Stefan Ripplinger:Tati
9. Oktober 2008, 00.40 Uhr:

Tati

von Stefan Ripplinger

Claire Van Hoof und Emmanuel Tatischeff hatten zwei Kinder: Jacques Tatischeff, geboren in Le Pecq, einer Vorstadt von Paris, am 9. Oktober 1908, und Nathalie. (…)
Der heiß erwartete Playtime kam 1967 heraus. Er war auf 70-Millimeter-Material gedreht. Für ihn war eine ganze Stadt auf einer Brache nahe Vincennes errichtet worden. Dennoch wurde der Film nicht zu dem Erfolg, den viele erhofft hatten. Obwohl von Kinofans bewundert, floppte Playtime und brachte Tati in finanzielle Misslichkeiten.
(Michel Chion, The Films of Jacques Tati. Guernica: Toronto, Buffalo, Chicago, Lancaster 2006, S. 159–161)

play~time s Freizeit f, Zeit f zum Spielen od. zur Erholung.
(Langenscheidts Enzyklopädisches Wörterbuch der englischen und deutschen Sprache. Begründet von Prof. Dr. E. Muret und Prof. Dr. D. Sanders. Teil I Englisch–Deutsch. 2. Band N–Z. Völlige Neubearbeitung 1962. Hg. v. Dr. Otto Springer. Langenscheidt KG Verlagsbuchhandlung: Berlin-Schöneberg 1963, S. 1036)

Der Film sollte in den zu seiner Zeit modernsten Glas- und Stahl-Gebäuden spielen, aber es erwies sich als unrealistisch, z.B. eine Bank, ein Verwaltungsgebäude oder den Flughafen Orly, Gebäude also, in denen gearbeitet wird, für langwierige Dreharbeiten zu benutzen. Deshalb entstand der Plan, vor den Toren von Paris selbst zu bauen, zunächst als Drehort für den Film, später zum Verkauf als Büro- und Appartement-Gebäude. Diese Ursprungs-Idee wandelte Tati dann ab, indem er das Ganze so baute, dass es nach den Dreharbeiten zu PLAY TIME als eine Art Cinecitta genutzt werden sollte: ein komplett ausgestatteter Studio-Komplex für die französische Filmindustrie. Die Pariser Stadtverwaltung stellte ihm ein großes Grundstück im Südwesten von Paris zur Verfügung, in der Nähe des gerade fertig gestellten Boulevard Périphérique. Da dieses Grundstück bereits für eine Schnellstraßen-Kreuzung verplant war, wurde Tativille allerdings nie weiter benutzt, sondern nach den Dreharbeiten abgerissen.
(Heike Klippel, „Play Time: Herrliche Zeiten?“, in: Michael Glasmeier / Heike Klippel, Hg., „Play Time“ – Film interdisziplinär. Ein Film und acht Perspektiven. Lit Verlag: Münster 2005, S. 12)

Unsere Kultur ist gewissermaßen ein Produkt unserer Architektur. Wollen wir unsere Kultur auf ein höheres Niveau bringen, so sind wir wohl oder übel gezwungen, unsere Architektur umzuwandeln. Und dieses wird uns nur dann möglich sein, wenn wir den Räumen, in denen wir leben, das Geschlossene nehmen. Das aber können wir nur durch Einführung der Glasarchitektur, die das Sonnenlicht und das Licht des Mondes und der Sterne nicht nur durch ein paar Fenster in die Räume läßt, sondern gleich durch möglichst viele Wände, die ganz aus Glas sind – aus farbigen Gläsern. Das neue Milieu, das wir uns dadurch schaffen, muß uns eine neue Kultur bringen.
(Paul Scheerbart, „Glasarchitektur“ (1914), in: Ulrich Conrads, Hg., Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts. 2. Auflage, Bertelsmann Fachverlag: Gütersloh, Berlin, München 1971, S. 28)

Glanz wird nicht über die Inszenierung von Lichtquellen in einer bewegten Umgebung erzeugt, sondern entsteht hauptsächlich aus der Reflexion durch statische Objekte, durch die spiegelnden Böden, die glänzenden Oberflächen und das viele Glas, wobei Türen und Fenster durchaus auch Bewegung in die Lichtreflexe bringen können. Gerade dieser Effekt der Glasflächen wird aber auch immer wieder zurückgenommen, denn, so schreibt Brent Maddock, um „die zahlreichen Reflexionen zu verhindern, wurden photographische Vergrößerungen an Stelle von Fensterscheiben verwandt, […] [da] Tati […] befürchtet [hatte], die Reflexionen könnten zu verführerisch sein“. Glas wird vielmehr häufig in seiner Funktion als unsichtbare Barriere betont: es öffnet der Sicht, was es dem Zugang versperrt.
(Klippel, S. 19f.)

Das Fenster reicht von Stütze zu Stütze, es wird somit ein Langfenster.
(Le Corbusier / Pierre Jeanneret, „Fünf Punkte zu einer neuen Architektur“ (1926), in: Conrads, S. 94)

PLAYTIME: die Fenster, auch sie,
lesen dir alles Geheime
heraus aus den Wirbeln
und spiegelns
ins gallertäugige Drüben,

doch
auch hier,
wo du die Farbe verfehlst, schert ein Mensch aus, entstummt,
wo die Zahl dich zu äffen versucht,
ballt sich Atem, dir zu,

gestärkt
hält die Stunde inne bei dir,
du sprichst,
du stehst,
den vergleichnisten Boten
aufs härteste über
an Stimme
an Stoff.
(Paul Celan, Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe. Hg. v. Barbara Wiedemann. Suhrkamp: Frankfurt/Main 2003, S. 334)

Playtime
Entstehung: Paris, Rue Tornefort, 16.7. 1968. Zur Straße siehe „Aus dem Moorboden“ und „24 Rue Tornefort“.
Erläuterungen:
1 Playtime] Engl. für „Freizeit, Zeit zum Spielen“. Auf den gleichnamigen Film von Jacques Tati, der 1967 in die Kinos kam, spielt das Gedicht auch im Detail an: Spiegelndes oder zu durchsichtiges Glas spielt eine besondere Rolle, und der von Tati selbst gespielte Monsieur Hulot schert aus der kritisch gezeigten Amerikanisierung der Welt aus.
2 alles Geheime, 5 gallertäugige Drüben, 13.f. du sprichst, | du stehst] Siehe in Shakespeares Hamlet Horatios Bericht über das Erscheinen des Geistes.
(Barbara Wiedemann, „Kommentar“, in: Celan, S. 849)

HORATIO.
Zwei Nächte nach einander war’s den beiden,
Marcellus und Bernardo, auf der Wache
In toter Stille tiefer Mitternacht
So widerfahren. Ein Schatte wie Eu’r Vater
(Geharnischt, ganz in Wehr, von Kopf bis Fuß,)
Erscheint vor ihnen, geht mit ernstem Tritt
Langsam vorbei und stattlich; schreitet dreimal
Vor ihren starren, furchtergriffnen Augen,
So daß sein Stab sie abreicht; während sie,
Geronnen fast zu Gallert durch die Furcht,
Stumm stehn, und reden nicht mit ihm. Dies nun
In banger Heimlichkeit vertraun sie mir.
Ich hielt die dritte Nacht mit ihnen Wache;
Und da, wie sie berichtet, nach der Zeit,
Gestalt des Dings, buchstäblich alles wahr,
Kommt das Gespenst. Ich kannte Euren Vater:
Hier diese Hände gleichen sich nicht mehr.
( „Hamlet. Prinz von Dänemark“, erster Aufzug, zweite Szene. Übersetzt von August Wilhelm Schlegel. In: William Shakespeare, Sämtliche Werke in vier Bänden. Hg. v. Anselm Schlösser. Aufbau: Berlin/DDR 1974, Bd. 4, S. 276)

Verbindungen zu dem Gedicht lassen sich leicht herstellen. Wo Tati die Farben verfehlt, wo die Zahl der vervielfachten Individuen ihn zu äffen versucht, schert Hulot aus durch wildes Gestikulieren, entstummt mittels unartikulierter Gutturallaute. Hulot plagt sich mit Spiegelbildern in den allgegenwärtigen Fenstern; in einer Szene erscheint er selbst nur noch als Spiegelung, die von einem Angestellten mit ihm verwechselt wird.
(Wilfried Ihrig, „Hommage für Jacques Tati. Zu Paul Celans Gedicht ‚Playtime’“, in: Sprache im technischen Zeitalter, 113 / 1990, S. 79)

Es gilt, die geistigen Voraussetzungen für den Serienbau zu schaffen.
Die geistige Voraussetzung für die Herstellung von Häusern im Serienbau.
Die geistige Voraussetzung für das Bewohnen von Serienhäusern.
Die geistige Voraussetzung für den Entwurf von Serienhäusern.
(Le Corbusier, „Ausblick auf eine Architektur – Leitsätze“ (1920), in: Conrads, S. 59)

Am Ende ist es so, als ob der Moderne, den Scheerbart in die Welt entlassen wollte, in ihr umginge wie ein Gespenst. In seine Fenster bleibt er wie in ein Bild gerahmt, in ihnen erscheint er, gespiegelt oder abgetrennt, da und doch nicht da, als ob diese allgegenwärtigen Fenster ihm, nachdem alle Heimlichkeiten aufgehoben sind, alles Geheime aus den Wirbeln läsen und ins gallertäugige Drüben spiegelten. Diese Fenster lassen für den Außenstehenden alles verstummen, was sich in ihrem Käfig abspielt, für den Innenstehenden alles, was sich draußen abspielt; sie erzeugen Stummfilme.

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