Stefan Ripplinger:Je veux être peuple (2)
6. Juli 2008, 09.33 Uhr:

Je veux être peuple (2)

von Stefan Ripplinger

Zu den tragischen Geschichten der Intellektuellen gehört die des Schöngeistes, der sich irgendwann und nicht ohne Grund vor der eigenen Schöngeisterei und ihren bourgeoisen Anhängern ekelt, aber mit solcher Inbrunst, dass er auf einmal alles verdammt, was er jemals geliebt hat, und fortan den angeblich gesunden Geschmack der Masse feiert, die freilich auf ihn nicht gewartet und an ungebetenen Fürsprechern ohnehin keinen Mangel hat. Es ist die Geschichte von Carl Einstein, der einige der feinsten Kunstbetrachtungen der Zehner und Zwanziger lieferte, nur um in den Dreißigern seine eigene Arbeit und die Gleichgesinnter als „Fabrikation der Fiktionen“ zu verdammen und auf die Masse zu hoffen, die bald darauf über ihn und seinesgleichen hinwegtrampelte. Es ist die Geschichte des Filmtheoretikers Noël Burch, der nach eigener Auskunft als Anhänger des L’art pour l’art anfing und in seinem neuesten Buch, mit dem köstlichen Titel „De la beauté des latrines“, die L’art-pour-l’art-Doktrin als Ursache allen Übels, nämlich als eine elitäre und „maskuline“ Ideologie, ausmacht und Zuflucht ausgerechnet beim Hollywood-Kino der Fünfziger sucht. Demnächst wird er wohl entdecken, wie volksnah der Blockbuster ist. Das Volk wird es nie erfahren. Und es ist die Geschichte von Pol Pot, der seine Laufbahn als Mallarmé-Liebhaber begann und sie damit beendete, alle Schöngeister umbringen zu lassen, als ob sie dafür zu büßen hätten, dass er einer war.

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