Stefan Ripplinger:Fragment
20. Juli 2008, 11.49 Uhr:

Fragment

von Stefan Ripplinger

Den Brand der Bibliothek von Alexandria zu bedauern, fällt uns schwer, weil wir nur unsere Bibliotheken kennen und wissen, dass 95 Prozent ihrer Bücher besseres Mäusefutter sind. Es soll große Künstler gegeben haben, von denen nie einer gehört hat; aber die, die wir nicht kennen, können wir nicht vermissen. Etwas anderes ist es mit dem Gedicht, dem Stück, dem Film, von dem nur die letzten Verse, der letzte Satz, der letzte Akt fehlen. Das Fastfertige einiger Fragmente von Hölderlin quält selbst manche vertrockneten Philologen so, dass sie der Versuchung nicht widerstehen können, die Lücken zu schließen. Die Überbleibsel vom vierten Satz der IX. Symphonie Bruckners heizen die Phantasie darüber mächtig an, was wohl auf den Blättern der Partitur steht, die aus dem Sterbezimmer geraubt worden sind. Und wenn es einen Film gibt, um dessen letzten Teil es ewig schade sein wird, ist es „Iwan, der Schreckliche“ von Eisenstein.

Es ist aber ein Glück, dass unter dem ganz Wenigen, was von diesem dritten Teil sich erhalten hat, ausgerechnet die Szene sich befindet, die Eisenstein auch dann nicht hätte verwenden dürfen, hätte ihn der zweite Herzinfarkt nicht dahingerafft. Der Regisseur Michail Romm (zwanzig Jahre später berühmt geworden mit „Der gewöhnliche Faschismus“) spielt in ihr Queen Elizabeth I., und zwar mit dem größten Vergnügen. Während Hitlerei und Hungersnot das Land fast ausbluten, erlauben sich diese Künstler eine Kaprice. Das wird immer ein Triumph des Manierismus bleiben.

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