Jörn Schulz:Die Prediger der anderen
3. April 2008, 17.31 Uhr:

Die Prediger der anderen

von Jörn Schulz

Ich würde nicht in ein Flugzeug steigen, wenn der Pilot mir vorher erzählt hat: »Bevor ich eine wichtige Entscheidung treffe, konsultiere ich erst einmal meinen spirituellen Berater.« Erst recht würde ich Menschen, die sich auf spirituelle Berater berufen, keinen Atomkoffer in die Hand geben. Wer Präsident der USA werden will, muss jedoch einen oder mehrere dieser Berater vorweisen können. Denn die Amerikaner sind gläubig, und sie wollen, dass auch ihr Präsident es ist. Vielleicht glauben auch nur die Wahlkampfberater, dass die Amerikaner so gläubig sind und auf einem frommen Präsidenten bestehen, aber das Ergebnis ist das Gleiche.

Das wirft hin und wieder Probleme auf, denn, wie Christopher Hitchens schreibt: »Sie können mit fast allem davonkommen, wenn vor Ihrem Namen ‚Reverend’ steht.« Wie Barack Obama die Probleme bewältigt hat, die sein Prediger Jeremiah Wright ihm bereitete, können Sie in der Jungle World nachlesen. Wie aber steht es um die spirituelle Beratung John McCains und Hillary Clintons?

McCain bekundet, »sehr stolz« auf die Unterstützung seines Pastors John Hagee zu sein. Hagee ist ein Apokalyptiker, der in seinem Buch »Jerusalem Countdown« prophezeit, der unvermeidliche Atomkrieg mit dem Iran werde zu einem nuklearen Weltkrieg und dem Erscheinen Christi führen. Die katholische Kirche nennt er die »große Hure« und ein »falsches Kultsystem«, die Überschwemmung in New Orleans eine Folge des zu hohen »Sündenniveaus« in der Stadt. McCain hat sich bislang nicht distanziert.

Clinton ist Mitglied der Fellowship, eines »Netzwerks nach Geschlecht getrennter Zellen«, in denen sich einflussreiche Politiker, Unternehmer und Offiziere organisieren, die »glauben, dass die Elite ihre Macht durch den Willen Gottes gewann, der sie für seine Zwecke benutzt.« Die Gruppe mischt Ideen des Calvinismus mit den Lehren Norman Vincent Peales, der das »positive Denken« predigte. Positives Denken braucht Clinton allerdings auch, wenn sie am Glauben festhalten will, sie könne noch Präsidentin werden.

Kommentare

Immer mal ruhig mit den jungen Pferden. Erstens ist Hagee nicht DER Pastor VON John McCain, sondern EIN Pastor, der ihn unterstützt. Und zweitens hat McCain sich natürlich von den oben zitierten Aussagen distanziert. Nicht aber von Hagee als Person. Weil dieser nämlich (und nun kommt das, was Euch eigentlich auch gefallen sollte) er so ein engagierter Kämpfer für Israel ist.

wullenwever,
maccain hat sich nicht von hagee distanziert weil dieser ein freund israels ist? klingt reichlich monokausal. übrigens: der freund meines freundes ist nicht notwendigerweise mein freund!

“That does not mean that I support or endorse or agree with some of the things that Pastor John Hagee might have said or positions that he may have taken on other issues", sagte McCain.

Ich habe keine Äußerung von McCain gefunden, die erklärt, welche Ansichten Hagees er falsch findet. Das könnte man bei einer Distanzierung doch wohl erwarten, zumal angesichts solcher Aussagen Hagees: „It was the disobedience and rebellion of the Jews, God’s chosen people, to their covenantal responsibility to serve only the one true God, Jehovah, that gave rise to the opposition and persecution that they experienced beginning in Canaan and continuing to this very day.” Oder auch: “Their own rebellion had birthed the seed of anti-Semitism that would arise and bring destruction to them for centuries to come.” (aus: “Jerusalem Countdown”) Für schiitische Apokalyptiker wie Ahmadinejad ist die Vernichtung Israels die Voraussetzung für die Erlösung der Menschheit durch den verborgenen Imam. Das ist zweifellos weitaus gefährlicher als die Haltung der christlichen Apokalyptiker, denn für sie ist die Existenz Israels die Voraussetzung für die Erlösung, das Erscheinen von Jesus. Kommt der große Moment, müssen die Juden aber einsehen, dass sie die ganze Zeit Unrecht hatten, oder es geht hinab in den feurigen Pfuhl.

Die drei spiritual guides zu vergleichen ist eine gute Idee. Es sind für mich drei Facetten der Verkommenheit der christlichen Religion, die in den USA viel ambivalenter als in Europa ist bzw. war.

Martin Luther King Jr. muss in seinem Grab eine Rotationsgeschwindigkeit erreicht haben, mit der man viele nicht erneuerbare Energieressourcen sparen könnte. Am ekelhaftesten finde ich aber den clintonitisch-positiven Calvinismus, der nur scheinbar am harmlosesten wirkt. Im Gegensatz zu den beiden anderen unappetittlichen Strömungen enthält er ein totales Einverstandensein mit dem Zustand der Welt und die Gleichsetzung von Segen und materiellem Erfolg. Fundamentalistisch ausgedrückt ist das am weitesten von den Lehren der Bibel entfernt, die eine Menge Sozialkritik und einen antiken Halbsozialismus transportiert.

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