Stefan Ripplinger:Menschenopfer
19. August 2008, 20.59 Uhr:

Menschenopfer

von Stefan Ripplinger

Obwohl ein jeder weiß, dass sich Menschen alles nur Erdenkliche anzutun geneigt sind, fragt man sich doch, weshalb sie in fast allen Kulturen und zu fast allen Zeiten feierlich einen Schwachen aus ihrer Mitte gewählt haben, um ihm das Herz aus dem Leib zu reißen oder ihn auf einen Scheiterhaufen zu werfen oder ihn auf irgendeine andere Weise zu massakrieren. Die meisten Theorien über das Opfer, und es gibt deren Dutzende, sind sich darüber einig, dass die Opferung von Einzelnen die Bindekräfte der Gemeinschaft erhöht. René Girard z.B. glaubt, dass, ganz wie bei Hobbes, erst ein Krieg aller gegen alle herrschte. Dann stürzten sich alle auf einen, besonders Schwachen, und dieser Mord habe ihnen ihr Tun zu Bewusstsein gebracht, sie so sehr befriedigt und vor allem befriedet, dass sie aus dem Menschenopfer ein Ritual und eine Institution gemacht haben. Das leuchtet irgendwie ein, vielleicht zu sehr. Doch wer Filme von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub anschaut, kommt ins Grübeln.

In „Moses und Aron“ (1974) kehrt der Opferkult zurück, als Moses eine Weile abwesend ist, um sich mit Gott zu unterreden. Man hat nicht den Eindruck, dass die Opferungen hier irgendeinem anderen sozialen Zweck genügen als der Lust an blutigen Spektakeln. In der Bibel, der Vorlage zu Oper und Film, dem Buch der Opfer schlechthin, geht es selbstverständlich um etwas anderes, nämlich um die Verwandlung der heidnischen in jüdische und dann christliche Opfer. Über das Opfer kommuniziert die Gemeinde mit Gott, d.h. mit sich selbst. Das Opfern hört nie wirklich auf, und selbst Jesus von Nazareth ist ja ein Menschenopfer. Bei Huillet und Straub jedoch ist jegliches Opfer ganz sinnlos, blankes Einverständnis mit der rohen Natur.

Ganz ähnlich in ihrer ersten Verfilmung (1978) von Dialogen Cesare Paveses, „Dalla nube alla resistenza“ (Von der Wolke zum Widerstand; ein Titel, der mich an Char erinnert). Zwei Hirten, Vater und Sohn, unterhalten sich vor einem Opferfeuer. Der Sohn fragt nach Ursprung und Grund des Opferns. Der Vater versucht zu antworten, aber so sehr er sich zu erinnern, so sehr er Erklärungen beizubringen sucht, umso absurder erscheint der ganze Kult. Schließlich zieht der Sohn das Fazit, das Menschenopfer sei eine unnötige und grausame und ungerechte Sache, die er nicht gutheißen könne. Wie der Knabe in Brechts Neinsager verweigert er sich dem alten Brauch. „Ich will nicht.“ An dieser Stelle endet der Dialog im Film.

Bei Pavese hat der Vater das letzte Wort:

Mach jetzt die Laubzweige nass und spritze. Du bist noch unwissend. Du ausgerechnet willst von gerecht und ungerecht sprechen. Dem Meer zu, Dummkopf … O Zeus, empfange dies Opfer … (Übersetzung von Catharina Gelpke)

Pavese hat vielleicht das Gefühl, der bloße Umstand, dass eine ohnehin grausame Institution zwecklos und unsinnig geworden ist, genüge noch nicht, sie abzuschaffen. Huillet und Straub dagegen nehmen dem Dialog seine böse Pointe und geben ihm eine revolutionäre. Aber man fürchtet doch, der hübsche Sohn könnte in der Folge ein frühes Opfer des Widerstands geworden sein.

Kommentare

Zu Zeiten des Totems fiel Derjenige, der versehentlich seinen obersten Mistkäfer zertrat, höchstwirklich selbst tot um. Diese Macht, die der blinden, ebenso tödlichen der Natur gleicht, zu bannen, bedarf es bedeutender Opfer. Aspekt, aber nicht Hauptsache dabei, ist die soziale Verbindlichkeit.
Homo homini lupus dagegen ist nur der Reflex auf die bürgerliche Kälte. Wo Riten und Tradition herrschen, entsteht kein de Sade. Blutdurst als Naturbestand ist reaktionär: Das polymorph perverse Trieb- und Reflexwesen konkretisiert sich nur gesellschaftlich.
Nicht auch noch diese Ausrede sollen sie haben, die Betrüger und Schlächter, die skrofulösen Skrupellosen, daß sie nur der menschlichen Natur folgten.
Ich bin noch nicht mal sicher, ob der Junge im Film die Wahrheit spricht. Ist der Alte von gestern, mag jener die Verhältnisse umstürzen, hat aber Zeus’ Herrschaft bestand, ist Pavese klüger und der Junge wird vielleicht dem Zorn des Welterschüttrers erliegen, so, wie der Arme oben seinem Totem.

Was immer wir über den sog. Naturzustand annehmen, ist geblendet von unserern Wertvorstellungen und bestimmt von unseren Verhältnissen. Hobbes’ Krieg aller gegen alle sei nur Rückprojektion des Klassenkampfes, bemerkte Althusser. Aber ist die Annahme, die von Ritus und Tradition besänftigten Alten seien nicht blutdurstig gewesen, nicht auch nur eine Projektion?

Ob Zeus’ Herrschaft noch besteht, ist die große Frage in den „Dialoghi“. Die Halbgötter beginnen zu murren, weder Natur noch Gesetz bestehen unangefochten, die Riten sind außer Kraft. In dieser Situation könnten die Menschen ihre Sache in die Hand nehmen, aber gerade das tun sie nicht. Wie Furio Jesi analysiert hat (ein Freund schickte mir die Übersetzung einer Passage), glaubte Pavese an das Schicksal als an eine Art Verhängnis, das tödliche Opfer fordere.

Verehrter Herr Ripplinger,
vielen Dank für Ihre Antwort. Blutwurst: Projektion oder Naturverhängnis? Noch ein Versuch mit kurzem Anlauf.
Das Schema, nach dem ich die menschlichen Eigenschaften für die Menschheit retten will, die mir in den Kram passen, und die, die mich abstoßen, im Strudel der Dialektik auflösen, geht ungefähr so: Erstens, wir haben im Anfang des Menschleins Alles und Nichts, wie Hegel das wollte, die ganze Welt im Uterus, nur eben abstrakt. Es entwickelt sich zweitens das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse, das weder von einem guten Kern noch von ADS etwas weiß, psychisch als das erwähnte polymorph perverse Schlingelchen.

Damit einem aber drittens nicht schwindelig wird, indem das Individuum als Kristallisationspunkt für Trieb- und Gesellschaftsstruktur auf den, wieder von Hegel drekretierten, etwas enttäuschenden Platz eines „Moments“ des absoluten Manitou ephemeriert wird, hauen wir einfach dem Knoten eine runter und sagen so: Zum einen bleibt klein Armin, so sehr ihn der Kapitalismus auch kalt gemacht hat und Muttis Kälte eingeklemmt, verwiesen auf das gehabte Paradies im Mutterschoß. Die Sehnsucht, diese Abstraktion des Paradieses zu konkretisieren, wird ihm unter sonst eingermaßen kommoden Bedingungen wohl nicht auszutreiben sein. Zum anderen: Dem Teuflischen gegenüber, das ja unbestreitbar herrscht seit je, bleiben wir gelassen, soweit es sich hinreichend aus den gesellschafltichen Verhältnissen erklären läßt. Blutdurst ist Naturbestand? Nee. Bzw. das wollen wir doch erstmal sehen! Wenn die scheiß Angst ein Ende hat. Bis dahin darf er in den Zeiten vor De Sade ruhig erstmal abwesend sein.
Ich hab schon paar mal auf diesem Knorpel kurz rumgekaut, bei Interesse nachzusehen auf http://web.mac.com/bauernsenf.

Vielleicht nicht die kritischste der kritischen Theorien, aber Sie bringen mich zum Lachen.

Vielen herzlichen Dank. Ein schöner Erfolg. Der heutige Tag wird mich gnädig sehen. Und in diesem pastoralen Übermut - achten Sie bitte auf die geniale Überleitung - bitte ich Sie, ruhig mal unseren gemeinsamen Bekannten, den Ravener Pastorensohn, zu grüßen. 20 jahre kein Wort gewechselt, abamachtjanix.
Beste Grüße aus Mäcpomm

Wird gemacht.

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