von Stefan Ripplinger
Obwohl ein jeder weiß, dass sich Menschen alles nur Erdenkliche anzutun geneigt sind, fragt man sich doch, weshalb sie in fast allen Kulturen und zu fast allen Zeiten feierlich einen Schwachen aus ihrer Mitte gewählt haben, um ihm das Herz aus dem Leib zu reißen oder ihn auf einen Scheiterhaufen zu werfen oder ihn auf irgendeine andere Weise zu massakrieren. Die meisten Theorien über das Opfer, und es gibt deren Dutzende, sind sich darüber einig, dass die Opferung von Einzelnen die Bindekräfte der Gemeinschaft erhöht. René Girard z.B. glaubt, dass, ganz wie bei Hobbes, erst ein Krieg aller gegen alle herrschte. Dann stürzten sich alle auf einen, besonders Schwachen, und dieser Mord habe ihnen ihr Tun zu Bewusstsein gebracht, sie so sehr befriedigt und vor allem befriedet, dass sie aus dem Menschenopfer ein Ritual und eine Institution gemacht haben. Das leuchtet irgendwie ein, vielleicht zu sehr. Doch wer Filme von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub anschaut, kommt ins Grübeln.
In „Moses und Aron“ (1974) kehrt der Opferkult zurück, als Moses eine Weile abwesend ist, um sich mit Gott zu unterreden. Man hat nicht den Eindruck, dass die Opferungen hier irgendeinem anderen sozialen Zweck genügen als der Lust an blutigen Spektakeln. In der Bibel, der Vorlage zu Oper und Film, dem Buch der Opfer schlechthin, geht es selbstverständlich um etwas anderes, nämlich um die Verwandlung der heidnischen in jüdische und dann christliche Opfer. Über das Opfer kommuniziert die Gemeinde mit Gott, d.h. mit sich selbst. Das Opfern hört nie wirklich auf, und selbst Jesus von Nazareth ist ja ein Menschenopfer. Bei Huillet und Straub jedoch ist jegliches Opfer ganz sinnlos, blankes Einverständnis mit der rohen Natur.
Ganz ähnlich in ihrer ersten Verfilmung (1978) von Dialogen Cesare Paveses, „Dalla nube alla resistenza“ (Von der Wolke zum Widerstand; ein Titel, der mich an Char erinnert). Zwei Hirten, Vater und Sohn, unterhalten sich vor einem Opferfeuer. Der Sohn fragt nach Ursprung und Grund des Opferns. Der Vater versucht zu antworten, aber so sehr er sich zu erinnern, so sehr er Erklärungen beizubringen sucht, umso absurder erscheint der ganze Kult. Schließlich zieht der Sohn das Fazit, das Menschenopfer sei eine unnötige und grausame und ungerechte Sache, die er nicht gutheißen könne. Wie der Knabe in Brechts Neinsager verweigert er sich dem alten Brauch. „Ich will nicht.“ An dieser Stelle endet der Dialog im Film.
Bei Pavese hat der Vater das letzte Wort:
Mach jetzt die Laubzweige nass und spritze. Du bist noch unwissend. Du ausgerechnet willst von gerecht und ungerecht sprechen. Dem Meer zu, Dummkopf … O Zeus, empfange dies Opfer … (Übersetzung von Catharina Gelpke)
Pavese hat vielleicht das Gefühl, der bloße Umstand, dass eine ohnehin grausame Institution zwecklos und unsinnig geworden ist, genüge noch nicht, sie abzuschaffen. Huillet und Straub dagegen nehmen dem Dialog seine böse Pointe und geben ihm eine revolutionäre. Aber man fürchtet doch, der hübsche Sohn könnte in der Folge ein frühes Opfer des Widerstands geworden sein.
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