von Stefan Ripplinger
Wer irgendwo herkommt, der kann von da fortgehen und er kann dahin zurückkehren. Dem Protagonisten von Cesare Paveses La luna e i falò (Der Mond und die Feuer; dt. als „Junger Mond“) ist all das verwehrt.
„Dein Vater“, sagte er, „bist du.“ (Übersetzung von Charlotte Birnbaum)
Er ist ein bastardo, hat keine Familie, selbst die Ziehfamilie ist längst unter der Erde, in den USA hat er zwar nicht sein Glück, aber Geld gemacht, heimisch konnte er nicht werden, also flieht er den Raum, sucht den Ort, kehrt zurück, dahin, wo er nie hingehört hat, in sein Dorf. Es ist ein allegorischer, kein psychologischer Roman, und er folgt einer tellurischen Sehnsucht, einer Sehnsucht nach dem Mythos und dessen Außerzeitlichkeit, die aber in einen heftigen Widerspruch zu der Zeit des Dorfes gerät, das, so unverändert es scheinen mag, sich für den veränderten Heimkehrer nun doch verändern muss. Geschichte löscht den Mythos aus.
Die Dörfler leben noch immer unter der furchtbarsten Feudalherrschaft, die sie aber nicht anfechten, sind selbst in der Mehrzahl Faschisten und gewissermaßen natürliche Noltianer, denn sie halten die Kommunisten für die Auslöser aller Verheerungen, abergläubisch sind sie und doch dem Pfaffen hingegeben, der wiederum mit den Faschisten und den Monarchisten paktiert. Selbst die verachteten und verfolgten Partisanen sind Fleisch von ihrem Fleische, denn sie quälen zwei zingare, die für die Faschisten spioniert haben, zu Tode.
In Paveses Roman erscheinen die Dorfbewohner nicht etwa als die Hüter alter Mythen, während der bastardo als der Moderne sich in ihre Mitte zurückwünschte. Im Gegenteil, die Dörfler wissen nicht, wer sie sind, sie leben hinter dem Mond, an den sie glauben, aber der bastardo, der alles weiß, ist gerade durch dieses Wissen von jeglichem Ursprung abgeschnitten. Das mythologische Wissen belehrt ihn darüber, was er verloren haben könnte, hätte er es jemals besessen. Und nun kehrt der Mythos in grotesker, grausamer Weise zurück, im Menschenopfer. Der Schluss des Romans handelt von der Verbrennung der Santa, der strahlend schönen Frau, einer Art heiliger Hure, die beiden Seiten, den Faschisten und den Partisanen, geholfen hat. Sie wird von den Partisanen erschossen. Nuto, der einzige Freund des bastardo im Dorf, erzählt:
„Eine Frau wie sie konnte man nicht einfach mit Erde bedecken und liegen lassen. Sie hätte noch zu vielen Appetit gemacht. Baracca wußte, was er tat. Er ließ im Weinberg eine Menge Reisig schneiden und sie damit bedecken, bis der Berg groß genug war. Dann schütteten wir Benzin darüber und zündeten an. Zu Mittag war alles Asche. Noch im nächsten Jahr war die Stelle zu erkennen, sie sah aus wie die Brandnarbe eines Johannisfestes.“
So endet der Roman. Danièle Huillet und Jean-Marie Straub, die im zweiten Teil von „Dalla nube alla resistenza“ die Geschichte in all ihrer neorealistischen Härte zusammenfassen, fügen Nutos Erzählung den Satz an, dass Baracca, der Partisanenführer, wie die meisten andern aufgehängt worden sei. Schließlich erscheint die Sonne an den Hügeln über dem Piemonter Tal, in welchem sich alles ereignet hat. Aber geht sie unter oder dämmert der Morgen? Sagen wir es so: Chez les Straub wäre es nun Morgen, bei Pavese Nacht geworden, aber weder er noch sie glauben mit René Char daran, vom Tal selbst gehe ein contre-terreur aus.
Cesare Pavese ist heute vor hundert Jahren geboren worden.
(Ich danke Manfred Bauschulte und Ulisse Dogà für Kritik und Anregung.)
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