von Stefan Ripplinger
Wenn ein düsterer Mann in düsterer Zeit einen düsteren Film dreht, ist schwer zu sagen, was den Film so düster gemacht hat, der Mann oder die Zeit. Ich denke an zwei Filme, die beide unter deutscher Besatzung, der eine in Frankreich, der andere in Dänemark, 1943 entstanden sind, „Le Corbeau“ (Der Rabe) von Henri-Georges Clouzot und „Vredens dag“ (Tag des Zorns) von Carl Theodor Dreyer.
Verglichen mit den bekanntesten Filmen von Clouzot, „Les Diaboliques“ (Die Teuflischen) und „Le Salaire de la peur“ (Lohn der Angst), ist „Le Corbeau“ der am wenigsten böse. Hier ist noch nicht alles bis in den Kern verrottet, es gibt freundliche Gesten, hilfreiche Gestalten. Allein, die Atmosphäre des Misstrauens, der Denunziation, der Angst überschattet alles. Clouzot trägt hier weniger Schwarz als Grau auf, und das macht einen viel größeren Eindruck. „Le Corbeau“ bezieht seine Stärke aus dem, was er nicht zeigt. Nicht erst, als sich die Menge gegen eine Verdächtige zusammenrottet, wird unübersehbar, wann das spielt. 1943. Bei Dreyer könnte man die Parallele noch viel leichter ziehen. Gleich am Anfang schon hört man den Chor der Büttel, „auf den Scheiterhaufen mit ihr, ihr Fleisch soll brennen“, bald darauf sieht man, wie die Alte gefoltert und verbrannt wird. Es ist ein entsetzlicher Film; Dreyer hat den diabolischen Einfall, zur Verbrennung einen Knabenchor auftreten und singen zu lassen. Und doch bin ich mir sicher, dass er, hätte er „Vredens dag“ 1933 oder 1953 gedreht, keinen Deut daran geändert hätte. Die Inquisition hat er schon in „Jeanne d’Arc“ (1928) gezeigt, das Aufeinandertreffen liebesunfähiger mächtiger Männer mit einer vor Liebe wahnsinnigen Frau zeigt er noch in „Gertrud“ (1964). Nein, die Zeit hat nicht abgefärbt, es ist die Düsternis des Mannes, Dreyer, aber in welcher Zeit hat er gelebt? „Vredens dag“ ist kein Film über Hexenverfolgungen, sondern über die Macht der Augen, die nicht nur blicken, sondern auch spiegeln und verwünschen können. Und das können sie gleichzeitig: Wenn sie blicken, spiegeln sie, wenn sie spiegeln, verwünschen sie. Weil sich jeder im andern spiegelt, verwünschen sich alle. Bis zum bitteren Ende fragt man sich, ob hier nicht alle des Teufels sind, oder alle von Gott, und ob das eine und das andere nicht ungefähr dasselbe meinen.
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