das ist nicht überraschend, weil bei denen eigentlich nichts okay ist, mit Ausnahme dessen, was sie selber festlegen. Wenn ich mir deren Welt so von meinem Kleingärtnerpodest aus anschaue, scheint mir die katholische Kirche ein Hort der Liberalität und der Papst ein halber Anarchist zu sein. Vor diesen Gedanken erschrecke ich dann wiederum und verliere, zumindest gefühlt, meinen Kleingärtnerboden unter mir.

Was wäre erst, wenn Tierrechtler und Veganer sich mit den Aposteln des »Kritischen Weißseins« um die richtige Interpretation meiner hühnerphilosophischen Abhandlungen duellieren würden. Das gäbe vermutlich Mord- und Totschlag, auf jeden Fall aber Blutvergießen. Und ich hätte das alles angezettelt und könnte die in Gang gesetzte Entwicklung nicht mehr aufhalten. Ich glaube, es ist besser, ich steige wieder hinab von meinem Kleingärtnerpodest und mache mich an die Gartenarbeit. Sollen die Apostel des »Kritischen Weißseins« und die Apostel des Veganismus selbst sehen, wie sie mit sich und ihrer Welt klarkommen. Ich betone »ihrer Welt«, denn ich habe damit nichts zu tun. Ich bin für meine Hühner verantwortlich und das reicht.

Während überall das Frühlingswetter unterdrückte Lebensgefühle weckt, trage ich an gleich mehreren zwielichtigen Gedanken schwer. Dachte ich noch gegen Ende der Winterpause, dass sich mein Lieblingsfußballverein, meine Hühner und mein Garten im Gleichschritt entwickeln – also steil nach oben –, muss ich nun zwei Drittel meiner Prognosen nach unten korrigieren. Während das Federvieh sich wie prognostiziert entwickelt und wie blöd Eier legt, geht es mit meinem Lieblingsfußballverein in die andere Richtung – steil nach unten. Nachdem er als einer der Clubs aus dem erweiterten Kreis der Aufstiegsfavoriten begonnen hat, ist nun Abstiegskampf angesagt. Da über uns Kleingärtner eh schon genug gelacht wird, vermeide ich die Nennung des Namens meines Fußballvereins. Vielleicht schäme ich mich auch nur. Wer will, kann dies tiefenpsychologisch analysieren. Aber als Fußballfan mag ich keine Psychos und Sozialarbeiter, die mich permanent beobachten und mein Verhalten kategorisieren. Es reicht mir, dass ich im Moment Woche für Woche mein privates Tal der Tränen durchschreiten muss. Niederlage folgt auf Niederlage. Wo soll das noch enden? Was ich mitmache, können sich Außenstehende gar nicht vorstellen.

Und im Garten geht es auch nicht so voran wie gedacht. Ich hänge etwas hinterher mit dem Graben und Säen. Oder bin ich einfach nur vom Optimismus meiner Prognosen ausgetrickst worden? Es wäre gut, sich seinen gesunden Pessimismus gegen zu viel Optimismus zu bewahren. Wobei sich die Verspätung im Garten in Grenzen hält. In drei Tagen werde ich alles umgegraben haben. Die Hühner helfen mir. Versprochen. Aber trotzdem: Seit dem ganzen Schwall an Entsolidarisierung und Privatisierung, dem sich auch viele NGOs angeschlossen haben, steht unsereiner bei Problemen alleine da. Da hilft kein Nachbar, kein NGO-Streetworker und von den Kleingärtnerfreunden schon gleich gar keiner. Die lassen dich ratzfatz im Stich. Es hätte ja jemand von denen mal meinen Garten umgraben können. Aber nichts da, jeder schaut nur auf seinen Vorteil. Schade, schade, wir Kleingärtner sind auch nichts Besseres.

Wenn der Tag sich demnächst mit einem satten Sonnenrot sanft zu Ende neigt, bleibt Zeit für ein Resümee. Und das fällt bitter aus. Alleingelassen von den Menschen, bleibt unsereinem nur noch der Blick in den Hühnerstall. Hier finde ich das gackernde Verständnis, das mir meine Kleingartenfreunde, die »People of Irgendwas«, die Tierrechtler und Veganer nie entgegenbringen. Es bleibt dabei: Egal was passiert, »Mutti« Merkel und die Hühner lassen mich nicht im Stich. Sie sind einfach immer da.

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