Stefan Ripplinger:Oppen
24. April 2008, 00.11 Uhr:

Oppen

von Stefan Ripplinger

Der Dichter George Oppen wurde heute vor hundert Jahren in New Rochelle/New York geboren. »Er ist ein Meister des Leerraums, von Zurückhaltung, Überblendung und Nuancierung. Seine Kunst, obwohl so fein im Detail, so peinlich genau, gewinnt Weite und Grandeur durch etwas, was einem in manchem wie eine völlige Beherrschung der Perspektive erscheint.« (Louise Glück in »Proofs & Theories«, Ecco Press: Hopewell / New Jersey 1994)

Zu seinem Leben und Werk siehe die April-Nummer von konkret oder die Einführung auf Youtube. Hier als Würdigung ein Mini-Dossier, es besteht aus einem Brief, einer Prosa und einem Gedicht.

George Oppen:
Brief an L.S. Dembo, 16. Oktober 1969

(Der Literaturwissenschaftler Dembo führte in dieser Zeit ausführliche Interviews mit einigen objektivistischen Dichtern, so auch mit Oppen, der ihm hier einen Fragebogen zur Person beantwortet.)

Lieber Larry:
1) in S(an) F(rancisco)eingetroffen nicht lange vor meinem zehnten Geburtstag
2) Mary und ich kamen … vermutlich 1928 in New York an Kann nicht früher, könnte auch Frühjahr 1929 gewesen sein (Mary Colby und Oppen hatten sich 1926 in der Universität von Oregon kennengelernt, waren nach einer Liebesnacht relegiert worden und durchs Land getrampt, schließlich mit einem Einmaster nach New York gesegelt.)
3) (Wann hast Du die Dichter Louis Zukofsky und Charles Reznikoff kennengelernt, unter welchen Umständen?) 1928-1929: bald nach der Ankunft in New York Ein Bericht, wie das Treffen mit Zuk(ofsky) war, in Deinem Interview mit mir. Zuk(ofsky) kannte Rezi (Reznikoff) Stellte uns vor? Gab uns seine Adresse?? Jedenfalls zeigte er uns seine Gedichte: wir hätten ihn gefunden.
4) (Wann nahm Euer Verlag To Publishers seine Tätigkeit auf?) Wms (William Carlos Williams’) Novelle und andere Prosa war die erste Veröffentlichung von To Publishers. Es dauerte vermutlich drei Monate, bis wir das gedruckt hatten. Müssen wir den Beginn von To Publishers auf diesen Zeitpunkt datieren? Oder auf die Zeit, als wir aus N.Y. abreisten, um den Ort zu finden, an dem es sich am billigsten leben und drucken ließe? Zuk fing jedenfalls zu dieser Zeit an, Mss. (Manuskripte) zu sammeln Well, 1931 kamen wir in Frankreich an Könnte auch 30 gewesen sein Ich war 21 (1929) und erhielt deshalb ein mickriges Erbe mickriges Einkommen
5) (Haben sich Zukofsky und Reznikoff auf das Wagnis von To Publishers eingelassen?) Zuk redigierte. Nur er redigierte: er allein redigierte Wir unterstützten Zuk (kaum), während To Publishers lief Rezi war an To nicht wirklich beteiligt
6) Aus Frankreich 1933 zurückgekehrt
7) (Welche Rolle spieltest Du bei der Objectivist Press und wie lange?) Bericht über den Aufbau von Ob Press in Wms Autobiog. Ich sah das Ms. dieser Autobiog in der (Beinecke) Rare Book Library in Yale: in einer Glasvitrine, es war genau an der Stelle aufgeschlagen. Der Bericht ist im Ms. länger als im gedruckten Buch (((meine Mitarbeit wird in Wms Brief an Agee (tatsächlich: Nathanael West) erwähnt Auch in Briefen von Pound
Wms Bericht und die Berichte in den Wisconsin-Interviews zeigen, ganz richtig, dass jeder einfach mit seinem eigenen Buch herauskam - - - Keine Vertriebsmaschinerie, wenn ich mich recht entsinne - - - Gab es doch eine, müsste Rezi sie bedient haben
Aber Zuk, Rezi, Williams und ich trafen uns von Zeit zu Zeit - - nicht offiziell als Obj(ectivist) Pub(lishers), aber wir diskutierten über die Sachen - -
Aber keine Pläne: da gab es keine Pläne, nichts, was wirklich den Charakter eines Plans hatte. Wir waren ein Name: ein Name für die Titelseite, aber auch ein Name, der einen Bezirk der Poesie bezeichnete
8) (Folgte Objectivist Press nahtlos auf To Publishers?) Halten wir fest, dass To Publishers zu existieren aufhörte, als wir Frankreich verließen. Obj Press wurde fast unmittelbar, nachdem wir zurück in NY waren, organisiert
9) (Warst Du politisch aktiv, während Du Gedichte schriebst?) Keine Politik während des Schreibens
(Ich erinnere mich aber an einen Versuch, in Versen die erste Straßenversammlung zu beschreiben, an der wir teilgenommen haben Hab’s nicht aufgehoben - - (erinnere mich an die Formulierung ‚jeder an jeden genäht’ - -)
10) In die K(ommunistische) P(artei) wohl 1935 eingetreten - - Vielleicht auch Anfang ´36
11) (Schildere die Umstände Deines Militärdienstes während des Zweiten Weltkriegs.) Mehr oder weniger freiwillig in den Z(weiten) W(eltkrieg) d.h. Arbeitete bei Grumman Aircraft Deshalb wurde ich automatisch zurückgestellt, das steht auch auf meiner Rekrutierungskarte - -
Enttäuscht, dass die KP unfähig war, etwas im Krieg zu tun - - - ich meine, in den Krieg zu ziehen Andererseits wollte ich die Qualifizierung als Werkzeugmacher behalten Grumman hatte mich als Werkzeugmacher eingestellt, wenn auch nicht als solchen eingestuft, um eine Gehaltserhöhung zu vermeiden Ohne die Einberufungsbehörde, ohne um eine Rückstellung als Vater (oder etwas über dem Einberufungsalter liegend, usw.) zu bitten – - ging ich nach Detroit, kriegte einen Job als Werkzeugmacher, den ich für sechs Monate oder länger hatte Arbeit wurde natürlich ‚eingefroren’ (gesperrt) und es wurde - - mit Strafe - - gezogen, wer das Sperren der Arbeit auf diese Weise durchbrach Ich wusste selbstverständlich, dass ich dran war
Diente als Unter(offizier) in der Transporteinheit der Panzerabwehr, später als Schütze. 103. Division, 411. Infanterieeinheit.
Landete mit der ersten ‚Welle’ (es gab keine deutsche Gegenwehr) in Marseille, umging Paris (Du erinnerst Dich an die Geschichte: Die Eroberung von Paris wurde der Résistance und der französischen Ersten Armee überlassen - - erste Frontberührung in den Vogesen (St. Pierre Le Haut) - - - verwundet in Deutschland(am 22. April 1945), nicht lange vor dem Sieg Spital in Nancy - - -
Eine 88-Millimeter-Granate flog in einen Fuchsbau: Drei von uns waren in dem Fuchsbau (Oppen überlebte als einziger) »The circumstances«
—–
In großer Eile geschrieben, Larry Reicht’s?
und beste Wünsche Bin froh, dass Du das Stück schreibst
George

(Rachel Blau DuPlessis, Hg.: The Selected Letters of George Oppen. Duke University Press: Durham und London 1990, S. 201-203)

Ohne Widerstand usw., oder Von den Schuldlosen

Wenn ich keinen Widerstand geleistet hätte gegen diese Macht – eine Macht, wie es die Hitlers war –, eine Macht, die fast alle vernichtet hätte, die ich gekannt habe, Freunde, Tochter, Mary, Nichten, Großnichten, Großneffen, Radikale, Liberale, die Dichter –
Wenn ich gekämpft habe, und gekämpft habe um zu töten, so habe ich an Schuldgefühlen gelitten, der Schuld der Schuld UND der Schuld der Angst, an der Sehnsucht wegzulaufen, der Schuld, von der ich berichtet habe, der Schuld dieses Fuchsbaus (und wer kämpft überhaupt? Der Betrogene, der Idiot, der Dummkopf und auch diejenigen, die gar keine Wahl haben, die Helden sein müssen, um sich gegen das Verbrechen zu wehren)
Wenn ich getötet habe, leide ich an Schuldgefühlen. Wenn nicht, leide ich … Ich weiß nicht mal ein Wort, ein Wort für das, was ich dann erleiden würde
– dass ich nicht existiere und niemals existiert habe, das schreckliche Wissen, eine Fälschung zu sein, eine Lüge, dass nichts so war, wie ich es gesagt, wie ich es behauptet habe, dass ich niemanden je geliebt habe, dass diejenigen, die mich oder jemanden wie mich geliebt haben, sich bloß getäuscht, auf Mitleid erregende, tragische Weise getäuscht haben, dass sie nur die schlichteste, trügerische, bloße Wärme meines Daseins empfangen haben, getäuscht, betrogen, gedemütigt worden sind, alles, was sie für nichts einem Nichts haben geben können, war nichts – In ihren letzten Momenten würden sie das wissen. Stirb wie ich oder kämpfe mit nichts, ohne alles, von dem sie gedacht haben, es gehörte ihnen, ohne eine Vergangenheit, mit nichts. Weggeworfen, ungeliebt, beschämt, erniedrigt
– entkleidet, in die Gasöfen gepfercht. Denke
Denk auch an die Kinder. Die Wachleute lachen.
Ja, wir betrügen uns selbst. Besser wär’s, sagen wir, das Gewehr auf einen unbekannten Mann zu richten und abzudrücken. Wenn’s geht, vorsichtig Oder wir lassen Bomben aus der Luft fallen. Er (das Ziel unseres Angriffs) hat »seine eigene« Armee wie wir auch, seine Kinder werden mit den Orden herumstolzieren Wir betrügen uns selbst in diesen Dingen, aber der Andere? Wir können das nicht tun Die Kinder dürfen nicht allein sterben. Es muss doch einen Vater, eine Mutter, es muss Freunde gegeben haben, da muss doch irgendwer gewesen sein.

(Zuerst in West End, 1/1974, hier übersetzt nach George Oppen: Selected Prose, Daybooks, and Papers. Hg. v. Stephen Cope. University of California Press: Berkeley, Los Angeles, London 2007, S. 46)

Song, the Winds of Downhill

‚out of poverty
to begin

again’ impoverished

of tone of pose that common
wealth

of parlance Who
so poor the words

would with and take on substantial

meaning handholds footholds

to dig in one’s heels sliding

hands and heels beyond the residential
lots the plots it is a poem

which may be sung
may well be sung

(George Oppen: New Collected Poems. Hg. v. Michael Davidson, Vorwort von Eliot Weinberger. Carcanet: Manchester 2002, S. 220. Das Anfangszitat stammt von Charles Simic. Hier liest Oppen eine längere Fassung.)

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