von Stefan Ripplinger
Die beiden intellektuellen Urtypen sind der Säusler und der Polterer. Schwer zu sagen, wer von beiden unangenehmer ist. Der eine verliert sich in süßlichem Gefasel, der andere löst selbst delikateste Probleme wie Alexander den Knoten. Der eine findet kein Ende, dem andern ist jede Abkürzung recht. Der eine lässt sich nicht festlegen, der andere legt gleich auch alle andern fest. Selbstverständlich hassen sie einander wie die Pest, aber ihr Streit ist ganz uninteressant.
Das ging mir auf, als ich die „Politische Romantik“ von Carl Schmitt las. Ein amüsantes Buch, das aber doch nur einen einzigen Gedanken enthält: Die Romantiker seien ein säuselndes, saumseliges, unzuverlässiges Pack. Schmitts Buch wiederholt im Grunde nur das Ressentiment, das Hegel gegen Hamann und dessen „lungernde, bestimmungs- und arbeitsscheue Lebensart“ hegt. Das ist, zumindest was die Bestimmungsscheu anlangt, ganz ungerecht. Denn Hamann ist überaus bestimmt, geradezu das Muster eines ganz und gar Festgelegten, er mag viele Wörter kennen, aber es geht ihm doch immer nur um das Eine Wort, und das ist das Luthers; seltener Fall eines Polterers, der in allen Zungen säuselt.
Mit Schmitt ging es mir wie mit dem alten Krauter, den man ganz komisch finden kann, wenn er einen Abend lang seine Sprüche klopft. Aber wenn er sie dann am nächsten Abend schon wieder bringt, wird es trostlos. Leicht zu begreifen, warum einer sich gelegentlich von Bernhard oder Brinkmann, Hacks oder Henscheid, Schmidt oder Schmitt unterhalten lässt (ich tu’s nicht), aber ganz unbegreiflich, dass manche mit ihnen ihr Leben zubringen wollen. Da heißt es, bei diesen werde nicht gesäuselt und gefackelt, sondern kurzer Prozess gemacht. Ja, das sehe ich auch. Aber weshalb sollen denn die Prozesse so kurz sein? Dieses Denken hasst nichts mehr als zu denken. Und darin sind sich übrigens Säusler und Polterer ganz einig, sie mogeln sich beide ums Denken herum. Der „spröde Geschmack an der Verfeinerung, am Paradox, an der Aporie“, von dem Derrida in seinem letzten Interview sprach, ist ihnen fremd. Der eine vernebelt das Schwierige und Anstößige, der andere haut es platt.
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