Was hätte die Linke wohl gesagt, wenn nach dem Aufstand in Soweto jemand so etwas geschrieben hätte?
„Natürlich bedarf es klarer Worte gegen die Niederschlagung friedlicher Demonstrationen. Jede darüber hinaus gehende politische Einmischung des Westens in diesen internen südafrikanischen Machtkampf aber wäre falsch, weil kontraproduktiv. Sicher, die Vorstellung, weitere Jahre mit einem inbrünstigen Hardliner an der Spitze der südafrikanischen Regierung umgehen zu müssen, ist alles andere als angenehm. Aber hüten wir uns davor, nach Ian Smith in John Vorster den nächsten „Hitler Afrikas“ als Projektionsfläche für wie auch immer geartete, gar „humanitäre“, Interventionen aufzubauen. (…) ‚Diplomacy’ steht nicht erst seit Henry Kissinger im fatalen Geruch, nur eine Technik zum kaltherzigen Vollzug von Machtinteressen zu sein. Diplomatie, die den Namen verdient, (…) braucht den nüchternen Blick auf die Verhältnisse in Südafrika. (…) Das System erscheint stabiler als vermutet. Dieser Befund darf vor dem Hintergrund der politischen Geschichte Südafrikas nicht wirklich überraschen.“
Oder so etwas:
„Brennende Autos, wüste Straßenschlachten, prügelnde Bullenhorden und Massenproteste. Seit dem Erlass des Dekrets sind ‚Action Weeks’ in Südafrika. Hunderttausende protestieren gegen angebliche Diskriminierung und für eine ‚Reform’ des Apartheidstaates. Es gibt Tote und viele Verhaftete. Vor allem Jugendliche beteiligen sich an der Revolte. (…) Was woanders als ‚extremistische Ausschreitungen’ und ‚sinnlose Gewalt’ abgewatscht worden wäre, gilt im Fall Südafrikas als ‚Freiheitskampf’ und ‚gelebte Demokratie’. Die Proteste passen den Propagandisten des Menschenrechtsimperialismus gut ins Konzept. Durch die Nebelbombe der bürgerlichen Presse verunsichert, tut sich die radikale Linke mit einer Analyse der Ereignisse dagegen schwer.“
Nun ersetzen Sie einfach mal alle Bezüge auf Südafrika durch die entsprechenden Bezüge auf den Iran, und schon landen Sie beim Freitag und der Antifaschistischen Linke Berlin. Bei zahlreichen anderen Stellungnahmen aus der Linken und „Der Linken“ funktioniert das Verfahren genauso gut.
Man hat dem „Imperialismus“ früher alles mögliche vorgworfen, dass er sich erdreistet, Menschenrechte verbreiten zu wollen, gehörte allerdings nicht dazu. Die gängige Forderung war vielmehr, ob es um das Chile Pinochets ging oder das Apartheid-Regime, die demokratische Opposition zu unterstützen, vor allem durch ökonomische Sanktionen. Den Dialog mit rechtsextremen Diktaturen zu suchen, überließ man damals dem Stahlhelm-Flügel der CDU, Leuten wie Bruno Heck, der Folter, Massenverhaftungen und die Internierung in einem Fußballstadion in Chile so kommentierte: „Bei sonnigem Wetter ist das Leben im Stadion recht angenehm.“
Dass Linksliberale, die sich ärgern, weil der Joschka und nicht sie selbst den Außenminister geben durften, nun wenigstens fiktive Politikberatung betreiben wollen und für staatsmännische Weisheit halten, was zufällig den deutschen Wirtschaftsinteressen entspricht, erstaunt nicht. Aber was ist bei den Autonomen los? Ist es ein Minderwertigkeitskomplex, weil die Iraner sie trotz der ungleich härteren Bedingungen in Sachen Riot deklassiert haben? Für ein radikales Selbstbewusstsein spricht es jedenfalls nicht, wenn man sich durch „Nebelbomben“ bürgerlicher Medien an eigenen Analysen hindern lässt. Wird ein Vorbeter vermisst? Auch fragt man sich, ob diese Leute wirklich so traurig darüber sind, dass in der Bild-Zeitung nicht steht: „Neuer Erfolg im Kreuzberger Freiheitskampf! Wieder eine Bonzenschüssel flambiert!“
Ärgern Sie sich auch ständig über den haarsträubenden Unfug, den Linke oder Leute, die dafür gehalten werden, von sich geben? Vielleicht ist es dann ein kleiner Trost, zu erfahren, dass auch Rechte es zuweilen meisterhaft vestehen, sich zu blamieren. Das beweist immer wieder Bettina Röhl. Sie weiß: „Marx war viel schlimmer als Madoff“. Sie weiß auch: „Madoff ist tatsächlich ein böser Kapitalist. Aber deswegen ist der Kapitalismus an und für sich nicht böse.“ Weiter geht die Märchenstunde: „Madoff hat das Geld nicht vernichtet, sondern es in den Wirtschaftskreislauf wieder eingespeist, in dem das Geld seine Arbeit wieder verrichten konnte.“ Wenn es nicht wegen der Finanzkrise entlassen wurde und nun auf dem Arbeitsamt herumsteht. Jedenfalls „sind 1000 Madoffs für die Weltökonomie, für die globalisierte Wirtschaft, für den weltumspannenden Kapitalismus Peanuts“.
Ganz anders der Marx. „150 Jahre Karl Marx haben große Teile der Menschheit in Völkermord und ökonomisches Völkerleid herab gerissen.“ Denn „Milliarden Menschen haben täglich in den kommunistischen Systemen geschuftet und dabei per Saldo dabei mehr Vermögen verbraucht als produziert.“ Aber das hätte alles nicht sein müssen: „Hätte man Karl Marx damals 150 Jahre aufgebrummt und damit die Menschheit gegen Marx immun gemacht, das globale Volksvermögen wäre um einen Faktor von 10 hoch sehr viele Nullen höher als heute.“ 10 hoch Null ergibt eigentlich 1, aber wir wollen nicht kleinlich sein, wenn es um große Ideen geht, um den ewigen Kampf gegen das Böse. „Das Moment des Bösen lassen wir mal schön dort, wo es hin gehört, beim Kommunismus und dessen teuflisch bösen Geistern und dessen Verbrechen und dessen systembedingtem ökonomischen Versagen, das Milliarden von Menschen ruiniert hat.“
Wo lauern Satans Heerscharen? „Der geniale Scharlatan Gregor Gysi und ein bösartig verbiesterter Oskar Lafontaine – das sind die gefährlichen Rattenfänger dieser Tage, und Medien- und Talkshow-Macher, die mit dem Feuer spielen und solchen Rattenfängern hoffnungslos überproportional Massenkommunikationsräume einrichten. Von der Linkspartei seit 150 Jahren nichts Neues. Aber immer wieder Neuaufgüsse der alten Pläne die Menschheit mit antikapitalistischen Hirngespinsten zu ruinieren.“ Damit niemand die Botschaft vergisst, steht am Ende noch einmal: „Marx ist jedenfalls weit schlimmer als Madoff.“
In einem haben die Konservativen recht. Eine schwierige Kindheit kann nicht alles entschuldigen.
Kommunikation kann interessant sein, manchmal jedenfalls, wenn sie nicht gerade langweilig ist oder anstrengend, oder nervtötend, oder mit Leuten wie Reinhard Bütikofer stattfindet. Fehlkommunikation dagegen ist eigentlich immer interessant. Zum Beispiel, wenn jemand ‘musical notes’ kommunizieren möchte und dann, 44 Kommunikationsteilnehmer später, vom letzten solchen stattdessen verstanden wird: ‘Giant flying squid asks a UFO why a couple would leave their baby behind’. Wer wissen will, wie das passieren konnte, sollte hier nachsehen:
Broken Picture Telephone. The game of miscommunication.
Der riesige fliegende Tintenfisch ist zu finden im Archiv, unter ‘highest rated of all time’.
Mehrere linke Organisationen in Pakistan haben sich zur Labor Relief Campaign gegen „religiöse Fanatiker und staatliche Repression“ zusammengeschlossen. Die LRC bittet um Spenden für die Flüchtlinge, deren Zahl sich seit der Veröffentlichung des Aufrufs am 21. Mai von 1,5 auf drei Millionen verdoppelt hat.
Friesische Ohrenvon Jörn Schulz