Stefan Ripplinger:Platonismus der Armen
30. September 2008, 14.40 Uhr:

Platonismus der Armen

von Stefan Ripplinger

Ein unangenehmer Moment im Leben eines Menschen ist es, wenn er entdeckt, dass er ein chronischer Platonist ist. Mir ist das widerfahren. Scheußlich, sowas. Denn es bedarf keiner weiteren Erläuterung, dass der Platonismus via Begriff des „Logos“, Neoplatonismus, Renaissance die platte Aufklärung und den Positivismus, via Protestantismus und Idealismus die deutsche Philosophie entscheidend beeinflusst hat, alle bürgerlichen, unmaterialistischen Ideologien mithin; noch die Systemtheorie ist eine zutiefst platonistische Angelegenheit. Das ist kein Schnupfen. Ich wollte mich selbst davon kurieren.

Ein Platonist ist einer, der die Idee stets über die Erscheinung stellt. Davon ist man in Sachen Kunst und Musik recht bald geheilt. Im großen Streit zwischen Darmstädter Schule und Morton Feldman darüber, ob die Musik in der Partitur oder im Klang ist, würde ich inzwischen immer für Feldman und den Klang votieren, und das ist klar aristotelisch.

Aber leider ist die Erscheinungswelt noch viel, viel umfassender. Es gibt nicht nur Kunst und Musik. Es gibt auch große, kleine, dicke, dünne und andere Menschen, Tiere, Bäume aller Art, Blumen, Gemüse, Weine, Kleider, Möbel, Besteck … Es ist endlos. Wer sich als geborener Platonist für die Oberflächentexturen bei all diesen Myriaden Erscheinungen sensibilisieren wollte, müsste trotz kleiner Fortschritte verzweifeln. Obwohl mir zuerst der Typ auffällt und nicht das Individuum und ich allein schon aus Höflichkeit die Frage niederringe, ob das Individuelle nicht doch stark überschätzt wird, halte ich Menschen inzwischen meist auseinander, ebenso Nadel- und Laubbäume, und kann sogar eine Avocado von einer Zucchino unterscheiden. Aber damit ist es ja nie getan. Der Platonist erkennt: „Das ist eine Zucchino.“ Die ihn begleitende Aristotelikerin weiß aber zwischen gelben, grünen, gestreiften, gepunkteten und was weiß ich noch welchen zu unterscheiden; und das ist ja vielleicht wichtig. Was den Wein anlangt, habe ich mich in jahrelanger antiplatonistischer Kleinarbeit an bereits ganz ordentliche Bordeauxsorten herangesoffen, dann ging mir das Geld aus.

Und Geldmangel ist tatsächlich das größte Hindernis in diesem Programm. Gezwungen habe ich mich, mich für Architekten und Designer und Couturiers zu interessieren, und könnte heute glaub ich ein Damenkostüm von Yves Saint-Laurent auf Anhieb erkennen, welche Fähigkeit in meinem Viertel allerdings nie gefordert ist. Ungefähr da hört es dann auf.

Wer es sich nicht leisten kann, Unterschiede zu machen, kann sie zwar dennoch kennen. Es gibt, wenn auch selten, Leute, die arm sind wie die Kirchenmäuse, sich aber ein Leben lang die Nase an der Schaufensterscheibe plattgedrückt haben. Es gibt deshalb einen Dandysmus der Armen (Balls Titel ist allerdings besser als sein Buch), aber viel häufiger ist doch wohl der Platonismus der Armen, der auf dem tröstlichen Umstand beruht, dass Ideen nichts kosten, auch wenn sie einen manchmal teuer zu stehen kommen.

Kommentare

Na dann müsstest Du Dich ja über Intelectual Property besonders freuen, weil sich ja dadurch die Armen auch keine Ideen mehr leisten können.

Auch dass einer Ideen besitzen, pachten, verkaufen könnte, selbstverständlich ein platonistischer Irrglaube.

Tja, Sie sagen es. Das Leben lebt nicht, wer aber Erfahrungen will, sollte sich Fahrkarten leisten können. Andererseits:
Wenn ich einmal traurig bin, trink ich keinen Korn. Dann höre ich: „Nichts ist mir zu klein – Eine Sendung zum Gedächtnis an Barthold Heinrich Brockes.“(Aus: Arno Schmidt: Nachrichten von Büchern und Menschen – Elf originale Radio-Essays, cpo-ton, 2003; schriftlich: Arno Schmidt, Werke, II/1, Bargfelder Ausgabe, Haffmans, Zürich, 1990, S.129-152) Dieser Brockes ist der Platon (Das Urbild) des Aristotelismus im hier gemeinten Sinn. Zwei lustige Bezüge: Einmal der Beweis, daß die Vielfalt der Natur durchaus nicht die Hoffnung auf Bewältigung zu rauben braucht. Schon allein die Aufzählung („der Magnetberg der Realisten, an dem sie begierig scheitern“) der nicht enden wollenden Tulpensorten kann einen vor Lachen zu Boden schicken. Zweitens, noch bezaubernder: Schmidt weist darauf hin, daß diese „Realisten“, neben ihrem Ahn Brockes ist vor allem Stifter genannt, eine ihrer emsigen Arbeit entsprechende materiale Grundlage besaßen: „Nur die niederländisch-widerstandsfähige, ‚pomadige’, Konstitution eines äußerlich schwerfälligen Gemäßigtzonalen kann dergleichen Bilderflut auf die Dauer ertragen... ob Jean Paul oder Stifter: sie sahen alle wie ‚fette Pächter’ aus“

Das vielgestaltige Gewimmel ist nicht nur eine Frage des Geldbeutels, sondern auch eine Frage der Konstitution: Nase an der Schaufensterscheibe plattdrücken kann einen auch in rein geistiger Sammelwut fertig machen. And always mind your Cholesterinspiegel.


Hier aus lauter Übermut ein kleiner Splitter vom Juwel Brockes:

Hüben sich die Augen-Lider
durch die Musckeln selbst nicht auf,
sondern süncken immer wieder,
(Ach, man achte doch darauf!):
wie erbärmlich würd es lassen,
wenn man sie mit Händen fassen,
und erst aufwärts schieben müßt!:
Mercks, verstockter Atheist!

Genau.
Grüße.

Sehr hübsches Gedicht. Von Brockes habe ich nie gehört, hätte ihn für einen Berg gehalten (in Bergen bin ich auch ganz schlecht).
Was nun aber Stifter angeht, den kenne ich, und auch Schmidts Stifter-Kritik, die mir zu stifterisch ist. Denn alle die Gesteinsproben und Blumen und Käfer im "Nachsommer" kommen mir gar nicht wie Sammelstücke vor, sondern wie ... Wörter. Stifter habe ich für einen Bruder von Raymond Roussel gehalten.
Dies für heute, ade, muss ins Kino (Brüder Coen).

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