von Stefan Ripplinger
John Berryman, »The Imaginary Jew« (1945), The Freedom of the Poet. Farrar, Straus & Giroux: New York 1976, S. 359–366
Den zweiten Sommer des europäischen Kriegs verbrachte ich in New York. Ich lebte in einer Souterrainwohnung in der Lexington Street, über der 34., schrieb ziemlich viel, versuchte, nicht an Europa zu denken, und spielte Musik auf einem kleinen Grammophon, dem einzigen Ding, das, außer den Büchern, in dem Zimmer mir gehörte. Haydns Londoner Symphonie, seine letzte, hörte ich in zwei Monaten wohl fünfzigmal. Als ich eines Nachts aufgeregt war, ließ ich den Tonarm fallen und erzeugte eine Serie von Kratzern zu Beginn des letzten Satzes, gerade da, wo die Oboe die Streicher zu begleiten beginnt, und noch immer, wenn ich das höre, denke ich an diesen tiefen, dunklen, länglichen, feuchten Raum zurück, kann ich seine feuchte Hitze und Möblierung riechen.
Ich versuchte damals, wie man so sagt, auf die Füße zu kommen, unsicher und niedergeschlagen nach einem anstrengenden Jahr. Warum ich das ausgerechnet in New York tun wollte – einer Stadt, die, wie ich seit Jahren wusste, im Sommer Feindin von Körper und Seele ist –, ist mir unerfindlich; vielleicht wollte ich’s gar nicht, aber wurde Woche um Woche festgehalten aus einem Grund, der gerade die Gestalt einer jungen Frau annahm, die ich an Weihnachten kennengelernt hatte und die nun meine Beschäftigung war in allen Nächten, die ich nicht einsam und in ruhloser Düsternis verbrachte. Hin und wieder ging ich in den Zoo am unteren Central Park und betrachtete mit Spannung das außergewöhnliche Verhalten einer Dächsin. Eine Zeitlang durchquerte sie rasch den Käfig. Dann näherte sie sich einer Seite aus einem bestimmten Winkel in einem entschlossenen, kaum wahrnehmbaren, lässigen Trotten; auf einmal, nur noch Zentimeter entfernt, streckte sie ihre Nase hoch, folgte ihr zu ihrem Rücken, schlug ein Salto, geschickt und leicht, und bewegte sich geschmeidig und unbekümmert wieder weg, als ob sie diese Bewegung, die ihr kaum bewusst gewesen sein dürfte, gar nicht ausgeführt hätte. Es gab noch einen andern Dachs in dem Käfig, der so etwas nie machte, und auch an dieser Dächsin war weiter nichts bemerkenswert, nur dieses akrobatische, beiläufige Salto, das sie, solange ich sie beobachtete, alle fünf oder zehn Minuten vollführte; und dann entfernte sie sich übrigens in einem fixen Winkel von der Seitenwand, wie sie sich ihr zuvor genähert hatte. Das Vergnügen, das ich hatte, wenn sie ihre Nase reckte und ich wusste, dass sie mich nicht enttäuschen wird, lässt sich nicht mehr wiederholen, das Geheimnis ihres absoluten Verzichts lässt sich nicht mehr erfahren – sie ist weggebracht worden oder gestorben.
Die Geschichte, die ich zu erzählen habe, gehört ebensowenig noch diesem Sommer an wie ein Alptraum sich hinterher aus dem Stand des Mondes erklärt, den man betrachtet hat, als man zu Bett ging. Sie hätte sich auch zu einer andern Zeit, an einem andern Ort zutragen können. Zweifellos hat sie das getan, tut sie es, wird es tun. Doch ist die Begabung des Geistes zu reiner Erinnerung so schwach ausgebildet – das reine Bild von K allein –, dass man ihm immer auf die Sprünge helfen muss, so als ob man eine unbekannte Stadt betreten würde: Architektur, Geschichte, Handel, Folklore. Um wieviel unsicherer noch unsere Annäherung an eine Stadt, die wir – wie meine kleine Geschichte – gekannt und vergessen haben. Und wie wenig wir daraus lernen! Ein Teil der Geschichte ist der einsame Sommer. Teil der Folklore ist das, was ich, denke ich mir, auch jetzt unwillkürlich rekapituliere und mein Bild dessen geprägt hat, was und wie die Juden sind.
Im Süden geboren, wo kein Jude je hingekommen oder nie einer geblieben ist, in Staaten ausgebildet, wo sie sehr zahlreich sind, kam ich an ein großstädtisches College ohne klare Vorstellung davon, was ein Jude im modernen Leben ist – ich hatte nicht einmal das Gefühl, je einen gesehen zu haben. Diese Einfalt oder Blindheit kann ich mir nicht mehr erklären. Mir war selbstverständlich nicht entgangen, dass einige Menschen, die irgendwie anders als wir sind, »Juden« genannt werden, in einem gewissen Abstand von uns leben, in welchem sie am besten bleiben. Aber dieser Eindruck war mehr als vage. Woher er rührt, weiß ich nicht; ich entsinne mich nicht, auch nur die geringste Neugier gehabt zu haben, diesem Eindruck oder den Juden selbst nachzuforschen. Ich hatte schlicht aus dem Dunstkreis einer fortgeschrittenen und heterogenen modernen Gesellschaft eine leicht ablehnende Einstellung gegenüber den Juden übernommen. Ich brachte diese Einstellung ungeprüft mit ans College, wo sie während zweier Monate weder bestätigt wurde noch Nahrung fand. Ich ruderte und tanzte und schwänzte Seminare und war politisch; Mitte November kannte ich die meisten der 500 Leute meines Jahrgangs. Dann nahm mich der, der bei uns in Position drei ruderte – wir waren acht und ich saß am Bug –, in den Duschräumen zur Seite und riet mir, nicht so viel mit Rosenblum zu tratschen.
Ich fragte, warum ich das nicht tun sollte. Rosenblum war Schlagmann, ein großer, freundlicher, liebenswerter Kerl; seine Fähigkeit im Einmannboot bewunderte ich sehr und beneidete ich sicherlich auch. Weil die Leute im Schlafsaal das nicht gern sähen, sagte mein Freund. »Was haben sie denn gegen ihn?« »Er ist halt jüdisch«, erklärte mein Freund, ein Mitteleuropäer der zweiten Generation.
Um meinem Unglauben Ausdruck zu verleihen, stieß ich ein Heulen aus und verschwand wieder unter der Dusche. Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass er vielleicht Recht haben könnte. Doch am nächsten Tag, als ich gerade mit Herz redete – dem Steuermann, den ich intelligent und vergnüglich fand –, erinnerte ich mich der Verleumdung mit einigem Ärger und erzählte sie Herz als eine Kuriosität. Herz sah mich sehr seltsam an, senkte seinen Kopf und sagte nach einer Pause: »Tja, Al ist jüdisch, hast du das nicht gewusst?« Ich war verblüfft. Ich sagte, das sei absurd, das könne doch nicht sein! »Warum denn nicht?« sagte Herz, der ebenso erstaunt gewesen sein musste wie ich. »Weißt du nicht, dass ich ein Jude bin?«
Das hatte ich nicht gewusst, ganz bestimmt nicht, und Unwissenheit hat mich selten so gedemütigt wie damals. Herz verspottete mich nicht, er ging einfach. Aber größer als meine Scham darüber, etwas nicht gewusst zu haben, was allen leichthin bekannt war, waren meine Gefühle angesichts einer Entdeckung, die ich gleich darauf machte. Indem ich mich vorsichtig umhörte, fand ich heraus, dass ungefähr ein Drittel der Männer, mit denen ich am College Umgang hatte, Juden waren; dass sie das wussten und andere es ebenfalls wussten; dass einige der anderen sie deshalb nicht mochten, und dass sie auch das wussten; dass es bestimmte Schlafsäle speziell für Juden gab, die vom Rest ausgeschlossen waren; und dass das, was ich bald darauf als einen idiotischen Zustand ansah, tief verankert, ganz gewöhnlich und allgemein anerkannt war. Mit dieser Entdeckung begann meine Einführung ins soziale Leben – das soziale Leben stellte ich mir als das vor, woraus das politische Leben hervorgeht, als sei es ein Traum des Körpers allein.
Diese Entdeckung änderte die Beziehung zu meinen Freunden nicht. Ich legte lediglich die alte Vorstellung ab, die Juden könnten Gegenstand irgendeiner besonderen Einstellung sein; meine alte Vorstellung verflüchtigte sich. Das war im Jahr 1933. Später, als Berichte über die deutschen Verfolgungen sich in unserm Land verbreiteten, hat ohne Zweifel irgendeine Sentimentalität meine Nicht-Einstellung untergraben. Ich leugnete offensichtliche Makel bei bestimmten Juden, aus Furcht, ich könnte damit Seit an Seit mit den Sadisten und Mördern stehen. Wenn ich mich zufällig mit Juden eng befreundete, machten mich ihre schlechten Eigenschaften rasend. Nach und nach wurde ich, gegen mein Empfinden von unteilbarer Gerechtigkeit, eine Ausnahme, welche nur eine geteilte Gesellschaft hervorbringt und für die es noch kein Wort im Lexikon gibt. In einer Gegend, aber nicht ausschließlich dort, ist »nigger-lover« für einen ähnlichen Zweck geprägt worden, aber für eine besondere Sympathie für die Juden, eine ausgeprägte Vorliebe für sie – die mein Schicksal wurde, sodass ich schon zitterte, wenn einem von ihnen übel nachgeredet wurde – haben wir keinen Begriff. In diesem Zustand befand ich mich noch während des Sommers, von dem ich spreche. Ein besonderer Umstand sollte noch erwähnt werden, er ist, glaube ich, aus dieser seltsamen Praxis hervorgegangen. Ich bin ausgesprochen unfähig, Juden als Juden zu erkennen, ob nun am Namen, an bestimmten Zügen, am Akzent oder an der Umgebung. Das war sicherlich vor der Sache im College der Fall, aber es blieb so während meines ganzen Lebens seither. Selbst Namen, die für alle andern offenkundig hebräisch sind, bedeuten mir selten irgendwas. Und wenn ich erfahre, der und der ist Jude, bin ich geneigt, es gleich wieder zu vergessen. Nun mag das Jüdische eine so bemerkenswerte und interessante Tatsache sein wie die Heldentat eines Mannes oder seine Christlichkeit oder sein Verständnis der feinsten menschlichen Beziehungen, und ich bin mir auch sicher, dass irgendwas mich davon abhält, alle Anzeichen wahrzunehmen und festzuhalten, an denen ein jüdischer Mann, eine jüdische Frau erkannt werden können.
Also in die Stadt, meinen Sommer und eine Nacht im August. Ich hatte die Angewohnheit, an der 14. Straße einen Eiskaffee zu nehmen, wenn ich von meinem Heim (vielmehr meinem Zimmer) im Village kam und meine Freundin verabschiedet hatte. Eines Nachts lief ich, als ich draußen war, über die mit Bäumen und Gras und Betonpfaden angelegte Verkehrsinsel auf dem Union Square. Dort sitzen an Sommerabenden ein paar Männer, auch ein paar alte Frauen, lesen Zeitung oder starren Löcher in die Luft oder plaudern, Grüppchen von ihnen bleiben noch lange wach, um miteinander zu streiten; das sind die Arbeitslosen oder die Unvermittelbaren, die Schlaflosen und die Unzufriedenen. Es sind keine richtigen Redner wie in den Dreißigern am Columbus Circle oder in der Hyde Park Corner. Jede Gruppe wird von bestimmten wortgewaltigen Personen mit lautem Organ beherrscht, die die anderen mit Vorurteilen und Wünschen bombardiert, sie geht energisch hin und her und nimmt es nach und nach mit denen auf, die sie unterbrechen: ein Forum aus dem Bodensatz – Jeffersons Furcht, Whitmans Hoffnung, der Traum des jungen Lenin. Es war gerade gegen ein Uhr, ziemlich heiß und es waren noch viele Leute draußen. Ich betrachtete mir eine Zeitlang die Reiterstatue, die in der Nacht nur ein Schatten auf dem Sockel war, und stellte mir vor, der Nebelreiter könnte all diese Männer zu seinen Füßen wegfegen, wenn er es nur wollte – was für ein Machtsymbol der mechanischen Epoche kann es mit dem Mann zu Pferde aufnehmen? Dann bewegte ich mich in Richtung der Gruppe, die mir am nächsten stand oder tauchte fast in sie ein.
Der Anführer der Gruppe war alt, hatte dunkle, rissige Haut, starre Augen in einem expressiven Gesicht, beugte sich auf seiner Bank irre vor zu dem halben Dutzend Männer, die im Halbkreis um ihn standen. »Es ist Brot! Es ist Brot!« sagte er. »Es ist bittersüß. Die ganze Bitterkeit, die ganze Süße. Ein Anfang. Was wollt ihr denn sonst? Wenn ihr Steak und Kartoffeln bestellt, wollt ihr Gebäck dazu? Es ist Brot! Es ist Brot! Nehmt euch! Nehmt euch!«
Die Zuhörer standen da, ausdruckslos, mit Ausnahme von einem, der vor Verachtung grinste und nun unterbrach.
»Nie eine glückliche Minute, nie eine glückliche Minute!« weinte der alte Mann. »Es ist gut, tot zu sein! Einige sollten sich umbringen.«
»Willst du denn nicht leben?« sagte der grinsende Mann.
»Natürlich will ich leben. Jeder will leben! Wenn der Tod plötzlich kommt, ist es besser. Es ist besser!«
Voll Schmerz wandte ich mich ab. Die nächste Gruppe redete konfus und zornig über den Bürgermeister, und ich ging zu einer dritten, in der ein hektischer junger Mann mit olivefarbener Haut und dem Ansatz eines seidigen Barts ausrief:
»Kein Restaurant in New York führt das Letzte Abendmahl! Nein. Wenn die Leute sich zum Essen hinsetzen, sollten sie mal daran denken!«
»Hör mal«, sagte ein Student mit weißem Hemd, der auf dem Geländer saß und sich beifallheischend umschaute, »hör mal, wenn ich ein Restaurant aufmache und Das Letzte Abendmahl über die Tür schreibe, wieviel Geld würde ich damit wohl verlieren? Zehntausend Dollar?«
Die vierte Menschenansammlung war größer und schien geschlossener. Ein heftiger Streit war im Gange zwischen einem Mann um die 50 mit einem öligen roten Gesicht, mit Hut, sehr selbstsicher, und einem muskulösen Kerl, halb so alt, mit dichten Augenbrauen, ohne Mantel, offenkundig irisch. Fünfzehn oder zwanzig Männer standen dicht gedrängt um sie, und andere auf einer Bank nahe dem Geländer, an das der Ire sich lehnte, waren auch dabei. Ich hörte ein paar Minuten lang zu. Es ging um die Frage, ob der Präsident uns in den Krieg führen wird – oder vielmehr darum, ob das rechtens sei. Der Ire behauptete, Roosevelt sei ein gottverdammter Kriegstreiber, den alle echten Leute im Lande hassten, während der ältere Mann behauptete, wir hätten in den Scheißkrieg ziehen sollen, als vor einem Jahr Frankreich fiel, und das hätten, außer ein paar Immigrantenratten, auch alle gewusst. Rotgesicht redete zehnmal mehr als der Ire, aber er konnte, meinem Eindruck nach, keinen Punkt machen. Er quasselte lang und breit, dann erwiderte ihm der Ire kurz und wütend, was er zuvor schon gesagt hatte, oder änderte seine Meinung. Das Publikum schwieg. Wen es bevorzugte, wusste ich nicht, aber es lauschte gebannt. Einer oder zwei Männer verließen die Gruppe, andere drängten vor, sodass ich direkt vor die Diskutanten gedrückt wurde. Der junge Ire brach plötzlich in eine Tirade gegen den Mann mit dem Hut aus:
»Du bist voll Scheiße. Roosevelt hat sogar versucht, uns an die Seite der Kommunisten in Spanien zu stellen. Wär’ ihm das gelungen, hätten wir Kirchen abgefackelt wie der Rest der Roten.«
»Nein, das stimmt nicht«, hörte ich meine eigene Stimme und stieß vor, fühlte das Blut in meinen Kopf schießen und begann zu zittern. »Nein, Roosevelt hat tatsächlich Franco durch Nicht-Intervention geholfen, und zur selben Zeit kämpften italienische und deutsche Flugzeuge gegen die Regierung und es konnte keinen Nachschub von Waffen aus Frankreich geben.«
»Was soll das denn? Was bist du, ein Jude?« Er drehte sich voller Verachtung zu mir um, und bevor ich etwas sagen konnte, kam er auch schon auf den älteren Mann zurück. »Der einzige Grund dafür, weshalb wir vor drei, vier Jahren nicht drüben waren, ist, dass man uns nur eine Zeitlang verarschen kann. Dann haben wir die Schnauze voll. Kein New-Deal-Bastard hätte uns dazu bringen können, den gottverdammten Kommunisten zu helfen.«
»Das ist doch gar nicht die Frage, sondern ob wir jetzt oder später kämpfen wollen. Diese Nazis sitzen nicht untätig herum!« schrie der Mann mit dem roten Gesicht. »Ägypten haben sie praktisch schon, dann kommt Indien, wenn nicht zuerst England. Es geht gar nicht um die Kommunisten, die Kommunisten sind auf Hitlers Seite. Ich sag’s dir, wir können warten und warten und kauen und ausspucken und eh du einen lässt, sind sie in England und wer hilft uns dann, wenn sie hinter uns her sind? Brasilien vielleicht? Mach dich schlau über die Welt! Spanien hat so oder so nichts zu bedeuten, es kann uns weder helfen noch schaden. Es ist Deutschland und Italien und Japan, und wenn es noch nicht zu spät ist, wird es bald zu spät sein. Mach dich schlau! Wir hätten reingehen sollen …«
»Mit was denn?« sagte der Ire voll Abscheu. »Pappi, Pappi, mit Maschinengewehren aus Holz etwa?«
»Wir sind jetzt so bereit wie vor einem Jahr. Verteidigung heißt nichts, kämpfen musst du!«
»Nein, wir sind jetzt besser dran als noch vor einem Jahr«, sagte ich. »Als England in den Krieg eingetreten ist, um das Versprechen zu halten, das es Polen gegeben hat, was hat es Polen genützt? Die deutsche Armee …«
»Halt’s Maul, du Jude«, sagte der Ire.
»Ich bin kein Jude«, sagte ich ihm. »Wie kommst du …«
»Hör zu, Pappi«, sagte er zu dem Mann mit Hut, »ist okay, wenn du hier deine Meinung zum Besten gibst, aber was zum Teufel hast du damit überhaupt zu tun? Du wirst sowieso nicht kämpfen.«
»Hör mal«, sagte ich.
»Du sitzt auf deinem fetten Arsch und quatschst darüber, wer mit wem kämpfen soll. Niemand wird mit irgendwem kämpfen. Wenn wir heiß drauf sind, sollten wir erstmal mit ein paar Hurensöhnen hier aufräumen, bevor wir sonstwo Eier zeigen, um England zu helfen. Wir sollten mal mit den Hurensöhnen in der Wall Street und Washington aufräumen, bevor wir über den Ozean gehen. Weiß du was, weißt du, warum Deutschland in diesem Krieg immer nur gewinnt? Weil sie zu Hause keine Juden mehr haben. Es gibt keine Juden mehr, die erst nach Krieg schreien wie der hier«, er deutete mit dem Kopf auf mich, »und sich dann mit den Profiten in ihre Synagoge verziehen. Wach auf, Pappi! Du musst doch im letzten Krieg dabei gewesen sein, du solltest es wissen.«
Ich war zu nervös, um böse oder nachtragend zu sein. Aber ich hatte einen Druck auf der Brust und konnte nicht mehr richtig atmen. Ich packte den Iren am Arm.
»Hör mal, ich hab’s dir schon gesagt, dass ich kein Jude bin.«
»Ich scheiß drauf, wer du bist«, wandte er seine halbdunklen Augen zu mir und entwand sich meinem Griff. »Du redest wie ein Jude.«
»Was heißt das denn?« Etwas in mir wollte lachen. »Wie redet denn ein Jude?«
»Sie reden wie du, Freundchen.«
»Das ist ja ein tolles Argument! Aber wenn ich kein Jude bin, ist das, was ich sage …«
»Du bist vermutlich ein Jude. Du siehst aus wie ein Jude.«
»Ich sehe aus wie ein Jude? Hören Sie«, verzweifelt drehte ich mich zu einem Mann neben mir um, »sehe ich aus wie ein Jude? Es ist egal, ob ich’s tue oder nicht – ein Jude ist so gut wie jedermann und besser als dieser Hurensohn …« Ich war nicht wirklich außer mir, aber versuchte, meine Redeweise dem Bedürfnis anzupassen, das Urteil der Menge zu hören, nach dem es mich plötzlich verlangte, ja von dem ich besessen war. »Aber in Wahrheit bin ich nicht jüdisch und sehe auch nicht jüdisch aus. Oder doch?«
Der Mann schaute mich kurz an und sagte, halb zu mir und halb zum Iren: »Teufel, ich weiß auch nicht. Natürlich sieht er so aus.«
Eine Wallung von Enttäuschung und Wut stieg in mir auf und ließ mich fast in Tränen ausbrechen, ich fühlte mich wie ein Mann, der vom eigenen Bruder betrogen wurde. Die Lampen schienen heller und diffuser zu sein, die Nacht riesig. Als ich mich umschaute, sah ich auf einer Bank einen großen, schweren, seriös aussehenden Mann um die Dreißig, der mir schon früher aufgefallen war und wendete mich flehentlich an ihn: »Sagen Sie mir, sehe ich jüdisch aus?«
Aber er starrte nur durch mich hindurch und wiegte sachte seinen Kopf. Ich sah mit Schrecken, dass irgendwas mit ihm nicht stimmte.
»Du siehst aus wie ein Jude. Du redest wie ein Jude. Du bist ein Jude«, hörte ich den Iren sagen.
Ich hörte die Männer um mich her murmeln, aber konnte nichts klar erkennen. Es schien sehr heiß zu sein. Noch einmal wendete ich mich hilflos dem Iren zu und versuchte, meine Stimme zu dämpfen.
»Ich bin kein Jude«, sagte ich ihm. »Ich könnte einer sein, aber ich bin keiner. Du hast keinen verfluchten Grund, das anzunehmen, und du kannst nicht einen Juden aus mir machen, indem du immer nur wie ein Depp wiederholst, ich wäre einer.«
»Leugne es nicht ab, mein Sohn«, sagte der Mann mit dem roten Gesicht, »zeig dich ihm gewachsen.«
»Gottverdammt nochmal.« Plötzlich war ich wütend, eilte wie ein Verrückter (hatte ich Angst vor dem Iren? Hatte er mich besiegt?) auf den rotgesichtigen Mann zu. »Ich leugne es nicht ab! Oder vielmehr tu ich es, aber nur deshalb, weil ich kein Jude bin! Ich hasse Renegaten, ich hasse Juden, die sich gegen ihr eigenes Volk wenden. Wäre ich ein Jude, würde ich das auch sagen, ich wäre stolz darauf: Was würde mir schon die bösartige Meinung dieses Mannes bedeuten, wäre ich ein Jude? Aber ich bin keiner. Warum zum Teufel soll ich zugeben, einer zu sein, wenn ich keiner bin?«
»Jesus, der Jude regt sich auf«, sagte der Ire.
»Ich hab auch allen Grund dafür, mich aufzuregen, du Hurensohn. Stell dir mal vor, ich würde dich einen Juden nennen. Hätte das irgendeine Bedeutung?«
»Nicht die allergeringste.« Er spuckte über das Geländer, dicht am Kopf eines Mannes vorbei.
»Dann beweis mir’s. Ich sage, du bist einer.«
»Hör mal zu, du Jude. Ich bin Katholik.«
»Das bin ich auch, ich wurde jedenfalls als einer geboren, jetzt bin ich keiner mehr. Ich bin als Katholik geboren.« Ich war etwas ruhiger, aber trieb das Ganze weiter voran, getrieben davon, die Sache klarzustellen. Ich hatte den Eindruck, dass dort für alle alles davon abhing, ob ich ihn widerlegen konnte. Wenn auch nur einmal allen Männern dort gezeigt werden konnte, dass dieses Böse, für das wir nicht einmal einen Namen haben, gegenstandslos ist, wenn ich beweisen könnte, dass ich kein Jude bin, dann würde alles in sich zusammenfallen und niemals würde irgendjemand wieder als Jude angeklagt. Dann konnte man darüber hinweggehen. Das faschistische Amerika stand auf dem Spiel. Ich hörte voll Ungewissheit darauf, wie sich unser Schicksal entscheiden würde.
»So?« sagte der Ire. »Dann sag mal das Apostolische Glaubensbekenntnis auf.«
Mein Gedächtnis wirbelte zurück, ich konnte den Klang des Glöckchens ersterben hören, wenn ich es packte und auf den Filz stellte, Pater Bonifaz schaute auf mich herab, riesig auf der obersten Stufe und lächelnd, er grüßte mich im Dunkeln kurz vor Morgengrauen, wenn ich zum Dienen kam, die Männer drängten sich unter den Lampen um mich und ich konnte mich an nichts erinnern als an visibilium omnium … et invisibilium?
»Ich kann mich nicht erinnern.«
Der Ire lachte, seiner selbst sehr sicher.
Ich dachte gehetzt an die Papiere in meiner Tasche. In meinem Portemonnaie. Was könnten sie beweisen? Stücke von Ritualen, Kirchengeschichte, jeder konnte das lernen. Mein Anteil irisches Blut. Schande, Schande. Schande über mein unbarmherziges Volk. Ich will nicht von seinem Blut sein. Ich wünschte, ich wäre ein Jude, ich würde mein Blut austauschen, um Ja sagen und ihm trotzen zu können.
»Ich bin kein Jude.« Ich kam mir wie ein Trottel vor. »Du sagst das nur. Du hast nicht den geringsten Beweis dafür.«
Er beugte sich vom Geländer vor, kam mir nahe. »Bist du beschnitten?«
Schrecken, Angst durchfuhren mich, bevor ich überhaupt wusste, was er damit meinen könnte. Dann durchfuhren sie mich heftiger noch, und ich war ganz durcheinander.
Wie es dann weiterging, weiß ich nicht mehr genau. Ich blieb noch lange – es schien unmöglich, zu gehen und ihn damit zum Sieger zu küren. Ich dachte an eventuelle Kampfgefährten und neue Beweise, aber ohne Hoffnung. Ich war bis ins Mark erschöpft. Die Streit wogte hin und her, ich sagte oft etwas, aber wurde selten beachtet, außer von einer alten fetten Frau, sehr klein und schmutzig, die überhaupt jedem aufmerksam zuhörte. Schwerer und schwerer schien in der schwindenden Nacht die allgemeine Schuld auf uns zu lasten.
In den Tagen, die folgten, verrauchte mein Zorn und ich erkannte, dass ich nicht ganz ohne Grund Opfer geworden war. Meine Ankläger hatten Recht: Ich war ein Jude. Der imaginäre Jude, der ich war, war so wirklich wie der imaginäre Jude, der, an anderen Tagen und Nächten, in einem wirklichen Juden zur Strecke gebracht worden ist. Jeder Mörder zerschlägt den Spiegel, die Peitsche des Folterers schlägt auf den Spiegel und zerschneidet das wirkliche Bild, und das echte und das eingebildete Blut fließen gemeinsam hinab.
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