von Stefan Ripplinger
In seinen Dialogen nicht, aber doch in seinen Tagebüchern und in seinen Aufsätzen träumt Cesare Pavese davon, aus dem Mythos könnte ein Schicksal, aus dem Kollektiven etwas Individuelles, aus dem Individuellen etwas Kollektives und aus unserem idiotischen Leiden ein mythisches Menschenopfer werden. Es ist der Traum von der Notwendigkeit, von einem „Grund-losen Sinn“.
Schicksalsgebunden ist der, der in sich einen authentischen Mythos verwirklicht, an den er glaubt. Der schicksalsgebundene Mensch ist nicht frei. (Übersetzung von Charlotte Birnbaum)
Es ist der Traum von einer anderen Notwendigkeit als der, in die wir eingepasst sind. Unsere Orte wären im Mythos keine spezifischen, sondern universelle. Unsere Begegnungen wären keine beliebigen, sondern vorbestimmte. Unser Genuss und unsere Leiden wären abgemessen. Und alles folgte alten „rhythmischen Kadenzen“. An solchen Stellen könnte man glauben, Italo Calvino hätte Recht mit seiner Behauptung, Pavese habe nahe einer „antirationalistischen Unruhe“ gesiedelt. Doch mögen uns die Götter behüten vor Rationalisten, die nie unruhig werden.
Pavese ist ein Rationalist, höchst unruhig, und das Dichten selbst zerstreut seine Träumereien. Dichtung und Mythos sind bei ihm Wiederholer, sie wiederholen etwas, dessen Existenz mehr als unsicher bleibt. Nicht die Kindheit, nicht die Vorzeit, nicht die Natur sind wahr, sondern die Erinnerung an sie. Aber wenn etwas nur deshalb stattgefunden hat, weil wir uns seiner erinnern, was bedeutet dann Erinnerung? Sie ist, sagt Mnemosyne, der Augenblick, in dem wir uns einbilden, wir hätten das Ding schon einmal gesehen. Dieser Augenblick macht das Bild zum Vorbild.
Es gibt kein „die Dinge zum ersten Mal sehen“. Das, woran wir uns erinnern, was wir bemerken, ist immer ein zweites Mal.
Das lässt aus dem mythologischen Ding ein Déjà-vu werden, eine Kopie, zu der das Original fehlt. Die Dichtung führt Pavese zur Erfahrung einer ursprünglichen Kontingenz, einem Grundlosen, dem im Nachhinein, wie einer fiktiven Erinnerung, ein Sinn beigelegt wird. Und das heißt, wenn wir probeweise die Perspektive dieses ersten Mal einnehmen, dass wir uns erst in der Zukunft unserer Zufälle als Notwendigkeiten erinnern werden. So deuten auch Huillet und Straub die Dialoghi. Teiresias und Ödipus fahren auf einem Ochsenkarren dahin und unterhalten sich. Das Gespräch endet mit den Worten:
TEIRESIAS: Hast du dich jemals gefragt, Ödipus, warum die Unglücklichen, wenn sie alt werden, erblinden?
ÖDIPUS: Ich bitte die Götter, es möge mir nicht widerfahren. (Übersetzung von Catharina Gelpke)
Im Film ist die Szene damit nicht vorüber; danach sieht man die beiden noch minutenlang stumm dahinfahren. Beim ersten Anschauen von „Dalla nube alla resistenza“ hielt ich das für einen suspendierten Suspense: Teiresias weiß etwas, was Ödipus noch nicht wissen kann. Beim zweiten ging mir auf, dass vielleicht beide nicht wissen, wie ihnen geschieht.
In gewissem Sinn ist alles Schicksal: Nie kennt man das, was man tut. (Übersetzung von Charlotte Birnbaum)
Sie rollen auf gezogenen Bahnen dahin, die sie selbst nicht voraussehen. Was ihnen Göttliches widerfährt, müssen sie für Künstlerpech halten. Die Dialoghi sind eine mythologische Unterminierung des Mythos.
Sie müssen angemeldet sein, um Blogbeiträge kommentieren zu können. Falls Sie noch kein Passwort für jungle-world.com haben, müssen Sie sich zuerst registrieren, bevor Sie sich anmelden können.
Frakturvon Stefan Ripplinger
Singen für den Friedenvon Ivo Bozic
Konzert oder Party?von Ivo Bozic
Yma Sumacvon Stefan Ripplinger
Tempelhofvon Stefan Ripplinger
Mossad oder al-Qaida?von Ivo Bozic
Pogo in der FAZvon Ivo Bozic