von Stefan Ripplinger
Was für eine Type ist wohl Alain Badiou? Im Magazine littéraire las ich vor Jahren, er sei der letzte Maoist unter den französischen Intellektuellen, was mich neugierig machte, ich besorgte mir einige seiner Aufsätze zur Ästhetik, fand sie hinreißend und hätte wohl mehr gelesen, doch dann gab es eine große Debatte um sein Buch über den Namen „Jude“, welches das alte Sartresche Argument aufwärmt, Jude sei, wen Hitler für einen gehalten hat, doch nachgewürzt mit der mehr als bedenklichen, ja widerlichen Folgerung, wer sich heute noch Jude nenne, gebe Hitler Recht, und solchen bei den Linken beliebten Umkehrungen zuhauf, die Palästinenser erscheinen darin als die wahren Juden, Israel als ein nazistischer Staat usw. usw., sodass mir allein die Vorstellung, dieses Buch in die Hand zu nehmen, allzu grauenhaft vorkam, ad acta mit dem Mann, aber nun stolpere ich über die Ankündigung seiner Vorlesung für das nächste Semester und bin nahezu überzeugt davon, dass sein rabiater Universalismus schlicht antimodern ist, und das ist wiederum interessant, denn es erklärt mir, weshalb er mich erst fasziniert, dann abgestoßen hat. Mich faszinierte sein Begriff von Vergänglichkeit, nicht ahnend, dass er es auf die Ewigkeit abgesehen hat. Badiou kommt mir nun vor wie ein wiedergeborener Katharer. Solange er seinen Verein nicht mit der Hamas vereinigt, besteht aber keine Gefahr für Leib und Leben.
Für heute: Plato! (II)
Seminar von Alain Badiou. Universitätsjahr 2008–2009
Der Zustand des Denkens weltweit bezeugt heute, dass alle Formen des Relativismus, namentlich der angebliche „Dialog der Kulturen“, an die Macht des globalisierten Kapitalismus gebunden sind, an die ungeheuerlichen Ungleichheiten, die er hervorbringt, und an ebenso verlogene wie gewaltsame politische Formen, die unter dem diffusen Namen „Demokratie“ mit ihm verknüpft werden. Ebenso bilden der angepriesene Individualismus, die Personifikation des „Glücks“ und alle Identitätspolitik bloß die Kehrseite einer unerbittlichen Verfolgung der Schwächsten und einer Kontrolle aller durch den Staat.
Daher ist eine Zäsur gleichwelcher Art in den herrschenden Vorstellungen völlig undenkbar, solange nicht als deren Kern das angenommen wird, was ich den „demokratischen Materialismus“ nenne, dessen Kraft darin besteht, dass er weder absolut noch wahr ist, sondern lediglich die Gleichheit der persönlichen Überzeugungen und die biologische Endlichkeit der Identitäten betrifft. Weshalb lassen wir uns, mit Blick auf die Situation, seit einem Jahr von Plato führen? Weil Plato die Überzeugung auf den Weg gebracht hat, dass um selbstbestimmt in der Welt zu sein voraussetzt, einen gewissen Zugang zum Absoluten zu haben, nicht weil ein wahrhaftiger Gott uns überwölbte (Descartes), nicht weil wir selbst die Agenten des zukünftigen Subjekts dieses Absoluten wären (sowohl Hegel als auch Heidegger), sondern weil alle Empfindung, in die wir eingewoben sind, durch die individuelle Körperlichkeit und die kollektive Rhetorik hindurch, teilhat an der Ausbildung ewiger Wahrheiten. Dieses Motiv der Teilhabe wollen wir uns, obwohl es rätselhaft ist, wieder aneignen, und zwar so, dass es uns erlaubt, die heutigen ideologischen Zwänge abzuschütteln. Mit Plato werden wir in der Lage sein zu behaupten, dass es nicht wahr ist, es gäbe nur Individuen und Gemeinschaften und zwischen ihnen die Aushandlung irgendwelcher Verträge. Es ist nicht wahr, das A und O der kollektiven Existenz sei die Rechtlichkeit der Verträge und die Vorladung an die Wahlurnen. Diese „Rechtlichkeit“ vollzieht sich auf der ganzen Welt als eine Einwilligung in die Ungerechtigkeit und diese unaufhörlichen Wahlgänge sind nichts als die Zeremonien der Machtlosigkeit. Dagegen muss nun stark gemacht werden, dass es jenseits der Körper und der Sprachen, der Individuen, der Kulturen und des Netzes der Identitätsbehauptungen ewige Wahrheiten gibt und dass Körper und Sprachen in der Zeit an der wetteifernden Entwicklung dieser Ewigkeit teilhaben können. Dass Plato nicht von dem Versuch abgelassen hat, sich den Tauben verständlich zu machen, ist Grund genug, uns an ihn zu wenden.
Die Vorlesungen finden monatlich ab Oktober statt, jeweils Mittwoch ab 20 Uhr, in der École Normale Supérieure, 29 rue d’Ulm, Saal Jules Ferry. Die vorgesehenen Daten sind: 15. Oktober, 19. November, 17. Dezember, 21. Januar, 4. März, 8. April, 20. Mai, 10. Juni.
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