Stefan Ripplinger:Menschenopfer (4 und Schluss)
9. September 2008, 07.02 Uhr:

Menschenopfer (4 und Schluss)

von Stefan Ripplinger

Wer irgendwo herkommt, der kann von da fortgehen und er kann dahin zurückkehren. Dem Protagonisten von Cesare Paveses La luna e i falò (Der Mond und die Feuer; dt. als „Junger Mond“) ist all das verwehrt.

„Dein Vater“, sagte er, „bist du.“ (Übersetzung von Charlotte Birnbaum)

Er ist ein bastardo, hat keine Familie, selbst die Ziehfamilie ist längst unter der Erde, in den USA hat er zwar nicht sein Glück, aber Geld gemacht, heimisch konnte er nicht werden, also flieht er den Raum, sucht den Ort, kehrt zurück, dahin, wo er nie hingehört hat, in sein Dorf. Es ist ein allegorischer, kein psychologischer Roman, und er folgt einer tellurischen Sehnsucht, einer Sehnsucht nach dem Mythos und dessen Außerzeitlichkeit, die aber in einen heftigen Widerspruch zu der Zeit des Dorfes gerät, das, so unverändert es scheinen mag, sich für den veränderten Heimkehrer nun doch verändern muss. Geschichte löscht den Mythos aus.

Die Dörfler leben noch immer unter der furchtbarsten Feudalherrschaft, die sie aber nicht anfechten, sind selbst in der Mehrzahl Faschisten und gewissermaßen natürliche Noltianer, denn sie halten die Kommunisten für die Auslöser aller Verheerungen, abergläubisch sind sie und doch dem Pfaffen hingegeben, der wiederum mit den Faschisten und den Monarchisten paktiert. Selbst die verachteten und verfolgten Partisanen sind Fleisch von ihrem Fleische, denn sie quälen zwei zingare, die für die Faschisten spioniert haben, zu Tode.

In Paveses Roman erscheinen die Dorfbewohner nicht etwa als die Hüter alter Mythen, während der bastardo als der Moderne sich in ihre Mitte zurückwünschte. Im Gegenteil, die Dörfler wissen nicht, wer sie sind, sie leben hinter dem Mond, an den sie glauben, aber der bastardo, der alles weiß, ist gerade durch dieses Wissen von jeglichem Ursprung abgeschnitten. Das mythologische Wissen belehrt ihn darüber, was er verloren haben könnte, hätte er es jemals besessen. Und nun kehrt der Mythos in grotesker, grausamer Weise zurück, im Menschenopfer. Der Schluss des Romans handelt von der Verbrennung der Santa, der strahlend schönen Frau, einer Art heiliger Hure, die beiden Seiten, den Faschisten und den Partisanen, geholfen hat. Sie wird von den Partisanen erschossen. Nuto, der einzige Freund des bastardo im Dorf, erzählt:

„Eine Frau wie sie konnte man nicht einfach mit Erde bedecken und liegen lassen. Sie hätte noch zu vielen Appetit gemacht. Baracca wußte, was er tat. Er ließ im Weinberg eine Menge Reisig schneiden und sie damit bedecken, bis der Berg groß genug war. Dann schütteten wir Benzin darüber und zündeten an. Zu Mittag war alles Asche. Noch im nächsten Jahr war die Stelle zu erkennen, sie sah aus wie die Brandnarbe eines Johannisfestes.“

So endet der Roman. Danièle Huillet und Jean-Marie Straub, die im zweiten Teil von „Dalla nube alla resistenza“ die Geschichte in all ihrer neorealistischen Härte zusammenfassen, fügen Nutos Erzählung den Satz an, dass Baracca, der Partisanenführer, wie die meisten andern aufgehängt worden sei. Schließlich erscheint die Sonne an den Hügeln über dem Piemonter Tal, in welchem sich alles ereignet hat. Aber geht sie unter oder dämmert der Morgen? Sagen wir es so: Chez les Straub wäre es nun Morgen, bei Pavese Nacht geworden, aber weder er noch sie glauben mit René Char daran, vom Tal selbst gehe ein contre-terreur aus.

Cesare Pavese ist heute vor hundert Jahren geboren worden.

(Ich danke Manfred Bauschulte und Ulisse Dogà für Kritik und Anregung.)

Kommentare

Pavese, Huillet und Straub: Auf der Suche nach der Unmittelbarkeit. Das Menschenopfer als Mythos, der es in die Moderne geschafft hat. Hat nicht schon Kant mit Gott jede Unmittelbarkeit über die Klinge springen lassen? Hat nicht Hegel selbst Kants unterschobene Setzungen noch in die Vermittlung eingewoben? Hat nicht Freud die subjektiven, Adorno die objektiven Kraftquellen der untauglichen Sehnsucht nach der Unmittelbarkeit offengelegt? Wie können bei diesem Stand der Dinge existentialistische wie postmoderne Bemühungen etwas Anderes sein, als bestenfalls Materialsammlungen zu einer kritischen Theorie, die man halt nicht kennt? Hat nicht Foucault gesagt, hätte er Adorno früher kennengelernt, wäre ihm viel Arbeit erspart geblieben? Gretchen also: Zu welchem Behufe Lebenszeit mit Herrn Pavese verbringen? Natürlich: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag nachträglich nachträglich; weiter aber: was willst du mir lernen? Welch gewaltiger Balken stak in meinem Tränensäckchen?

Nein, gerade im Gegenteil deuten die hier vorgetragenen Überlegungen in eine ganz ähnliche Richtung wie der Mythos-Exkurs in der "Dialektik der Aufklärung", den ich aber, weil er nicht klar definiert, was die "Natur" sein soll, die Odysseus opfert, insgesamt schwächer als Pavese finde. (Im Übrigen will ich Sie nicht dazu überreden, Ihre Lebenszeit Pavese oder sonstwem zu opfern, wenn Sie an Adorno Genüge finden.)

Dörthe Schenk sagte mir schon vor 28 Jahren: „Kritische Theorie?, da sollten wir doch allmählich drüber hinaus sein.“ Inzwischen falle ich mir aus mehr als einem Grunde öfter selbst auf die Nerven damit. Daß Sie mich nicht zu Pavese überreden wollen, ist eigentlich schade, hatte ich doch meinen Balken offen dargeboten. Andererseits zum Anknüpfungspunkt: Die Natur ist natürlich das unzensierte Wühlen der Eingeweide sowie Sonne, Mond und Sterne ohne Preisschild. Aber nicht als Ursprung und Fluchtort, sondern als dialektischer Pol der Aufklärung. Odysseus opfert sein unmittelbares Aufbegehren zugunsten der List. Noch der Mythos selbst ist Aufklärung, noch das kälteste Kalkül ist mit dem Mythos verbunden. So ist das eben im dialektischen Prozess, da würde eine „klare Definition“ nur dazu führen, sich an einem abgestochenen, ausgestopften Gegenstand zu erschleichen, womit sich ein lebendiger nicht stillstellen lassen will. Nach Ihrem Referat ist ja das Menschenopfer bei Pavese so etwas wie ein Zombie, Wiederkehrer aus dem Reich der mythischen Dorftrottel. Da geht’s im Kurzschluß in den blinden, abstrakt isolierten Ursprung, der sich nicht anders legitimiert als dadurch, daß auf ihn sich „tellurische Sehnsucht“ richtet. Is bißchen wie bei Münchhausen, nesspa? Vielleicht prima definiert, aber auch gänzlich willkürlich. Welche ist die „ähnliche Richtung“, die Sie sehen?

Bei Adorno und Horkheimer heißt es: „Uralt muß die Erfahrung sein, daß die symbolische Kommunikation mit der Gottheit durchs Opfer nicht real ist.“

Diese Unsicherheit artikuliert sich in den „Dialoghi“, allerdings geht es im Grunde nicht um die Kommunikation mit der Gottheit mehr, sondern um die der Gesellschaft mit sich selbst. Es gibt eine unaufgelöste, produktive Spannung zwischen Mythos bzw. Kultus (nicht irgendeiner Natur) und der mythologischen Geschichte einerseits und andererseits zwischen ihr und dem modernen Leser, dem Mythologen. Es besteht also eine dialektische Spannung zwischen verschiedenen Lesarten des mythischen Textes. Diese Dialektik korrespondiert selbstverständlich einer bestimmten geschichtlichen Erfahrung und einer bestimmten politischen Auffassung von Tradition.

Von der „Vermittlung“, von der Sie gerne lesen würden, war in meinen Beiträgen fortwährend die Rede, nicht aber von einem „Ursprung“, dagegen von einem „Grundlosen“, d.h. von der Ursprungslosigkeit, die dem Dichter gewahr werden muss. Aber Sie wollen nicht von Problemen hören, sondern von ihrer Überwindung, und lösen schon die hochdramatische Dialektik von Adorno und Horkheimer in eine „Polarität“, ein schlappes Gegenüber von List und Sonnemondundsterne, auf.



Das Buch heißt „Dialektik der Aufklärung“ und nicht „Lasst uns, ich bitte Euch, die Aufklärung zum Siege führen!“ Es ist von Adorno und Horkheimer geschrieben und nicht von Sir Karl Popper. Es handelt von Widersprüchen, wie übrigens auch Pavese, Huillet und Straub von Widersprüchen gehandelt haben. Es fällt mir allerdings auf, dass viele deutsche Adorno-Anhänger gar nicht an den Widersprüchen und politischen Problemen interessiert sind und von ihrem Meister allein den verzopften Stil, den Dünkel und den Kulturkonservatismus übernommen haben.

Ein Letztes: „Noch der Mythos selbst ist Aufklärung“ ist eine allzu platte Auslegung dieses Kapitels der „Dialektik ...“ Richtig ist, dass Odysseus für Adorno und Horkheimer so etwas wie die Allegorie der Aufklärung verkörpert, die mit den alten Mächten ringt, welche sich nicht „legitimieren“ müssen, um da zu sein, und auch nirgendwo als „trottelig“ oder sonstwie verketzert werden. Das wäre auch schwerlich dialektisch. Was die „tellurische Sehnsucht“ betrifft, heißt es bei ihnen: „Heimat ist das Entronnensein.“ Sie müsse dem Mythos (und der Natur) abgezwungen werden. Das denunziert nicht die Sehnsucht, aber sagt ihr ihr Schicksal voraus. Ebendas ist der Plot von „La luna ...“

Den Begriff der "Natur" finde ich unglücklich, weil er zwar das Bedürfnis betont, das der Mythos befriedigt, nicht aber dessen sozialen Charakter. Schon Ernst Cassirer wusste aber: "An einer Fülle mythischer Motive läßt sich noch deutlich aufzeigen, wie sie ursprünglich nicht aus einer Anschauung des Naturprozesses, sondern aus der Anschauung eines kultischen Prozesses entstanden sind."

Da lieg ich nun in meinem Blute, Sir Armin Popper, der Zopf ist abgeschlagen und dem Volke präsentieret, die Dialektik hängt platt und schlapp herunter, der Dünkel verdunkelt die dunstigen Gedanken. Sozusagen als letzten Wunsch gewähren Sie mir noch ein kurzes Röcheln:
Sie schrieben ja oben: „ ...der bastardo, der alles weiß, ist gerade durch dieses Wissen von jeglichem Ursprung abgeschnitten.“ Dem entnahm ich, daß hier der Mythos eine Art Ursprung sein soll. Und liegt diese Interpretation nicht nahe, wenn der folgende Satz lautet: „Das mythologische Wissen belehrt ihn darüber, was er verloren haben könnte, hätte er es jemals besessen.“? Denn das Wissen ist ein Wissen vom Mythos, wenn der bastardo also durch sein Wissen vom Ursprung abgeschnitten ist, ist er vom Mythos abgeschnitten. Ebenso: Ist der Ursprung nicht eher dasselbe wie das Grundlose als dessen Gegenteil? Ursprung bedeutet doch causa sui, also das, was selbst keine Ursache, keine Herkunft mehr hat, also sich selbst begründet, grundlos ist.

Anders selbstverständlich im dialektischen Prozess. Hier herrscht ja stets das Problem, daß dessen Pole oder Extreme oder Momente nie ohne ihren jeweiligen Widerpart, der mit ihnen identisch ist und nichtidentisch, gedacht, aber stets nur isoliert von ihm hingeschrieben werden können. Diese Schwierigkeit des sprachlichen Ausdrucks kann dann bequem jeweils dem Anderen als inhaltlicher Fehler angekreidet werden. Ha: das soll dialektisch sein? Das ist doch nur ein schlappes Gegenüber, ein schlappes! Ich glaube auch nicht, daß mit Cassirer in obiger Weise der Begriff der Natur den beiden Frankfurtern angekreidet werden muß. Ich denke an Adornos Thesen über Bedürfnis, die den dialektischen, gesellschaftlichen Charakter der Natur selber auseinanderlegen. Umgekehrt natürlich: Das Grundlose als Platzhalter für die Abwesenheit des hypokäimenon im dialektischen Prozess ist dann wirklich der Gegenbegriff zum Ursprung. So gesehen: mea maxima culpa. Außer dem oben genannten Detail mit dem bastardo habe ich noch weitere Details zur Ausrede für die falsche Richtung meiner Kritik, die würden aber wohl diesen Rahmen hier sprengen.

Zum Schluß noch ein eher privates Wort, das ich Ihnen lieber gesagt hätte, aber Sie stehen nicht im Telefonbuch: Ich bin mir darüber vollkommen im Klaren, daß von uns beiden Sie der Gelehrte sind und ich der interessierte Laie. Aber eins glauben Sie mir bitte: bei allen Unzulänglichkeiten und Fehlern, die ich habe: dünkelhaft bin ich bestimmt nicht, in echt jetz, ohne Scheiß.

Wenn ich - wie Sie es ja nun selbst paraphrasieren - in immer neuen Formulierungen wiederhole, dass Pavese die Unerreichbarkeit des Ursprungs aufzeigt, ist es doch verdrießlich, wenn Sie schreiben: "Pavese, Huillet und Straub: Auf der Suche nach der Unmittelbarkeit." Nein, nein, nein! Und der bastardo ist doch nicht Pavese. Allerdings muss die Frage erst gestellt sein, um sie verneinen zu können.

Sie sind vermutlich der bescheidenste und freundlichste Mensch weit und breit, und doch ist dieser Satz dünkelhaft: "Hat nicht Foucault gesagt, hätte er Adorno früher kennengelernt, wäre ihm viel Arbeit erspart geblieben?" Denn er scheint zu besagen, wer Adorno gelesen hat, könne sich Foucault, vermutlich auch die Franzosen und überhaupt alles Weitere sparen. Die Frankfurter sind sicherlich nicht meine Lieblingsautoren, aber ich finde bei ihnen trotz allem Neugier, auch eine Anlage zur Selbstkritik, zur Prüfung. Bei erstaunlich vielen Adorno-Schülern und -Anhängern - hoffentlich bei Ihnen nicht - ist diese Nervosität in Selbstgefälligkeit übergegangen; sie haben es immer schon gewusst.

Von dem kürzlich Gegrüßten soll ich Sie zurückgrüßen.

Einstweilen vielen Dank für die Grüße, den Honig und die Anregungen. Gehe jetzt mich bessern. Aber dann ziehn Sie sich warm an!
So long

Mache ich.

Vermutlich habe ich mich einfach nicht klar genug ausgedrückt. Diese Postings können nur Skizzen sein. Weder habe ich Ethnologie noch Religionswissenschaft noch Theologie studiert, auch längst nicht alle Bücher von Pavese gelesen, ich saß so da, sah einen alten Straubfilm, dachte: "Das ist ja merkwürdig ...", und schon nahm das Unglück seinen Lauf.

Wenn ich mal wieder Zeit habe, schreibe ich vielleicht was über den "aleatorischen Materialismus" von Althusser. Davon habe ich auch keine Ahnung.

Na, Sie sind mir ja vielleicht ein Herzchen. Aber darauf falle ich natürlich keine Sekunde herein. Vielmehr hat Herr Baumann aus der Knesebecker Auftrag, geschätzte zwo bis drei Kilo sowohl Pavese als auch Ripplinger beizubringen. Der Winter naht und damit für den Ackerbauern de lege Tied. Der Mythos schillert heute so bunt, wer weiß, ob er bei all den Chats und reality soaps und Sportevents etc. pp. nicht doch irgendwo ein utopisches Türchen hat.
Nur, fühlen Sie sich bitte nicht belästigt. Ich will Ihnen zwar gerne Meldung machen, falls sich etwas Interessantes ergeben sollte, wenn Sie dann aber keine Lust haben, ist auch gut, dann bin ich nur tödlich beleidigt.
Tschüss

Aber natürlich, darauf freue ich mich schon. Bei Herrn Baumann kaufe ich übrigens auch gern ein.

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