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Fabian Hennig: Im Kino sollte man keine Kapital-Schulung erwarten, auch wenn der Film von Karl Marx handelt
Jungle World Nr. 11, 16. März 2017disko

Marxistenkino

»Der junge Karl Marx« kommt ins Kino und die Linken gehen rein. Ihre Reaktionen amüsieren noch mehr als der Film.

von Fabian Hennig

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale empfiehlt, sich »den Film zweimal anzusehen« (World Socialist Website); die »Sozialistische Alternative« mobilisiert in die Kinos, als ginge es um den Generalstreik: »Anschauen. Diskutieren. Handeln.« Auch die Besprechungen von Jürgen Kiontke in der Konkret und von Christopher Wimmer in der Jungle World sind großes Kino. Kiontke fordert die Verfilmung des »Kapitals«, während Wimmer sich enttäuscht abwendet: Der Film sei vereinfachend, platt und trivial. Beide Urteile erfolgen aus Unverständnis.

Das klingt erst einmal besserwisserisch und belehrend, entspricht gleichzeitig in etwa dem Umgangston, den man von einem Debattenbeitrag zu einem Film über Marx erwartet. Immerhin geht es um niemanden geringeren als Karl Marx. Ja, kaum zu glauben: Karl fucking Marx hat es kurz vor seinem 200. Geburtstag und etwa 25 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion endlich in die Kinos geschafft.

Mit der Zeitspanne zwischen 1843 und 1848 hat Regisseur Raoul Peck jene Phase des Marxschen Schaffens gewählt, in der sich der Hegel-Streber und Möchtegernmaterialist zum Kommunisten radikalisierte und sich vom akademisch aussichtslosen Postdoc zum Held der unterdrückten Klasse mauserte. Der Film ist um eine realistische Darstellung dieses Prozesses bemüht – anhand von Karls Biographie. Spoiler: Daran muss er scheitern.

Peck, der nach eigenen Angaben das Glück hatte, dem Werk von Marx »zuerst in akademischen Zusammenhängen zu begegnen«, will dessen Image aufpolieren – vom »bösartigen Alten« zum jugendlichen Weltverbesserer. Unbekümmert von linken »Schuldgefühlen« könne man sich heute, so Peck, wieder auf Marx beziehen, und ihn vor all jenen Dogmatikern retten, »die sich zu Unrecht auf seine Lehre beriefen«. Angesichts der Finanzkrise sei es auch bitter nötig, sich Marx wissenschaftlich anzunähern, bläst der Regisseur ins Horn jener, die eine Marx-Renaissance feiern – und damit irgendetwas meinen. Weltveränderung klingt total gut und »bedachte Reflexion« äußerst tiefsinnig. Nachdem der Kapitalismus über den Marxismus gesiegt hat, wird nun dessen »Lehre« kulturindustriell in eine große »Leere« verwandelt. Eine »Freundschaft, die die Welt verändert«, prangte es von den Plakatwänden. Die Traditionsmarxisten mögen das, Wimmer regt es auf, beide Seiten verstehen nicht, worum es im Kino geht, nämlich um Unterhaltung.

Die Handlung der »Bromance« ist schnell nacherzählt: Der junge Marx steckt voller großer Ideen und vor allem Energie. Er ist ein bisschen streitsüchtig, nie lässt er sich widersprechen. Ihm geht es jedenfalls nicht darum, die Welt aufs Neue zu interpretieren, sondern sie zu verändern. Wirklich. Über die Welt erfährt er etwas von Friedrich Engels. Als leidender Fabrikantensohn, Proletariatsforscher und Lover einer aufständischen Arbeiterin rät er dem jungen Karl zur Lektüre der britischen Ökonomen. Frauen kommen im Film nicht nur als Freundinnen vor, sondern auch als Aktivistinnen und eigenständig denkende, ja bisweilen widersprechende Wesen: Jenny Marx und Mary Burns – starke Frauenfiguren, das gefällt dem Marxisten von heute. Dass der junge Karl nicht nur in den Wolken hängt, sondern auch Spaß hat, gefällt dagegen nicht jedem. Wimmer jedenfalls nicht: Der Film zeige Marx beim »rauchen, saufen, kotzen, wieder rauchen, Sex haben, Schach spielen und diskutieren«, schreibt er in der Jungle World. Fast möchte er schmunzeln, schreibt er, bedauerlicherweise verkneift er sich es dann doch. Lieber belehrt er seine Leserschaft: »Von Marx kann man indes lernen, dass die Verhältnisse ändern eben auch heißt, sich selbst zu ändern und alles in Frage zu stellen.« – Nur eben Marx darf nicht in Frage gestellt werden.

Die lustigsten Szenen des Films sind wahrscheinlich ungewollt. Sie entspringen der unüberbrückbaren Differenz zwischen dem banalen Leben des prekär lebenden Familienvaters Karl und dem großen Idol Marx, dem »größten lebenden materialistischen Denker unserer Epoche«, wie Engels ihn nennt. Über den Film hinweg beteuern beide sich ihre gegenseitige Zuneigung fortwährend, aber einigermaßen unvermittelt. Das ist putzig.

Besonders lustig ist eine Szene, die den Genossen von der Jungle World und der Vierten Internationale die Hutschnur platzen lässt: Marx lallt seinem Bro postkotzend und sternhagelvoll die elfte Feuerbachthese ins Ohr. Für viel mehr war diese These ohnehin nie gut. Trotzdem kommt kaum ein Marxist ohne sie aus. Peter Schwarz (World Socialist Website) betont, Marx’ Feuerbach-Thesen hätten »einen gewaltigen Fortschritt bei Ausarbeitung der historisch-materialistischen Weltanschauung« bedeutet. Genau. An der Humboldt-Universität hat man die elfte These auf Kommando der SED angeschlagen, als käme sie von einem Propheten. Fun fact: Pierre-Joseph Proudhon mahnt im Film, Marx solle vorsichtig sein, dass er keine neue Religion schaffe. Die Frühsozialisten kommen ansonsten als Spießer (Karl Grün) oder Witzgestalten (Wilhelm Weitling) daher. Warum auch nicht? Keiner braucht sie mehr, denn wir haben ja jetzt Karl Marx. Und der sagte in der elften Feuerbachthese schließlich die heilige Losung des Aktivismus auf: Es komme nicht auf dieses ewige Gerede und Interpretieren und all jenen intellektuellen Firlefanz an, sondern darauf, die Welt auch tatsächlich zu verändern. Wer den Marx-Darsteller sowas lallen lässt, muss freilich ein Ketzer sein.

Der Mensch Marx ist zur Kulturware geworden. Kiontke feiert ihn und Engels als »Rockstarduo«. Die Werbeindustrie hat ihn auch schon längst entdeckt. Und wenn er nicht für den Dacia Logan (nur 8 400 Euro) wirbt, dann halt für »Ums Ganze«. Man mag sich darüber aufregen, dass Filmemacher und Werbende das große Idol trivialisieren, die Marxschen Gedanken auf hohle Floskeln reduzieren, Nebensächliches auswalzen oder seine Charakterzüge überzeichnen. All das hätte Marx aber wahrscheinlich immer noch besser gefunden als für allerlei Staatsterror oder Genozide zu bürgen, um hier mal einen beliebigen Marxisten zu paraphrasieren.

Die Phrase von der Weltveränderung ist leer geworden. Das Telos des Films ist das »Kommunistische Manifest«. Musik geht an. Vom Pathos ist man am Ende fast ein bisschen überrascht. Denn die Geschichte des jungen Marx hat keinen Spannungsbogen. Der junge Mann hangelt sich von einem prekären Job zum nächsten. Dennoch war kaum jemand so erfolgreich wie das Team Karl, Friedrich und Jenny. Auch die Familienkonstellation ist typisch postmodern. Arbeitsverhältnisse prekär, für den Familienunterhalt sind Jenny und Karl auf Unterstützung des wohlhabenden Freundes Friedrich angewiesen. Bei allem scheint der junge Marx zwar müde, aber insgesamt doch recht sportlich, was er in einer Sprintszene unter Beweis stellt. Er verdoppelt die Realität der kreativen Langweiler, die sich abends gut gelaunt ins Programmkino schleppen, um dann doch wieder von ihrem innovativen Projekt zu träumen. Kurz vorm Verfassen des »Kommunistischen Manifests« wird es noch einmal nachdenklich: Marx ist müde. Er habe keine Lust mehr auf Propaganda, lieber wolle er »Das Kapital« schreiben, lässt er Engels wissen.

Apropos Propaganda: In zahlreichen Kinos wurde der Film von sogenannten Filmpaten vorgestellt. »Welt verändern« ist offensichtlich so hohl, dass die Patenschaft fast ausschließlich von Funktionären der Linkspartei besorgt wird. Es ist wohl schon Wahlkampf. Die Welt titelt treffend: »Wie gemacht für den Parteitag der Linken.« Filmpate ist ansonsten Prominenz von Jürgen Trittin bis Thorsten Schäfer-Gümbel und Johanna Uckermann. Wer? Ja, genau. Dann doch lieber gute Unterhaltung! Man muss ja nicht unbedingt nach der Verfilmung der drei Bände des »Kapitals« schreien.

Wie könnte »Der reife Marx« auch aussehen? Ein zäher Dreiteiler, wenig Handlung, viel Schreibtisch und für den ganz besonderen Kitzel hier schon mal ein Untertitel: »Wird er es noch schaffen, sein Werk zu beenden? Ein Wettlauf mit dem Tod.« Die Kritik der politischen Ökonomie ist kein Entertainment.

Warum da nicht gleich mit dem »toten Marx« anfangen? Ein Zombiefilm. Zu sehen ist der untote Marx auf Nahrungssuche. Er sieht aus wie Louis Althusser und ernährt sich von Stalinisten und Trotzkisten. Oder wie wäre es mit einer feministischen Netflix-Serie über das Leben der Jenny Marx, die selbstverständlich über Superkräfte verfügt? Sie kann lesen.

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