von Jörn Schulz
Wer die deutsche Staatbürgerschaft erlangen möchte, muss in Zukunft wissen, warum Willy Brandt 1970 in Warschau kniete. Viele finden das unfair, weil die meisten Deutschen es nicht wissen. Einen Vorzug aber hat der Einbürgerungstest: Er beweist, zu welchen Integrationsleistungen die deutsche Gesellschaft fähig ist. Die Frage hätte nämlich auch lauten können: „Welche Bundestagsparteien verweigerten dem 1970 in Warschau von Brandt geschlossenen Vertrag die Zustimmung, weil sie die Gebietsansprüche gegenüber Polen nicht aufgeben wollten?“ Die richtige Antwort lautet: „CDU und CSU“
Für die Einbürgerung von Bayern würde ich folgende Testfrage vorschlagen:
Die Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrages durch die Bundesregierung nannte der CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strauß:
a) „einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer friedlichen Welt“
b) „Versailles von kosmischen Ausmaßen“
c) „verfrüht, da eine atomare Aufrüstung der SED-Diktatur nicht ausgeschlossen werden kann“
Die richtige Antwort ist b)
Dennoch haben sie es geschafft. Die sogenannten Vertriebenen, deren Integrationsunwiligkeit noch 1994 Barbara Loeffke bekundete: „Das Gastland kann die Heimat nicht ersetzen.“ Die Revanchisten aus der CDU/CSU, die erst 1990 rechtlich verbindlich auf polnisches Territorium verzichten mochten. Die hompohoben Christen, deren Hauspartei CDU die Strafbarkeit der Homosexualität 1962 so rechtfertigte: „Wo die gleichgeschlechtliche Unzucht um sich gegriffen und großen Umfang angenommen hat, war die Entartung des Volkes und der Verfall seiner sittlichen Kraft die Folge.“ Nun gilt ihnen “der Herr Brandt alias Frahm", wie es Adenauer formuliert hatte, um dezent daran zu erinnern, dass Brandt unehelich geboren wurde, nicht mehr als vaterlandsloser Geselle, der sich dem Kampf für den Führer schändlicherweise entzog, wie Strauß es ihm vorgeworfen hatte: “Eines aber wird man Herrn Brandt doch fragen dürfen: ‘Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht?’” Irgendwie sind sie in der Demokratie angekommen, und nun – der übliche Übereifer der frisch Bekehrten – wollen sie sogleich andere belehren.
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