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Mirjana Mitrović und Jan-Holger Hennies: Ein Gespräch mit der mexikanischen Hackerin Estrella Soria über Internet und Feminismus
Jungle World Nr. 12, 23. März 2017interview

»Wir haben uns über die sozialen Medien ermächtigt«

Estrella Soria lebt in Mexiko-Stadt und ist Hackerin und Feministin. Sie ist Teil der Kooperative »Tierra Común« (Gemeinsames Land) und der Gruppe ADDFEM, die sich mit freier Software und digitaler Sicherheit beschäftigen.

von Mirjana Mitrović und Jan-Holger Hennies

Sie unterstützen Frauen beim Thema digitale Sicherheit. Auf welche Weise?

Zum einen bin ich Teil der gemischtgeschlechtlichen Kooperative »Tierra Común«. Wir unterstützen seit zwei Jahren Menschen dabei, auf freie Software umzusteigen. Dabei ist das vorrangige Ziel, ihre persönlichen Daten zu schützen. Wir haben Fälle von Kolleginnen begleitet, die Opfer von Gewalt waren: Menschenrechtsverteidigerinnen, Journalistinnen, Sprecherinnen von Basisinitiativen und Feministinnen, die für ihre Arbeit öffentlich angegriffen wurden.

Zum anderen haben wir hier in ­Mexiko-Stadt im Hackerspace »Rancho Electrónico« eine Gruppe namens ADDFEM gegründet, um Menschen, die nicht organisiert sind, beim Thema digitale Selbstverteidigung zu helfen. Wir haben lange diskutiert, was Feminismus im Zusammenhang mit unserem Hackerspace und unserer Arbeit eigentlich bedeuten kann. Es bleibt weiter viel zu tun. Aber wir sind Teil verschiedener feministischer Kollektive, die auf die Straße gehen, Graphiken erstellen und Ideen entwickeln, wie wir das alltägliche Leben hacken können, um das zu tun, was wir wollen.

Was ist Feminismus für Sie und was hat er mit dem Internet zu tun?

Feminismus hat mir die Möglichkeit gegeben zu verstehen, was andere Frauen vor mir gemacht haben, damit ich jetzt das tun kann, was ich mache. Feminismus ist für mich ein stetiges Hinterfragen meiner Situation, meines Daseins und meines Tuns.

Das Internet sehe ich als Möglichkeit, uns zu vernetzen und miteinander zu kommunizieren. Aber es ist auch eine Herausforderung. Denn das Internet ist letztlich privat und kontrolliert. Es ermöglicht viele Dinge, die außerhalb der Reichweite vieler Frauen sind, aber wir können uns diese Technologie aneignen, um etwas Neues zu schaffen. Das ist es, was wir wollen.

Kann das Internet so neue und andere Diskussionsräume schaffen?

Ja, vor allem mit den compañeras, die weiter weg sind. Es ist ein Werkzeug. Aber in anderen Zeiten haben auch andere Technologien funktioniert. Ich glaube nicht, dass das Internet der einzige Ort dafür ist. Und es gibt Dinge, die das Internet nicht leisten kann. Vor allem, wenn es um Affekte geht. Ab und an fehlt der direkte Kontakt – von Angesicht zu Angesicht, ohne einen Bildschirm dazwischen. Der wahre Treffpunkt und politische Ort ist weiterhin die Straße. Zu Hause kann jede sagen: »Ich bin Feministin und das Private ist politisch!« Aber wenn du auf die Straße gehst, wird das etwas komplizierter: Ich habe meinen Feminismus, du hast deinen, sie dort hat ihren … Und da sind die Männer, die ebenfalls sagen: »Ich bin Feminist!«

Aber natürlich ist das Internet die einzige Möglichkeit, mit Kolleginnen anderswo stetig in Verbindung zu stehen und zu wissen, was sie täglich erleben. Das Internet ermöglicht einiges, aber es ist nicht das einzige Werkzeug. Würden wir aufhören, uns zu organisieren, wenn es das Internet nicht mehr gäbe? Ich glaube nicht. Wir würden neue Wege finden.

Welche Möglichkeiten sehen Sie für Frauen in der Nutzung des Internets?

Der Zugang zum Internet hat unser Betätigungsfeld erweitert. Und wir haben uns über die sozialen Medien ermächtigt. Einige Kolleginnen sagen, das Internet habe es uns ermöglicht, uns zu organisieren, gehört zu werden und unsere Kämpfe in die Öffentlichkeit zu tragen. Aber das ist nicht genug. Was zum Beispiel den Zugang zum Internet und politische Regulierung angeht, hat sich in Mexiko sehr wenig getan. Die Situation für compañeras ohne direkten Zugang zum Internet ist ganz anders. Viele sind auf Gratisangebote von Facebook oder Whatsapp oder ähnlichen angewiesen – Netzwerke, die kontrolliert und überwacht sind.

Welche Herausforderungen und Gefahren des Internets sehen Sie?

Hier in Mexiko kann man sehr gut beobachten, dass die Leute denken, sie könnten sich in den sozialen Netzwerken organisieren, ohne überwacht, kontrolliert und eingeschränkt zu werden. Aber das sind private Firmen! Firmen mit sehr konkreten Regeln, aber sehr wenigen, die Frauen oder Minderheiten weiterhelfen. Selbst Twitter und Facebook stellen sich hin und sagen: »Wir können das nicht allgemein regulieren, wir tun das nach regionalen Gesichtspunkten und wir verlassen uns auf einige Mechanismen der Selbstregulierung in den Communities. So merken wir, ob wir eventuell ein Konto schließen müssen.« Leider hat das nicht immer funktioniert. Es gibt viele Fälle, in denen die sozialen Netzwerke nicht auf die Bedürfnisse und Forderungen von Gruppen von LGBTI, Feministinnen oder Journalistinnen reagiert haben, nachdem sie Angriffe von Trollen oder »Machotrollen« angezeigt haben. Die Firmen blockieren diese Trolle einfach nicht. Sogar wenn es rechtliche Anweisungen wegen Bedrohungen gab, wurden Konten nicht gesperrt.

Warum funktionieren diese Regulierungsmechanismen nicht?

Weil die dahinterstehenden Firmen alles standardisieren wollen. Sie behaupten, man könne nur schwer feststellen, ob ein gewisses Wort eine beleidigende Wirkung habe. Es habe eine Bedeutung in Mexiko, eine andere in Guatemala und sie hätten nur ein Büro, das sich um ganz Lateinamerika kümmert. Also sei es extrem schwierig einzugreifen, sie begännen zunächst damit, die Länder einzuteilen in demokratische und nichtdemokratische Staaten. Und wenn wir fragen: »Auf welcher Liste steht Mexiko? Demokratisch oder nicht demokratisch?«, antworten sie: »Demokratisch.«

Aber es gibt in Mexiko kaum rechtliche Möglichkeiten, gegen digitale Hetze vorzugehen. Noch im vergangenen Jahr saßen wir mit den Leuten von Twitter zusammen, und nichts hat sich verbessert. Sie zeigen ja guten Willen, schaffen es aber nicht, die Herausforderungen anzugehen, die ihre eigene Plattform mit sich bringt. Deshalb müssen wir andere Mechanismen finden. Das nennen wir »digitale Selbstverteidigung«: Möglichkeiten schaffen, die die Firmen selbst oder die Regierungen nicht anbieten.

Wir reden von realen Firmen und realen Regierungen. Wie sehen Sie die Beziehung zwischen offline und online? Gibt es überhaupt noch eine Trennung?

Alles, was außerhalb des Internets passiert, findet sich auch online wieder. Dazu gehören auch Stigmatisierung, Stereotypisierung, Gewalt. Oft wird diese Konvergenz nicht wahrgenommen. Aber wir sollten dafür sorgen, dass dies passiert. Wir müssen dieselben Aktionen und Strategien, die wir tagtäglich offline benutzen, auch in die sozialen digitalen Netzwerke bringen, um eine größere Schlagkraft zu entwickeln: Solidarität, Widerstand, Organisation. Es ist eine große Herausforderung, da das Netz in den Händen anderer ist. Aber wie positionieren wir uns demgegenüber? Und wie kommen wir weiter? Das ist ein hartes Stück Arbeit. Dennoch: Schon das Erkennen dieses Zustandes ist ein großer Fortschritt.

Sie reden von digitaler Selbstverteidigung. Aber müsste man nicht auch angreifen, um die von Ihnen angesprochenen Herausforderungen zu bewältigen?

Die Aneignung ist die Attacke. Wie können wir die Technologie zu unserer machen, um damit zu kreieren, was wir wollen? Es ist bestimmt nicht gut, immer in einem Zustand der Verteidigung zu sein, andere Möglichkeiten zu suchen ist eine viel aktivere Position. Aber in der digitalen Welt – und das muss jeder und jedem klar sein – bist du ständig unter Attacke. Die ganze Zeit wollen sie mehr über dich wissen, sie ordnen dich ein, studieren dich, sehen dich, wissen absolut alles. Die Kontrolle, die die Inhaber der Netzwerke haben können, ist sehr groß. Deshalb heißt, eine aktivere Position einzunehmen, die Netzwerke und digitalen Räume zurückzuerobern und sich anzueignen – genauso wie Räume außerhalb der digitalen Welt. Als Frau in einer Stadt wie Mexiko-Stadt zu leben ist nicht einfach. Du musst dich behaupten, dich auf eine Weise in den Straßen bewegen, die es dir erlaubt zu überleben.

Aber wir können uns über die Netzwerke weiter verbinden. Und das tun wir. Doch innerhalb der Funktionsweise der sozialen Netzwerke und des Web 2.0 funktionieren, ist das schwieriger. Es gibt keinen Respekt für die einzelne Person. Um also einen wirklich freien Austausch zwischen Frauen weltweit zu schaffen, brauchen wir eine neue Infrastruktur. Das wird noch einige Zeit brauchen. Aber wir müssen anfangen, das menschliche Dasein innerhalb des Internets ganz neu zu denken.

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