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Jörn Schulz: Kolumne "Was kümmert mich der Dax"
Jungle World Nr. 11, 16. März 2017ausland

Feinde finden

Kolumne "Was kümmert mich der Dax" von Jörn Schulz

Zu den eifrig gepflegten Legenden des Wirtschaftsliberalismus gehört die Behauptung, eine undurchschaubare und träge Bürokratie gäbe es nur in staatlichen Institutionen, während die effiziente Privatwirtschaft sich so etwas gar nicht leisten könne. Diese Märchenerzähler können von Glück reden, dass diese Behauptung bei Facebook nicht auf dem Index steht. Denn wer dort gesperrt wird, wie es jüngst der österreichischen Autorin Stefanie Sargnagel widerfuhr, weiß oft nicht einmal warum. Sargnagel wurden Beschwerden des von der Kronen-Zeitung aufgehetzten rechten Mobs zum Verhängnis. Dass ihre Sperre, die ursprünglich 30 Tage andauern sollte, schnell wieder aufgehoben wurde, verdankt sie dem Engagement ihrer Freundes- und Fankreises, das der undurchschaubaren und trägen Bürokratie von Facebook klarmachte, dass die Sperre ein potentiell imageschädigender Skandal ist.

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Facebook in diesem Verfahren eine inhaltlich begründete Entscheidung getroffen hat. Die Firma reagiert auf Druck und Gegendruck. Das ist ein Problem, denn als Monopolbetrieb kontrolliert Facebook einen Kommunikationsweg, von dem ausgeschlossen zu werden für die meisten Menschen mittlerweile bedeutender ist als die Sperrung des Festnetztelefons. Andere IT-Unternehmen üben eine vergleichbar große Macht in ihrem Geschäftsbereich aus, im Gegensatz zu ihren analogen Vorgängern fast weltweit. Was tun? Verstaatlichung würde Mark Zuckerberg durch Donald Trump ersetzen, was nicht als Fortschritt betrachtet werden kann. Internationale Kontrolle könnte nur von der UN ausgeübt werden, was Zuckerberg durch ein Komitee mit Repräsentanten diverser Diktaturen ersetzen würde und ebenfalls nicht als Fortschritt betrachtet werden kann. Die Macht der IT-Konzerne dürfte weiter wachsen. Peter Thiel, ein rechtslibertärer Silicon-Valley-Milliardär und Unterstützer Donald Trumps, propagiert sogar die Monopolisierung und befindet: »Wettbewerb ist etwas für Verlierer.« Wie so oft gibt es im Kapitalismus keine vernünftige Lösung. Man ist somit in der unerfreulichen Lage, sich im Zweifelsfall auf das Spiel der Netzempörung einlassen zu müssen. Aber im Vergleich zur Ära der Ärmelschoner ist immerhin der Unterhaltungswert des Kampfs mit der Bürokratie gestiegen.