von Stefan Ripplinger
Ein unangenehmer Moment im Leben eines Menschen ist es, wenn er entdeckt, dass er ein chronischer Platonist ist. Mir ist das widerfahren. Scheußlich, sowas. Denn es bedarf keiner weiteren Erläuterung, dass der Platonismus via Begriff des „Logos“, Neoplatonismus, Renaissance die platte Aufklärung und den Positivismus, via Protestantismus und Idealismus die deutsche Philosophie entscheidend beeinflusst hat, alle bürgerlichen, unmaterialistischen Ideologien mithin; noch die Systemtheorie ist eine zutiefst platonistische Angelegenheit. Das ist kein Schnupfen. Ich wollte mich selbst davon kurieren.
Ein Platonist ist einer, der die Idee stets über die Erscheinung stellt. Davon ist man in Sachen Kunst und Musik recht bald geheilt. Im großen Streit zwischen Darmstädter Schule und Morton Feldman darüber, ob die Musik in der Partitur oder im Klang ist, würde ich inzwischen immer für Feldman und den Klang votieren, und das ist klar aristotelisch.
Aber leider ist die Erscheinungswelt noch viel, viel umfassender. Es gibt nicht nur Kunst und Musik. Es gibt auch große, kleine, dicke, dünne und andere Menschen, Tiere, Bäume aller Art, Blumen, Gemüse, Weine, Kleider, Möbel, Besteck … Es ist endlos. Wer sich als geborener Platonist für die Oberflächentexturen bei all diesen Myriaden Erscheinungen sensibilisieren wollte, müsste trotz kleiner Fortschritte verzweifeln. Obwohl mir zuerst der Typ auffällt und nicht das Individuum und ich allein schon aus Höflichkeit die Frage niederringe, ob das Individuelle nicht doch stark überschätzt wird, halte ich Menschen inzwischen meist auseinander, ebenso Nadel- und Laubbäume, und kann sogar eine Avocado von einer Zucchino unterscheiden. Aber damit ist es ja nie getan. Der Platonist erkennt: „Das ist eine Zucchino.“ Die ihn begleitende Aristotelikerin weiß aber zwischen gelben, grünen, gestreiften, gepunkteten und was weiß ich noch welchen zu unterscheiden; und das ist ja vielleicht wichtig. Was den Wein anlangt, habe ich mich in jahrelanger antiplatonistischer Kleinarbeit an bereits ganz ordentliche Bordeauxsorten herangesoffen, dann ging mir das Geld aus.
Und Geldmangel ist tatsächlich das größte Hindernis in diesem Programm. Gezwungen habe ich mich, mich für Architekten und Designer und Couturiers zu interessieren, und könnte heute glaub ich ein Damenkostüm von Yves Saint-Laurent auf Anhieb erkennen, welche Fähigkeit in meinem Viertel allerdings nie gefordert ist. Ungefähr da hört es dann auf.
Wer es sich nicht leisten kann, Unterschiede zu machen, kann sie zwar dennoch kennen. Es gibt, wenn auch selten, Leute, die arm sind wie die Kirchenmäuse, sich aber ein Leben lang die Nase an der Schaufensterscheibe plattgedrückt haben. Es gibt deshalb einen Dandysmus der Armen (Balls Titel ist allerdings besser als sein Buch), aber viel häufiger ist doch wohl der Platonismus der Armen, der auf dem tröstlichen Umstand beruht, dass Ideen nichts kosten, auch wenn sie einen manchmal teuer zu stehen kommen.
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