von Jörn Schulz
Vor drei Jahren habe ich sie für tot erklärt, nun erlebt sie eine Wiedergeburt: die Lohn-Preis-Spirale. Lohnerhöhungen, so die These, zwingen die Unternehmer zu Preiserhöhungen, auf die Gewerkschafter mit weiteren Lohnforderungen reagieren. Das – nicht die Preiserhöhung, sondern die Lohnerhöhung – erzeugt besagte Spirale, die die Wirtschaft schädigt.
In Deutschland ist es noch nicht soweit, stellt Alexander Hagelüken in der Süddeutschen Zeitung fest: „Es gibt bisher keine Anzeichen dafür, dass Gewerkschaften die Inflation missbrauchen würden, um wie in den siebziger Jahren eine Lohn-Preis-Spirale zu erzeugen.“ Anders in den Vereinigten Arabischen Emiraten, dort allerdings „löst die Inflation eine Lohn-Preis-Spirale aus“, denn Gewerkschafter, denen man die Schuld geben könnte, gibt es nicht.
Den um den Standort besorgten deutschen Konsumenten stellt die Wiedergeburt der Lohn-Preis-Spirale vor ein Dilemma. „Die Konsumenten sind nicht mehr in Stimmung. Wie groß ist die Gefahr für die Konjunktur?“, fragte die Süddeutsche Zeitung, und noch Ende Juni wurde beklagt: „Hoher Ölpreis verdirbt Shoppinglaune.“ Auch einem geübten Wirtschaftsesoteriker dürfte es schwerfallen, eine durch böswilligen Inflationsmissbrauch und eine durch gute Shoppinglaune verursachte Preissteigerung voneinander zu unterscheiden. Kauft der Konsument nichts, schädigt er die Konjunktur und ist schuld an der globalen Rezession. Kauft er etwas, heizt er die Inflation an und ist schuld an der globalen Rezession.
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